Von Geisenheim nach Mainz (10. Juli 2012)

Meinen Urlaub habe ich mir in diesem Jahr etwas anders vorgestellt. Schon frühzeitig stand fest, dass ich die ersten drei Wochen der Sommerferien frei haben werde. Mein Sohn wird davon zwei Wochen mit der Sportjugend in Obervellach in Österreich verbringen. Zwei Tage nach meinem letzten Arbeitstag ist meine Familie nach Hamburg gefahren, um dort meinen zwei Wochen zuvor verstorbenen Bruder Martin zu Grabe zu tragen. Auch wenn wir selten Kontakt zueinander hatten, ist mir sein Tod sehr nahe gegangen. In so einer Situation kommen einem wohl immer Gedanken, was man hätte besser machen können. So war für mich recht bald klar, dass ich noch einmal raus in die Natur, auf den Jakobsweg, musste, um diese Situation für mich zu verarbeiten. Ich wählte für mich die letzte Etappe auf dem Rhein-Camino von Geisenheim bis nach Mainz. Wie immer geht es früh mit dem Zug vom Koblenzer Hauptbahnhof los. Nach einer guten Stunde bin ich am Ziel und verlasse rasch den Bahnhof. Ich möchte direkt auf die Strecke.

Über die „Bahnstraße“ und die „Behlstraße“ gelange ich auf die „Albert-Schweitzer-Straße“, der ich bis zu den letzten Häusern folge. Dort überquere ich eine breitere Straße und befinde mich mitten in Weinfeldern. Ich möchte ein erstes Photo machen und stelle fest, dass ich meine Kamera zu Hause liegen gelassen habe. Zum Glück habe ich mein Mobiltelefon dabei, mit dem ich zwar keine qualitativ guten Bilder, aber immerhin überhaupt welche machen kann. Nach einem Kilometer erreiche ich den südlichen Rand von Johannisberg. Ich passiere die Ackermühle und folge dem „Märzackerweg“ bis nach Oestrich-Winkel. Dort gehe ich in Richtung „Schloss Vollrads“, biege aber auf Höhe des Sportplatzes wieder nach rechts in die Weinberge. Nach vier Kilometern bin ich in Hattenheim, wo ich zunächst an einem Bach vorbeilaufe und anschließend steil nach Osten aufsteigen muss. Circa dreißig Minuten später habe ich eine erste Gelegenheit, mich in Erbach in die geöffnete katholische Kirche St. Sophia zu setzen, wo ich zwei Kerzen entzünde. Leider hat das Pfarrbüro geschlossen, sodass ich mir keinen Stempel geben lassen kann. Den bekomme ich dafür aber im evangelischen Pfarramt.

Weiter geht es über die „Erbacher Straße“ nach Eltville. Dort gleicht die Innenstadt einer Baustelle. In einer Drogerie kaufe ich mir Getränke, denn ich habe bereits viel getrunken. Im katholischen Pfarramt St. Peter und Paul bekomme ich den nächsten Stempel. Auch hier mache ich eine kurze Besinnungspause in der Kirche, in der ich mit leiser Musik berieselt werde. Ich entzünde wiederum zwei Kerzen und trage mich im ausliegenden Buch ein. Nach einem kurzen Stück auf der „Rheingauer Straße“ biege ich an den Rhein ab und bleibe die nächsten drei Kilometer auf dem Leinpfad. In Niederwalluf gehe ich direkt in den Ort, passiere dabei die katholische Johanneskirche, die aber verschlossen ist. Nach einem kleinen Umweg zum Bahnhof erreiche ich die evangelische Erlöserkirche, die tagsüber geöffnet ist. Hier möchte ich meine Mittagsrast machen, schaue mir aber zunächst die Kirche an und trage mich auch hier in einem Buch ein. Nach einem Gebet verzehre ich ein kleines Baguette und ein Stück Wildschweinsalami.

In der Nähe des Wallufer Sportplatzes erreiche ich wieder das Rheinufer, wo ich am Schiersteiner Wasserwerk mit Naturschutzgebiet entlanglaufe. Auf einem Strommast entdecke ich zwei Störche, die ihre Nester bewachen. Das nächste markante Objekt ist der Hafen von Schierstein. Hier fand am vergangenen Wochenende das Hafenfest statt. Unzählige Menschen sind noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Am Ende des Hafens verlasse ich kurz den Rhein und besorge mir in einem Supermarkt noch etwas zu trinken. Es ist mittlerweile sehr warm geworden und ich habe inzwischen alle Flaschen geleert. Hinter dem „Schloss Biebrich“ gehe ich ans Rheinufer und finde dort eine Anzahl Steinmännchen. Ich setze noch den ein oder anderen Stein drauf, bevor ich mir die leider verschlossene Oranierkirche von außen anschaue. Die nächste Passage ist nicht so schön, es geht durch kalte Industrieanlagen. Zum Glück lasse ich das Stück rasch hinter mir und befinde mich in einer parkähnlichen Wohnanlage und den Rheinwiesen von Wiesbaden. Ich bleibe auf dem Rheinuferweg bis zur Theodor-Heuss-Brücke und wandere von der Hauptstadt Hessens zur Hauptstadt von Rheinland-Pfalz. Am Ende der Brücke entdecke ich die bekannten Jakobsweg-Schilder, denen ich vertraue und auch folge. Auf Mainzer Seite wende ich mich der Karmeliterkirche zu, um auch dort etwas zu verweilen.

Meine nächste Station ist die Ruine der St. Christoph-Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die als Taufkirche von Johannes Gutenberg gilt. Heute ist die im Krieg zerstörte Kirche Mahnmal für die Opfer und die Zerstörung von Mainz. Die letzten Meter der heutigen Etappe führen mich über die Schusterstraße, bis ich schließlich vor dem Mainzer Dom, der dem heiligen Martin geweiht und somit das richtige Ziel für die heutige Pilgerwanderung ist. Dankbar für den heutigen Tag, entzünde erneut zwei Kerzen und lasse mich zu einem Gebet nieder. Anschließend schaue ich mir den Dom noch etwas genauer an, bevor ich mich auf den Weg zum Bahnhof mache. Ich bin froh, dass ich heute unterwegs war, denn ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, der Kopf ist jetzt wieder frei. Schon bald habe ich die Möglichkeit, mich in einen Zug nach Koblenz zu setzen und eine gute Stunde später wieder an meinem Wohnort anzukommen.