Von Lorch nach Geisenheim (8. November 2011)

Nach vielen Wochen ohne einen Pilgertag beschließe ich kurzfristig, meinen Pilgerweg auf dem Rhein-Camino ab Lorch fortzusetzen. Diesen Tag widme ich meiner lieben Frau, die in einer guten Woche eine schwere Operation erwartet. Mit der Bahn fahre ich früh von Koblenz in den Rheingau und beginne den Weg an der katholischen Pfarrkirche St. Martin in Lorch, die im 14. Jahrhundert vollendet wurde. Leider ist die Kirche nur an den Wochenenden geöffnet, sodass ich sie nicht besichtigen kann. Damit entgeht mir der älteste und wohl auch erste monochrom konzipierte Schnitzaltar aus dem Jahre 1483, der somit eine herausragende kunstgeschichtliche Stellung innehat. Hinter der Kirche befindet sich das Pfarrhaus, wo ich meinen Pilgerstempel erhalte. Dann erklimme ich den Römerberg und befinde mich nach einem guten Kilometer hoch über Lorch, habe von dort einen schönen Ausblick. Ich passiere eine kleine Solaranlage und laufe hangparallel in Richtung Süden. Von hier oben erscheint der Rhein wie eine dampfende Suppe, der Nebel wird allmählich dichter. Dunkle Wolken verhindern zudem, dass die Sonne stärker zur Geltung kommt.

Ich laufe entlang des Rheingauer Rieslingpfades durch die Weinberge. Die meisten Rebstöcke haben bereits ihr Laub vollständig abgeworfen, nur vereinzelt leuchten einige Lagen in bunten Herbstfarben. Ich gelange nun in ein Waldstück und muss den „Bachergrund“, ein Seitental, umlaufen. Dabei komme ich an einigen schönen Wochenendhäusern vorbei, die idyllisch am Südhang gelegen sind. Bald bin ich wieder in Sichtweite des Rheins und halte mich auf einem Weg direkt unterhalb des herbstlichen Waldrandes auf. Auf der gegenüberliegenden Flussseite kann ich im Nebel gerade noch die Burg Sooneck erahnen. Direkt daneben hat der Mensch eine furchtbare Narbe in die Natur geschlagen. Dort befindet sich nämlich ein terrassenförmiger Quarzit-Tagebau, der bis zu meinem Standort einen unüberhörbaren Lärmpegel produziert. Dieses Bild passt nun wirklich nicht in ein Weltkultur-erbe. Kurze Zeit später erreiche ich den Aussichtspunkt „Georgs-Ruh“. Hier treffe ich auf eine halboffene Schutzhütte mit herrlichem Blick auf Trechtingshausen. Am Rand des Berghanges hat man eine Sitzgruppe installiert, die zur Rast einlädt. Dieses Angebot nutze ich für eine erste Verschnaufpause und nehme einen kleinen Snack zu mir. 

Ich durchwandere das „Bodental“ und gelange zum „Teufelskadrich“, einem sagenhaften Berg mit steilen Geröllhalden. Es ereignete sich vor langer Zeit, dass der Ritter Sibo von Lorch einem alten Männlein die Unterkunft verweigerte und dieses zur Strafe seine Tochter entführte. Alle Bemühungen des Ritters, sie zu befreien, waren umsonst. Es gelang niemandem, den Kadrich zu besteigen, ohne von einem Steinregen überrascht zu werden. Erst einige Jahre später gelang es dem Ritter Rudhelm mit Hilfe eines silbernen Glöckleins, das er von einem grauen Weiblein erhielt, zum Berg vorzudringen. Ihr Bruder erklärte ihm, dass der Teufel im Kadrich wohne und die Berggeister beherrsche. Am nächsten Tag waren alle losen Steine verschwunden und dem Teufel wurde der Ausgang versperrt. Die Berggeister und auch die Tochter des Ritters Sibo wurden befreit. Auf dem Rückweg nach Lorch verschwanden alle Bergmännlein und der Teufel hat dem Kadrich nur noch seinen Namen hinterlassen. Am Wegesrand entdecke ich dann die verschwundenen Berggeister: erst einen, dann immer mehr Figuren aus zusammengefügten Steinen. Ich lasse es mir nicht nehmen, einem der Berggeister den Hut mit einem flachen Stein auszubessern.

Auf dem weiteren Weg meiner Pilgerwanderung biege ich am „Bacharacher Kopf“ nach rechts ab und laufe über Berge welken Laubes. Der schmale Pfad ist kaum noch zu erkennen und windet sich durch lichten Eichenwald. Hier begegnen mir vier ältere Damen mit einem Hund, denen ich später noch Respekt zollen sollte, denn es wird jetzt abenteuerlich. Der Pfad im Hang wird felsiger, ich muss einige steile Stufen emporsteigen, teilweise mit Hilfe von Holzgeländern und Drahtseilen. Ich gelange danach wieder auf einen einfacheren Abschnitt und habe einen ersten Blick auf Assmannshausen. Über serpentinenartige Wirtschaftswege gehe ich abwärts und erreiche die katholische Pfarrkirche Heilig Kreuz aus dem 14. Jahrhundert. Die Kirche wird zurzeit renoviert und ist deshalb auch verschlossen. So entscheide ich mich, direkt weiterzugehen. Es geht steil aufwärts über die „Höllengasse“, von der Talstation bis zur Bergstation der Sesselbahn und zum Jagdschloss Niederwald. Ich laufe an einem Wildgehege und dem zum Hotel umgebauten Jagdschloss vorbei und bleibe dann einen Kilometer auf einem schmalen Weg entlang der L3034. Am Ende der Straße komme ich zum Niederwald-Denkmal, das 1883 von Kaiser Wilhelm I. eingeweiht wurde. Leider hat man in diesem Sommer begonnen, das Denkmal von Grund auf zu sanieren. So erhalte ich heute einen Anblick, der mich eher an ein Werk des Verpackungskünstlers Christo denn an ein Denkmal erinnert. Unterhalb des Monumentes habe ich einen tollen Blick auf Bingen und Rüdesheim. Beide Städte sind jedoch noch mit Nebelschwaden bedeckt, wenngleich die Sonne immer mehr Lücken in der Wolkendecke findet.

Es liegt jetzt noch eine gute halbe Stunde Wegstrecke vor mir, bis ich an der Abtei St. Hildegard eine längere Pause einlegen werde. Hinter einer Biegung erscheinen am Horizont die Turmspitzen der Abteikirche. Mit jedem Schritt scheint die Kirche weiter aus dem Boden in die Höhe zu wachsen, bis ich schließlich vor ihr stehe. Zunächst gehe ich durch einen kleinen Garten und betrete das Gotteshaus, das im Zeitraum 1900 bis 1908 nach dem Vorbild der alten Basiliken im romanischen Stil erbaut wurde. Der Innenraum ist freundlich, hell und bunt ausgemalt von Künstlern der Beuroner Kunstschule mit Motiven aus dem Alten Testament und dem Leben der Heiligen Hildegard. Ich trage mich in das ausliegende Fürbittenbuch ein und entzünde für meine Familie eine Kerze. Bevor ich wieder aufbreche, kaufe ich im Klosterladen eine Flasche Wein und lasse mir einen Stempel in den Pilgerausweis geben. Über den Rüdesheimer Stadtteil Windeck gelange ich zur Wallfahrtskirche Nothgottes, die aus dem frühen 14. Jahrhundert stammt. Der Klosterbau wurde vom Bistum Limburg der „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ für zunächst zehn Jahre zur Verfügung gestellt. Ich frage einen Angehörigen der Gemeinschaft, der gerade eine Avocado bearbeitet, ob die Kirche zugängig sei. Er erkennt in mir den Jakobspilger und wünscht mir einen guten Weg. Auch hier hinterlasse ich einige Worte in einem ausliegenden Buch und verweile noch ein wenig in der Ruhe der kleinen Kirche. Am Ende einer Waldpassage komme  ich zur Antonius-Kapelle, deren Altar von Vandalen mittels Feuer stark zerstört wurde. Was sind das nur für Menschen? Bereits zwanzig Minuten später erreiche ich Marienthal und das dortige Franziskanerkloster mit Wallfahrtskirche. Schon um 1309 wurden hier die ersten Wallfahrten durchgeführt, bald danach mit dem Bau einer Kirche begonnen, die 1857/58 neu errichtet wurde. Nachdem Augustinerchorherren und Jesuiten sich um die Wallfahrt kümmerten, sind seit 1873 die Franziskaner vor Ort.

Wie in den beiden vorherigen Kirchen verweile ich auch hier in Ruhe und Gebet, trage mich in das ausliegende Buch ein. An der Klosterpforte erhalte ich meinen Pilgerstempel und mache mich wieder auf den Weg. Ich gehe an zahlreichen kleinen Kapellen vorbei, die mit Bildern und Geschichten aus dem Leben Jesu versehen sind. Am Klosterfriedhof mitten im Wald begebe ich mich nach rechts auf einen Waldweg, der schnurgeradeaus führt. An der nächsten Kreuzung biege ich erneut nach rechts ab und erreiche einige Rebflächen, die noch gut mit Weintrauben bestückt sind. Das nutze ich schamlos aus und stibitze mir ein paar rote Trauben, die zuckersüß sind und richtig gut schmecken. Ich bin jetzt in Johannisberg angekommen. Der Weinort rühmt sich als Geburtsort der Spätlese. Jetzt verstehe ich auch, warum noch so viele Trauben an den Weinstöcken hängen. Von hier aus muss ich noch eine gute halbe Stunde bis zum Bahnhof nach Geisenheim laufen. Auf halbem Weg liegt auf der rechten Seite das ehemalige Kloster Johannisberg, das in einen Hotelkomplex umgebaut wurde. Die Klosterkirche wurde zu einem Restaurant umfunktioniert. Ich habe bei dem Gedanken ein komisches Gefühl. Unterwegs fülle ich meine Vorräte in einem Supermarkt auf, denn ich habe nach dem langen Tag Hunger bekommen. Bald fährt auch schon der nächste Zug in Richtung Koblenz ein, eine Stunde später steige ich dort aus und werde bereits von meiner Frau erwartet.