Von Koblenz über Mainz zum Kloster Bursfelde (12. Mai 2014)

Mitte März trudelte die Einladung zur diesjährigen Pilgerrüstzeit der evangelischen Militärseelsorge in meinem elektronischen Briefkasten ein. In diesem Jahr sollte vom Kloster Bursfelde zum Kloster Amelungsborn auf dem Pilgerweg Loccum - Volkenroda unter dem Motto „Da wird weit werden deine Grenze“ gepilgert werden. Am Anfang des Wegs befindet sich das ehemalige, 1131 gegründete Zisterzienserkloster Volkenroda in Thüringen. Von dort aus wurde 1163 das Kloster Loccum in der Nähe des Steinhuder Meeres errichtet, das den Endpunkt darstellt. Der Pilgerweg wurde 2004/2005 durch die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover zur Erinnerung an die Beziehung zwischen den beiden Klöstern eingerichtet. Ganz besonders erfreut war ich über die Teilnahme von solchen Kameraden, die schon seit einigen Jahren mit dabei sind. Dieses Mal wird unsere Gruppe mit einigen Teilnehmern aus dem Standort Seedorf begleitet. Auch meinen Pilgerfreund Jörg, mit dem ich auf dem Jakobsweg nach Spanien unterwegs bin, werde ich wieder treffen. In diesem Jahr wollten wir unseren Weg durch Frankreich nicht fortsetzen, sondern erst 2015 ab Vézelay weiterlaufen.

Ich treffe mich um 11:00 Uhr mit Dirk und Michael in der Koblenzer Falckenstein-Kaserne, wo wir ein Fahrzeug übernehmen. Wir verpacken unsere Ausrüstung und machen uns auf den Weg nach Mainz zum evangelischen Militärpfarramt. Gegen 12:15 Uhr kommen wir dort an und werden bereits von unseren Mitpilgern erwartet: Steffi, Tanja, Jörg, Michael, Ralf, Kevin, Ioannis sowie Pfarrer Alex und sein Helfer Jörg. Bevor wir uns auf den Weg zum 260 Kilometer entfernten Kloster Bursfelde machen, beladen wir die Fahrzeuge mit Gepäck, Getränken sowie Snacks und stärken uns in der Truppenküche mit einem deftigen Mittagsmahl. Danach verteilen wir uns auf die Autos und fahren über Frankfurt und die A5 in Richtung Kassel und Niedersachsen. Nach einer ruhigen, jedoch mit zahlreichen Regenschauern versehenen Fahrt, erreichen wir gegen 16:30 Uhr unseren Startort Kloster Bursfelde, das unmittelbar an der Weser liegt. Es wurde 1093 vom Kloster Corvey (bei Höxter) gegründet. Heute sind von den ursprünglichen Bauten nur noch die Kirche mit ihrem Ost- und Westteil sowie der Westflügel erhalten geblieben. Nach dem Neubau des Südflügels auf den alten Grundmauern wirkt nun ein geistliches Zentrum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover im Sinne des benediktinischen Gedankengutes. Bernd, Militärpfarrer aus Seedorf und Ines, Pfarrhelferin aus München, erwarten uns bereits und kurz darauf treffen noch Lothar und drei weitere Mitpilger aus Seedorf ein.

Direkt neben der Klosterkirche befindet sich die Pilgerherberge in einer umgebauten Scheune. Wir werden von Biana, einer ehrenamtlichen Betreuerin der Herberge empfangen und in die Gegebenheiten eingewiesen. Um einen zentralen Platz mit Tischen und Stühlen sind am Rande des großen Raumes mit Spanplatten abgetrennte Zellen errichtet worden, in den zwei oder vier Pilger ihren Schlafplatz finden. Zwei Sanitärzellen, eine Küchenzeile und einen Trockenraum mit Waschmaschine und Trockner runden die Einrichtung ab. Traditionell beziehen Jörg und ich eine Kammer, wir entscheiden uns für die „Cella Jakob“. Ich entdecke im Eingangsbereich den Pilgerstempel und drücke diesen in die mitgebrachten Pilgerausweise. Nach dem Herrichten der Betten zeigt uns Biana das Klostergelände und das Weserufer. Sie gibt uns noch den Tipp, vor der Abendandacht in der Ostkirche um 18:00 Uhr unbedingt in die unbestuhlte, romanische Westkirche zu gehen und das Geläut der Glocken zu erleben. Mit einem dumpfen Rumpeln setzen sich die Glockenstühle in Bewegung. Kurz darauf erklingen die ersten zaghaften Töne, die im Laufe der Zeit immer intensiver werden und mit dem leeren Kirchenraum einen bevorzugten Resonanzkörper finden. Nach der Andacht begeben wir uns in die benachbarte Klostermühle und lassen uns das Abendessen schmecken.

Ein ganz besonderes Erlebnis steht uns danach bevor. Um 21:00 Uhr findet das Abendgebet eines im Hause stattfindenden Kurses statt, zu dem wir vom Geistlichen Zentrum zur Teilnahme eingeladen wurden. Jeder entzündet sich eine Kerze und geht auf die Empore der dunklen Westkirche. Mit einem Lied schreiten wir eine Wendeltreppe hinab in und durch den Kirchenraum, entzünden rund um den Altar weitere Kerzen. Ich lasse den Raum, das Kerzenlicht und den Gesang auf mich wirken, lehne mich an einen Jahrhunderte alten Pfeiler. Ich schließe die Augen und habe den Eindruck, in die Zeit des mittelalterlichen Benediktinerklosters einzutauchen. Nach dem Verstummen des Liedes wird ein Gebet gesprochen, der Segen erteilt und ein weiteres, griechisches Lied angestimmt. Wer möchte, verlässt die Kirche wieder über die Treppe. Ich verbleibe noch einen Moment auf der Empore und genieße noch ein wenig diesen emotionalen Einstieg in die Pilgertage. Wir gehen schweigend zurück in die Herberge und nur allmählich kommen wieder Gespräche auf. Ich glaube, nicht nur mich hat das Abendgebet ergriffen. Zum Abschluss des Abends rücken wir die Tische zusammen und versammeln uns zu einer kurzen Vorstellungsrunde, bei der jeder ein wenig von seinen bisherigen Pilgererlebnissen und seinen Erwartungen an die kommenden Tage erzählt. Ines verteilt zudem an jeden eine „Pilgerapotheke“: in einem kleinen Behälter befinden sich nicht nur Pflaster für körperliche Wunden, sondern vornehmlich Sprüche als Begleiter während des Pilgerns. Davon solle man sich vor dem Abmarsch einen ziehen und diesen als Leitspruch für den Tag nutzen.