Von Kloster Bursfelde nach Eschershausen (13. Mai 2014)

Schon sehr früh regen sich die ersten Mitpilger in ihren Zellen, ich finde jedoch noch das ein oder andere Mal wieder in einen leichten Schlaf. Schließlich wird es doch Zeit, aufzustehen, sich frisch zu machen und das Gepäck schon einmal einigermaßen zu ordnen. Wer möchte, und das sind eigentlich alle, kann um 8:00 Uhr am Morgengebet mit Abendmahl teilnehmen. Für den in der Kirche ausliegenden Pilgerstempel habe ich den Stapel Pilgerausweise direkt mitgenommen. Nach dem morgendlichen Impuls feiern wir das Abendmahl in einem großen Kreis um den Altar. Dabei kann jeder den Namen von Menschen nennen, offen oder in Gedanken, die ihm nahe stehen und die Fürsprache Gottes benötigen. Nach dem reichhaltigen Frühstück in der Klostermühle heißt es einpacken, Rucksack schultern und der Pilgerherberge den Rücken zeigen.

Schon nach wenigen Schritten beginnt es leicht zu nieseln, der Himmel ist mit grauen Wolken verdeckt und es ist frisch. Ich habe mir ohne zu zögern meine warme Jacke übergezogen, die auch Regen abweist. Wir folgen leicht aufwärts durch knöchelhohes Gras der Wegmarkierung, einem blauen Zisterzienserkreuz auf weißem Grund, bis in den Wald hinein. Wir halten uns an der ersten großen Kreuzung links und wandern auf der Höhe immer parallel zur Weser. Schließlich verlassen wir den Wald und steigen hinab durch Felder auf einen Ort zu. Es ist aber nicht, wie zunächst vermutet, Fürstenhagen, sondern Oedelsheim. Wir haben uns direkt an der ersten Kreuzung verlaufen und sind so auf eine Nebenstrecke des Pilgerweges geraten. Nachdem die weit auseinander gezogene Gruppe wieder beisammen ist, beschließen wir nach Kartenstudium, wieder auf den ursprünglich angedachten Weg zu stoßen. In Oedelsheim besorge ich den Pilgerstempel, während der Rest auf Jörg Bertram wartet, der uns mit weiterem Kartenmaterial versorgt. Auf dem Weg nach Vernawahlshausen laufen wir an einem Kneipp-Becken vorbei, das einige von uns ausgiebig testen. Am Ortseingang verbringen wir, etwas abseits der von uns genutzten, kaum befahrenen Kreisstraße, unsere Mittagsrast mit Fleischwurst und Brötchen.

Nach einer Weile brechen Jörg, Dirk und ich schon einmal auf, um in der Margarethenkirche den Pilgerstempel zu besorgen. Der fast romanische Chor ist der älteste Teil des hellen und mit mittelalterlichen Fresken ausgemalten Gotteshauses und entstammt dem frühen 12. Jahrhundert, das Kirchenschiff ersetzte 1589 einen Vorgängerbau. Imposant wirkt der mittelalterliche Wehrturm, der 1744 mit einer Fachwerkkonstruktion aufgestockt wurde. Über eine schmale Treppe gelangen wir auf die nachträglich eingebaute Empore, wo sich hinter der Orgel der Stempel verbirgt. Kurz darauf trifft auch der Rest der Gruppe ein und wir halten spontan eine kurze Andacht mit Gebet und Gesang in dem atmosphärisch wirkenden Kirchlein. Das letzte Stück des heutigen Tages wird noch einmal sehr abwechslungsreich: einerseits beginnt es wieder einmal leicht zu regnen, Ponchos werden übergeworfen und Schirme aufgespannt. Andererseits laufen wir zunächst parallel zu einer Bahnstrecke, verpassen dann aber an einem Viadukt die Zuwegung zu einem etwas höher gelegenen Fahrradweg nach Uslar. Ersatzweise bewegen wir uns einige Meter darunter, wie auf einer Perlenschnur aufgereiht, an einer gut befahrenen Landstraße auf das Städtchen zu. Unbeschadet erreichen wir unser Ziel und steuern zunächst die St.-Johannis-Kirche mit ihrem wunderschönen handgeschnitzten, dreiteiligen Flügelaltar an. Auch dort verweilen wir einen Moment, jeder für sich gibt sich seinen eigenen Gedanken hin.

In der Tourist-Info erhalten wir von der freundlichen Mitarbeiterin neben dem örtlichen Pilgerstempel auch wertvolle Hinweise zur Erreichbarkeit unserer Unterkunft im Ortsteil Eschershausen. Nach einer kurzen Kaffeepause wird Lothar von unserer guten Seele Jörg mit dem Auto mitgenommen, er hat sich einige Blasen gelaufen und wird sich in den nächsten Tag gemeinsam mit Jörg um unser aller Wohl kümmern. Wir verlassen Uslar gemäß der ausgehändigten Beschreibung an der ehemaligen Jugendherberge und einem Schulgebäude auf einem schmalen Weg an einem kleinen Bach entlang. Inzwischen hat sich der Regen verzogen und es scheint die Sonne. Vor uns erscheinen die ersten Häuser von Eschershausen, das wir allerdings noch vollständig durchqueren müssen, bis wir unsere heutige Bleibe, das Gasthaus Johanning, erreichen. Jörg und ich beziehen unser Zimmer im ersten Stock und machen uns gleich an die abendliche Pflege von Körper und Material. Nach der Abendandacht auf der Terrasse des Gasthauses wird uns durch den Hausherrn das Menü vorgestellt, bestehend aus regionalen Spezialitäten. Es schmeckt hervorragend, sodass durch die ständige Sauerstoffzufuhr das Hungergefühl etwas stärker ausgeprägt ist und einige Stückchen Gemüse und Fleisch zusätzlich verspeist werden. Nach und nach wird unsere abschließende gemütliche Runde kleiner, nach 22 Kilometern ist für die meisten eine ausreichende Nachtruhe notwendig.