Von Kleinliebenau nach Mücheln (23. Februar 2013)

Den Wecker habe ich auf 7.00 Uhr gestellt. Ich habe auf der Matratze in meinem Schlafsack und den drei Decken gut geschlafen. Draußen sieht es trüb aus, es wird wohl wieder einmal ein grauer Tag werden. Ich mache mich frisch, verpacke meine Ausrüstung in den Rucksack und mache mir eine Chai Latte. Meine Spende für die Übernachtung hinterlasse ich in einer Jakobsmuschel. Kurz vor 8.00 Uhr verlasse ich die Pilgerherberge und werfe den Schlüssel, wie vereinbart, in den Briefkasten. Direkt gegenüber der Kirche befindet sich der erste Wegweiser für den heutigen Tag, dem ich natürlich folge. So gelange ich wieder an den Luppedeich. Die Karte und mein Führer sagen eigentlich etwas anderes, aber ich folge den Zeichen. Kurz vor der Ortschaft Maßlau überschreite ich die Landesgrenze von Sachsen nach Sachsen-Anhalt.

Nachdem ich durch die noch menschenleeren Straßen gelaufen bin, erreiche ich ein Waldstück. Hier sehe ich vorerst den letzten Muschelwegweiser. An der nächsten größeren Kreuzung folge ich einer inneren Eingebung und begleite die hier stark mäandrierte Luppe. Etwas später verlasse ich das Flüsschen und wandele auf einem schmalen Pfad. Zur Orientierung nutze ich die Fußspuren eines Läufers, der anscheinend kurz vor mir als Einziger die bis dahin unberührte Schneeoberfläche zerstört hat. Durch ein blätterloses Gesträuch sehe ich vor mir ein feudales Gebäude, das sich nach einem Blick auf die Karte als Schloss Dölkau herausstellt. Ich umlaufe den Schlossteich und lande schließlich in der Ortschaft Dölkau. Mitten im Ort finde ich auch wieder einen Wegweiser und passiere ortsauswärts das Schloss an der Front.

Die nächsten Kilometer führen mich zunächst an einen Waldrand, anschließend durch Ackerland bis zum Raßnitzer See. Dieser hat eine Fläche von rund drei Quadratkilometern und ist ein gefluteter Braunkohletagebau. Hinter dem See durchquere ich Luppenau, wo nun einige Bewohner mit dem Beseitigen des über Nacht gefallenen Schnees beschäftigt sind. Bald erreiche ich die „Leipziger Straße“. Zehn Minuten später habe ich das Ortseingangsschild von Merseburg vor mir. Ich nutze die Gelegenheit, in einem Supermarkt meine Vorräte ein wenig aufzufüllen. Über die „Naumburger Straße“ komme ich an die Neumarktkirche, die aber leider verschlossen ist. Hier gibt es auch eine Pilgerherberge. Also gehe ich über die Saalebrücke und erklimme über eine langgezogene Treppe den höchsten Punkt der Stadt. Dort befindet sich das Schloss und der Dom. Im Dom erhalte ich als Pilger freien Eintritt. Beim Eintragen in eine Liste entdecke ich direkt über meinem den Eintrag des Pilgers aus Mainz, der vor zwei Tagen hier war. Ich lasse mir Zeit mit Besichtigung, schaue mir alles sehr genau an. Beim Verlassen des Domes entzünde ich noch zwei Kerzen und spreche ein kurzes Gebet. Gegen 12.20 Uhr mache ich mich auf den Weg, denn es liegt noch eine gute Strecke vor mir.

Es beginnt jetzt heftig zu schneien, sodass ich meinen Rucksack mit dem Regenschutz versehe. Wegen Bauarbeiten ist der markierte Weg aktuell nicht besonders gut erkennbar und ich muss mich mehr an der Karte orientieren als an Wegezeichen. Am Eingang zum Südpark bin ich wieder richtig. Der Park besteht aus zahlreichen Gehegen für Kleintiere und ist für jedermann zu jeder Zeit zugänglich. Die Höhe des Schnees auf dem Boden nimmt allmählich zu und meine Schuhe werden dunkler. Hoffentlich bekomme ich keine nassen Füße. Am Ende des Parks gehe ich am Gelände der Fachhochschule Merseburg vorbei, danach biege ich in einen schmalen Pfad und laufe durch eine Naturlandschaft. Meine Füße versinken bei jedem Schritt bis über die Knöchel im Schnee. Ich bin froh, dass ich bald auf eine asphaltierte Straße gelange, auf der ich die nächsten drei Kilometer schnurgeradeaus bleibe. Zuweilen ist es sehr glatt und durch den Wind gibt es alle paar Meter unterschiedlich tiefe Schneeverwehungen. In Frankleben verlasse ich die Hauptroute des Ökumenischen Pilgerwegs und wähle eine Variante, die mich am Geiseltalsee entlang bis nach Mücheln bringen wird. Auch dieser See ist ein gefluteter Tagebau und mit rund neunzehn Quadratkilometern einer der größten künstlich angelegten Seen in Deutschland.

Gegen 16.50 Uhr treffe ich in Mücheln ein. Der Weg am See zieht sich sehr in die Länge und ist durch den tiefen Schnee sehr kräftezehrend. Ständig weht mir der Schnee ins Gesicht. Zum Schutz habe ich mir die Kapuze meiner Jacke über den Kopf gezogen. An einer Mauer entdecke ich das Stadtwappen von Mücheln, das Jakobus mit Muschel und Pilgerstab zeigt. Die Pilgerherberge befindet sich im Kinder- und Jugend-Erlebnishaus der Evangelischen Kirche (KEEK´s), das unmittelbar neben der St. Jakobi-Kirche angesiedelt ist. Ich rufe die für Pilger zuständige Frau Müller an, die sich trotz heftigstem Schneefall von ihrer Nichte zur Herberge fahren lässt und eine halbe Stunde später eintrifft. Ich bin froh, dass sie mir trotz der widrigen Witterungsbedingungen Zugang zur Herberge verschaffen kann. Sie zeigt mir das Haus und gibt mir zu verstehen, dass ich mich frei entfalten könne. Wir unterhalten uns noch ein wenig, bis sie abgeholt wird. Dabei erzählt sie mir, dass erst gestern ein Fernsehteam einen Beitrag für einen Bericht über Pilger in Sachsen-Anhalt gedreht hat. Den werde ich mir natürlich ansehen, wenn er gesendet wird. Natürlich hat auch der Pilger aus Mainz hier im Haus übernachtet. Ich übergebe ihr noch meine Spende für die Übernachtung und wir verabschieden uns voneinander.

Der Schlafraum befindet sich unter dem Dach. Ich bereite mir mein Nachtlager mit ein paar Matratzen und dem Schlafsack. Die Heizungen laufen auf Hochtouren und ich kann meine feuchten Kleidungsstücke und meine wieder einmal nassen Schuhe trocknen. Nach einer wohltuenden Dusche bereite ich mir in der Küche ein Fertiggericht zu, Gulasch mit Nudeln, und verzehre noch ein Brötchen mit Wurst. Im Flur hängt an der Wand eine riesige Deutschlandkarte, auf der Pilger ein Fähnchen ihres Wohnortes platzieren können. Kurz darauf steckt das erste Fähnchen auch in Koblenz. Neben der Tafel gibt es noch einige Informationen, unter anderem auch über das Projekt „Wegemarkierung und Artenschutz“ von Karl-Heinz Jung aus dem Koblenzer Stadtteil Lay. Ich trage mich noch in ein Gästebuch ein, drehe die Heizungen deutlich runter und lege mich gegen 21.00 Uhr in meinen Schlafsack.