Von Leipzig nach Kleinliebenau (22. Februar 2013)

Wieder einmal hat mich mein Dienstherr zu einem Lehrgang geschickt. Dieses Mal durfte ich für zwei Wochen nach Delitzsch, etwa dreißig Kilometer nördlich von Leipzig gelegen. Voller Freude stellte ich bei der Vorbereitung der Reise fest, dass der Ökumenische Pilgerweg mitten durch Leipzig verläuft. Ich besorgte mir im Vorfeld den Pilgerführer und einen Pilgerausweis, da ich das Wochenende nicht nach Hause fahren wollte, um ein Stück auf dem Pilgerweg zu gehen. Vor der Abreise nach Delitzsch musste gut überlegt werden, welche Ausrüstung notwendig war. Leider habe ich nicht die Wettervorhersage beachtet, sodass ich mir noch eine etwas wärmere Jacke kaufen musste. In Delitzsch war nämlich im Verlauf der ersten Woche der Winter eingebrochen, es war kalt und weiß.

Um 11.00 Uhr habe ich die Möglichkeit, mit einem Kameraden zum Bahnhof mitgenommen zu werden, anschließend geht es mit dem Zug nach Leipzig. Unmittelbar vor dem Bahnhof treffe ich bereits auf die ersten Markierungen des Ökumenischen Pilgerweges, einer gelben Muschel auf blauem Grund mit gekreuzten Pilgerstäben. Meine erste Anlaufstelle ist die Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai, wo 1989 deutsche Geschichte geschrieben wurde. Ich habe Glück, denn in wenigen Minuten beginnt hier um 12.00 Uhr das Versöhnungsgebet der Kathedrale von Coventry, an dem ich zu Beginn meiner Pilgertage gerne teilnehme. Anschließend bekomme ich am Schriftenstand meinen ersten Stempel für den Pilgerausweis. Auf meinem Weg aus der Innenstadt besorge ich mir noch in einem Kaufhaus ein Multifunktionstuch, das ich mir um den Hals wickel, und zwei Bratwürste gegen den Hunger. Ich passiere das alte Rathaus und die Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach, die Thomaskirche.

Über die „Jacobstraße“ gelange ich in die „Emil-Fuchs-Straße“, wo ich im katholischen Probsteipfarramt St. Trinitatis einen weiteren Stempel bekomme. Nach der Besichtigung der modernen Kirche aus dem Jahr 1980 (ein Neubau ist in der Innenstadt geplant) laufe ich durch eine parkähnliche Anlage, dem Rosental, und befinde mich bereits im äußeren Gürtel von Leipzig. Ich muss aufpassen, wo ich hintrete, denn es liegt eine dicke Schneeschicht auf dem Boden, der hin und wieder mit einer nicht sichtbaren Eisschicht versehen ist. Als ich an eine Straße komme, fällt es mir trotz Karte schwer, mich zu orientieren. Anscheinend sieht das Ganze sehr hilflos aus, da mich ein junger Mann anspricht und fragt, ob er weiterhelfen könne. Er bringt mich wieder auf den markierten Weg und erzählt, dass er früher auch Soldat war, aus Bielefeld stammt und nun in Leipzig lebt. An einer Kreuzung weist er mir die Richtung und ich erkenne nach wenigen Schritten die nächste Wegmarkierung.

Hinter einem zugefrorenen Teich verlasse ich das Rosental und biege nach einer Kläranlage links ab. Es geht nun parallel an einer ICE-Trasse weiter, und wieder verpasse ich einen Abzweig. Nach dem Studium der Karte finde ich einen Waldpfad, der mich auf den Pilgerweg zurückbringt. Der Pfad entpuppt sich als Reitweg, dementsprechend ist der Untergrund beschaffen: tiefer Schnee und darunter oftmals Schlammlöcher. Am Ende treffe ich auf eine Brücke über die Lippe, der ich jetzt ein gutes Stück folgen werde. Zunächst laufe ich auf der Kuppe des Hochwasserschutzdammes. Dort weht mir aber ein starker Wind um die Ohren, sodass ich lieber den geschützt liegenden Weg links vom Damm wähle. Hier liegt allerdings jungfräulicher, knöcheltiefer Schnee. Das Gehen kostet sehr viel Energie und ich komme nur langsam voran. Gegen 16.00 Uhr durchbricht die Sonne den grauen Horizont. Das motiviert mich für die letzten Kilometer.

Ich biege ab in ein kleines Waldstück, passiere die die "Domholzschänke" und bewege mich auf einer mit Eisplatten versehenen Straße. Das erfordert meine ganze Aufmerksamkeit, denn bei jedem nächsten Schritt besteht die Gefahr, auszurutschen. Das letzte Stück für heute geht an einer Landstraße entlang. Glücklicherweise kommen mir nur wenige Fahrzeuge entgegen, denn zum Ausweichen bleibt nur ein mit Schneematsch bestückter Straßengraben. Endlich erreiche ich mein heutiges Tagesziel Kleinliebenau, ein fast vergessenes Nest mit 120 Einwohnern. Dafür gibt es mit der vom Kultur- und Pilgerverein liebevoll sanierten Rittergutskirche aus dem beginnenden 14. Jahrhundert eine kleine Pilgerherberge für vier Personen. Am Aushang finde ich die Adresse von Familie Adaschkiewitz, die heute den Pilgern die Herberge aufschließt. Herr Adaschkiewitz zeigt mir die Herberge und auch die Kirche. Erst gestern wurde die neue Orgel durch den Verein abgenommen. Und vorgestern hat hier ein Pilger aus Mainz übernachtet.

Die Herberge befindet sich in einem eigens für diesen Zweck im Rahmen der Kirchensanierung angebauten Gebäude. Im Untergeschoss sind die sanitären Anlagen einschließlich Dusche, eine kleine Küchenzeile und eine Sitzecke. Über eine Holztreppe gelangt man in den oberen Stock, wo auf einem Holzboden Platz für vier Matratzen ist, die in einem Gestell gelagert werden. Leider verfügt der Anbau nur über eine kleine Heizung, die im Winter nicht für eine ausreichende Raumtemperatur, vor allem oben, sorgen kann. Dafür werden in einem Behälter Decken bereitgestellt, von denen ich regen Gebrauch machen werde. Ich mache mich frisch, platziere den Pilgerstempel in meinen Pilgerausweis und stelle meine klatschnassen Schuhe zum Trocknen in die Nähe der Heizung. Im nahe gelegenen Gasthaus esse ich ein groß ausgefallenes Schweineschnitzel „Mephisto“ (mit süßem Senf bestrichen, darauf Preiselbeeren und mit Edamer überbacken auf Tagliatelle geschwenkt in Tomaten-Pesto). Ein so leckeres Schnitzel habe ich bisher noch nie gegessen. Ich muss mir das Rezept besorgen, es soll im Internet erhältlich sein. Da heute Schnitzeltag ist, bezahle ich nur 6,66 Euro, ein wahrlich diabolischer Preis. Nach dem Essen kehre ich in die Herberge zurück, wo ich mich noch in das Gästebuch eintrage. Um 20.30 Uhr habe ich meine Ausrüstung für morgen vorbereitet und lege mich in meinen Schlafsack. Die drei Decken, die ich darüber lege, gewähren eine angenehme, vor allem warme Nachtruhe.