Von Traben-Trarbach nach Klüsserath (5. Juli 2010)

Heute heißt es wieder sehr früh aufstehen. Der Wecker wirft mich um 6.00 Uhr aus dem Bett. Ich habe mir für die nächsten vier Tage ein Mammut-Programm vorgenommen, das man so eigentlich nicht absolvieren sollte. Geplant sind die letzten vier Etappen des Mosel-Camino, die ich allerdings in zwei Tagen bewältigen möchte. Im Anschluss daran sollen noch die ersten drei Etappen auf dem Jakobsweg von Trier nach Vézelay folgen, wiederum in zwei Tagen. Ich möchte einmal versuchen, an meine Grenzen zu gehen, Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit der Familie mache ich mich mit einem 11 Kilo schweren Rucksack auf den Weg zum Bahnhof. Allerdings sind darin auch drei Liter Wasser enthalten. Ich kann nicht abschätzen, wie die Temperaturen sein werden und vor allem nicht, wo ich nachtanken kann. Um 7.22 Uhr setzt sich mein Zug in Richtung Mosel in Bewegung. In Bullay steige ich um und fahre wenige Minuten später weiter nach Traben-Trarbach.

Zunächst gehe ich auf dem Weg zur katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul an der evangelischen Kirche vorbei. Beide Gotteshäuser sind jedoch verschlossen. Nun wechsele ich auf die andere Seite der Mosel und schaue mir dort die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus an. Von außen hätte ich die spartanische, eher moderne Ausstattung nicht erwartet. Leider hat das Pfarramt entgegen meinem Kenntnisstand erst eine Stunde später geöffnet, so dass ich mir beim Ordnungsamt der Verbandsgemeinde einen Stempel geben lasse. Tja, und dann geht es los mit dem ersten Anstieg des heutigen Tages. Zunächst verläuft der Camino durch die Weinlage „Taubenhaus“ recht steil nach oben. Dabei erhalte ich noch einen guten Blick auf die evangelische Kirche von Trarbach. Wenige Schritte weiter laufe ich auf einer alten Römerstraße bergauf und mache mitten darin eine erste Trinkpause. Es ist schon recht warm geworden, aber der Wald kühlt etwas. Nur wenig später treffe ich ein älteres Ehepaar und wir gehen bis zum Parkplatz zu den Graacher Schanzen gemeinsam weiter. Die beiden sind oft wandernd unterwegs, machen aber aufgrund ihres Alters überwiegend Tagestouren. Am Rastplatz verabschieden wir uns voneinander. Für mich sind es nach Bernkastel-Kues ab hier nur noch gute zwei Kilometer. Als ich den Wald verlasse, passiere ich eine Waldschänke, einen jüdischen Friedhof sowie zwei in die Weinberge gebaute Kapellen. Ich habe von hier aus einen phantastischen Blick auf Bernkastel-Kues. Durch das Graacher Tor betrete ich den Stadtteil Bernkastel und befinde mich inmitten mehrerer Touristengruppen und ihrer Stadtführer. Irgendwie erinnert mich das Städtchen mit seinen zahlreichen Fachwerkhäusern an Beilstein. Sicherlich hat das alles seinen Reiz und sieht toll aus, aber es ist mir persönlich zu sehr auf den Tourismus ausgerichtet.

Ich versuche, dem Trubel zu entfliehen und gehe in die katholische Pfarrkirche St. Michael. Die ursprüngliche Kirche und der Turm stammen aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert. Die Ausstattung ist dem Bau angepasst und wirkt sehr gediegen auf mich. Ich lasse mich einige Minuten nieder und sammele mich ein bisschen. Dann überquere ich die Moselbrücke und passiere das Cusanus-Stift. Dieses wurde vom wohl berühmtesten Sohn der Stadt, Nikolaus von Kues, später Kardinal und Fürstbischof von Brixen, 1458 gegründet und dürfte damit heute das älteste Seniorenheim Deutschlands sein. Im katholischen Pfarramt St. Briktius erhalte ich von der Pfarrsekretärin neben dem eigenen auch noch die Pfarrsiegel von St. Michael in Bernkastel und St. Peter in Lieser für meinen Pilgerausweis. Der Camino führt mich entlang der B 53, vorbei am Geburtshaus von Cusanus und biegt dann nach rechts auf einen Weg unterhalb der Weinberge ab. Bald erreiche ich Lieser und besichtige die dortige Pfarrkirche. Es geht nun hinauf auf den Brauneberg, bis ich das Örtchen Monzel erreiche. Dort besuche ich die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus. Leider kann ich hier meine Wasservorräte nicht auffüllen, da der Dorfladen noch geschlossen hat. Hinter Monzel geht es wieder einmal tüchtig nach oben. Der Abschnitt strengt mich richtig an und ich bin froh, dass ich mitten im Wald eine Sitzgruppe finde, an der ich eine kurze Pause einlege kann. An der Minheimer Schutzhütte geht der Weg nach rechts ab und bringt mich mit einer weit ausholenden Schleife in den Wallfahrtsort Klausen. Die große, schmuckvoll ausgestaltete Wallfahrtskirche wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingeweiht, nachdem bereits rund sechzig Jahre zuvor eine Marienkapelle existierte.

Allmählich zieht sich der Himmel über mir zu, graue Wolken ziehen auf und der Wind nimmt zu, Zeichen für ein Gewitter. Ich hoffe jedoch, mein Ziel heute trocken zu erreichen. Der Camino meint es gut mit mir: hinter Krames geht es erneut brutal aufwärts, meine Füße beginnen zu jammern, auch mein Rücken fordert baldige Erholung. Ich passiere die Waldkapelle und hinterlasse in einem ausliegenden Gästebuch einen Abdruck meines persönlichen Pilgerstempels. Leider liegt die Kapelle an einem Schotterweg, der von LKWs befahren wird. Ich werde sechs Mal in eine Staubwolke eingehüllt und trete beinahe auf eine Blindschleiche. Dann darf ich nach rechts abbiegen und gelange durch einen langgezogenen Wirtschaftsweg zu meinem Tagesziel Klüsserath. Im Ort selbst werde ich von einer Frau auf meine Pilgerschaft angesprochen. Es stellt sich heraus, dass sie Gattin des Ortsbürgermeisters ist. Auf diesem Wege komme ich zu einem nicht eingeplanten Stempel in meinem Pilgerausweis. Ich verabschiede mich von den beiden und muss nur noch um zwei Ecken gehen, wo ich das Hotel „Zum Rebstock“ finde. Dort werde ich heute übernachten. Mein Zimmer liegt im ersten Stock, direkt an einer Zufahrt zur Bundesstraße. Das kann ja eine unruhige Nacht werden. Ich dusche geschwind und wasche meine Kleidung durch, hänge sie zum Trocknen auf Bügeln ans Fenster. Anschließend esse ich im Restaurant einen Wildtopf, zum Dessert genehmige ich mir noch ein leckeres Vanilleeis mit Erdbeeren. Ich entschließe mich, noch etwas fernzusehen, mache aber um 8.00 Uhr den Fernseher aus und versuche, zu schlafen. Dies misslingt deutlich, vorbeifahrende und bremsende Autos erzeugen einen solchen Lärm, sodass ich immer wieder wach werde. Ich besorge mir im Restaurant noch eine Flasche Wasser. Erst viel später schlafe ich richtig ein, werde aber auch schon wieder um 5.40 Uhr wach. Ich schließe das Fenster und kann dann doch noch zwei Stunden die Augen zumachen.