Von Treis-Karden nach Bullay (28. September 2009)

Heute steht eine weitere Etappe auf dem Mosel-Camino an. Wie immer muss ich dazu früh aufstehen und zum Bahnhof laufen. Mein Zug fährt um 7.22 Uhr in Richtung Treis-Karden, wo ich kurz vor acht Uhr eintreffe. Insgeheim hoffe ich, hier einen schönen Stempel zu erhalten, aber dafür ist es dann doch noch zu früh. Ich beginne meinen Weg an der ehemaligen Stiftskirche St. Castor im Ortsteil Karden. Der Bau der Kirche begann im ausgehenden 12. Jahrhundert und wurde rund einhundert Jahre später vollendet. Ich laufe zunächst entlang dem ausgeschilderten Weg durch den Ort, der nach wenigen Schritten in Richtung Moselufer abzweigt. Dabei passiere ich die evangelische St. Georg-Kapelle sowie eine lebensgroße Kreuzigungsgruppe. Ich überquere die Mosel und habe von der Brücke auf beide Stadtteile einen schönen Ausblick.

Noch sieht alles sehr trüb aus, der Nebel hängt tief im Tal. Ich folge dem Weg weiter ins Zentrum von Treis. Hier verlasse ich den Camino nach links, um mir die katholische Kirche Johannes der Täufer anzusehen. Leider ist die Kirche um diese Uhrzeit noch verschlossen und das Pfarramt ist heute überhaupt nicht geöffnet. Ich versuche also mein Glück bei der Verbandsgemeindeverwaltung, die ich nach einem kleinen Umweg auch finde. Dort weiß zunächst keiner mit meinem Begehr etwas anzufangen. Schließlich gelange ich aber an einen sehr freundlichen Mitarbeiter, der mir das Siegel der Gemeinde in den Pilgerausweis drückt. Ich bedanke mich herzlich und bin nach einigen Minuten so gut wie aus Treis-Karden heraus. Ich folge der Landesstraße 202 und habe freie Sicht auf die Ruine der Burg Treis, die bereits vor dem Jahre 1100 erbaut wurde. Erst später wurde die Wildburg zum zusätzlichen Schutz auf dem gleichen Bergsattel errichtet. Beide Burgen wurden im 16. Jahrhundert durch die Franzosen zerstört, die Wildburg jedoch vor rund fünfzig Jahren durch den neuen Eigentümer wieder aufgebaut.

Ich laufe an der Wildburgmühle vorbei und dann geht es richtig los: der felsige Weg steigt allmählich an. Nur ein Stückchen weiter befindet sich der Zugang zur Wildburg, diese ist aber für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Auf dem kleinen Platz vor dem Tor steht am Hang ein Heiligenbild von Franz von Assisi. Eine Inschrift mahnt den Wanderer: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn baue und bewahre (Genesis 2,15)“. Direkt daneben befindet sich ein Brunnen mit einem Trog, als wolle dieser einen dazu anhalten, noch einmal einen kräftigen Schluck zu trinken. Auf den folgenden cirka 3,5 Kilometern scheint der Steigungsgrad immer mehr zuzunehmen. Ich komme richtig ins Schwitzen. Da es heute früh recht frisch ist, habe ich vorsorglich eine lange Jacke angezogen, die ich gerne noch anbehalten werde. Nun durchbrechen die ersten Sonnenstrahlen den Nebel und blinzeln durch den dichten Laubwald. Ich liege mit meiner Schönwetterprognose doch nicht daneben. An einem alten vermoosten Wegkreuz erreiche ich den höchsten Punkt und bin froh, dass es jetzt leicht abwärts geht. Kurz darauf trete ich aus dem Wald und schaue auf eine Komposition aus Nebel und Sonnenstrahlen, die mich in diesem Moment ein wenig blenden. Im Wald hinter mir hört man das Klopfen eines Spechtes. Linker Hand befindet sich eine mehr oder weniger verwelkte Blumenwiese. In deren Spitzen haben unzählige Spinnen ihre Netze ausgebreitet. Da gibt es regelmäßige, runde Netze, aber auch Formen, die man als chaotisches Durcheinander bezeichnen könnte. Die Schönheit aller Gebilde wird erst durch die Einwirkung der Sonne deutlich, die den Morgentau in den Netzen glänzen lässt. Die Natur ist wunderschön, geht es mir durch den Kopf.

Die nächste Passage vergeht wie im Fluge, ich lasse meine Augen nach immer schöneren und perfekteren Werken der kleinen Krabbeltiere über die Wegesränder suchen. Zum Glück verpasse ich dabei nicht auf der anderen Wegseite ein Hinweisschild, das mir deutlich macht, nun rechts zum Kloster Maria Engelport abzubiegen. Es geh weiter leicht bergab, die Sonne wird intensiver und beginnt mich zu wärmen. Dann steht vor mir mitten im Wald ein Schwertransporter, der Fahrer hat gerade den Anhänger mit Baumstämmen beladen. Ich weiche über den Wegrand aus und genehmige mir einen Müsliriegel. Nach einem weiteren Kilometer stehe ich am Rande eines Tales. Vor mir liegen weitläufige Grünflächen, über denen der Nebel scheinbar schwebt. An einem Wirtschaftsweg befinden sich zwölf eher modern gestaltete, bunte Kreuzwegstationen. Ich muss aber in die entgegengesetzte Richtung weiter. Die Turmspitze der Klosterkirche ist schon über den Baumwipfeln sichtbar. Am Weg stehen Obstbäume, deren Äste durch ihre Früchte nach unten gezogen werden. Dieser Einladung kann ich nicht widerstehen und greife schamlos zu. Ich werde mit zuckersüßen Pflaumen belohnt. Geht es mir heute doch gut! Der Weg wird nun bis zur Landesstraße 202 auf der rechten Seite durch einen langgezogenen Kräutergarten flankiert. Direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich das Kloster, das inzwischen zum Tagungs- und Exerzitienhaus umgebaut wurde und von den Hünfelder Oblaten geleitet wird. Erste Klostergründungen lassen sich bereits auf die Jahre 1202 und 1265 datieren. In seinem jetzigen Zustand wurde die Anlage im Jahre 1903 wieder aufgebaut und vor rund dreißig Jahren dem neuen Zweck entsprechend renoviert. Das Kloster liegt abgeschieden und idyllisch von Wäldern umgeben im Flaumbachtal. Ich verweile ein wenig in der schön gestalteten Kirche und entzünde an der Statue „der lieben Frau von Engelport“ eine Kerze.

Bevor ich das Kloster verlasse, klingele ich an der Pforte und bitte Bruder Otto, der mir öffnet, um einen Stempel für meinen Pilgerpass. Ich richte noch meinen Rucksack und mache mich auf den weiteren Weg. Dieser führt mich hinter das Gebäude, wo ich auf die im Oktober 1915 eingesegnete Mariengrotte treffe. Auch hier entzünde ich noch eine Kerze und gehe noch einige Augenblicke in mich. Ich verschwinde dann in einem dichten Wald. Meine Wanderkarte verrät mir, dass ich auf den nächsten zwei Kilometern einen Höhenunterschied von rund einhundertachtzig Metern zu erwarten habe. Hier ist mein ständiger Begleiter ein kleiner Bach, der es allerdings vorzieht, sich in die andere Richtung, also abwärts, zu bewegen. Mehrfach muss ich auf dem schmalen Pfad unter umgestürzten Bäumen durchklettern. Nach einer Weile knickt der Weg aus dem Tal ab und verbreitert sich fortlaufend, bis ich einen herrlichen Aussichtspunkt erreiche. Von dort schaue ich kilometerweit in den Hunsrück hinein. Die Sicht ist heute so gut, dass am Horizont sogar die drei markanten Schornsteine der ehemaligen Blei- und Silberhütte in Braubach am Rhein zu erkennen sind. Ich überquere eine Kreisstraße und biege erneut in ein Waldstück ein, das ich erst kurz vor Beilstein verlassen werde. Der Mosel-Camino folgt nun einem engen Tal. Normalerweise schlängelt sich hier ein kleiner Bach, der aber nur durch den dunkel gefärbten Boden zu erahnen ist. Es wird Zeit, dass es wieder einmal regnet, aber bitte nicht heute! Ich verliere merklich an Höhe und muss aufpassen, dass ich nicht auf dem Schiefergeröll ausrutsche, das hier vereinzelt den Boden bedeckt. Nach gut zwei Kilometern tauchen am rechten Berghang erste Fragmente von Trockenmauern auf. Kurz danach erkennt man weiter oberhalb einige aufgegebene Weinberge, die sich bis zum Ortseingang von Beilstein hinziehen. Hier beginnen aber auch schon die bewirtschafteten Anbauflächen und ich lasse es mir nicht nehmen, die eine oder andere Kostprobe mitzunehmen. Die Rebstöcke sind gut bestückt mit Trauben. Dieses Jahr soll ein gutes, ertragreiches Jahr für die Winzer sein. Die Trauben schmecken sehr süß und munden mir sehr. Von meinem Standort aus lassen sich schöne Photos der Burgruine Metternich und der ehemaligen Karmeliterkirche erstellen.

Ich überquere die Kreisstraße 42 und befinde mich unmittelbar an der barocken Kirche. Der Bau wurde im auslaufenden 17. Jahrhundert begonnen, aber erst fast einhundert Jahre später vollendet. Während des dreißigjährigen Krieges wurde Beilstein von den Spaniern erobert. Diese brachten eine wertvolle, aus dunklem Holz geschnitzte Figur der Gottesmutter mit und ließen diese bei ihrem Abzug vierzehn Jahre später zurück. Die schwarze Madonna ist in einer Seitenkapelle der Klosterkirche zu bewundern. Ich trage mich noch in das Gästebuch der Kirche ein und gehe in das anliegende Klostercafé. Dort frage ich nach einem Pilgerstempel, den mir eine Mitarbeiterin aus dem in dem Gebäude integrierten Pfarramt besorgt. Von der Terrasse des Cafés hat man einen schönen Ausblick auf die Mosel und das auf der anderen Seite liegende Ellenz.Ich steige dann über die steile Klostertreppe hinab in die Niederungen des historischen Ortskernes und befinde mich auf einem kleinen Platz, der von hübschen Fachwerkhäusern umrahmt ist. Das „Dornröschen der Mosel“, wie Beilstein im Volksmund genannt wird, wimmelt inzwischen von Touristen und immer mehr werden mit Bussen herangekarrt. Ich besorge mir an einem Imbissstand eine Bratwurst mit Brötchen und sehe zu, dass ich weiterkomme. Ich gehe durch enge Gassen. Hier wurde jeder Meter zur Bebauung ausgenutzt und ein Haus ist schöner als das andere. Schade nur, dass in fast jedem Erdgeschoss ein Speiselokal angesiedelt ist und um Touristen wirbt. Nach dem letzten Fachwerkhaus hört diese Idylle mit einem Schlag auf und ich stehe vor moderneren Gebäuden. Rechts geht es zur Burgruine Metternich, auf der es auch einen Stempel geben soll.

Tatsächlich bekomme ich einen, signiert von Herrn Herzer, dem derzeitigen Burgherrn. Er schenkt mir noch einen Pin mit dem Wappen der Metternicher, die darin drei Jakobsmuscheln integriert hatten. Eine Frau fragt mich neugierig, ob ich denn für den Stempel hier eine Wanderauszeichnung erhalte. Ich antworte ihr, dass es nur in Santiago de Compostela eine Urkunde nach Vorlage des Pilgerausweises gebe. Ja, da wäre sie auch schon gewesen, wahrscheinlich als Touristin, vermute ich mal. Ich verabschiede mich höflich von Herrn Herzer und orientiere mich zunächst auf meiner Wanderkarte. Ich stelle fest, dass mich nun ein Stück Weg erwartet, das für die nächsten zwanzig Minuten an der K 42 entlangführt und aufgrund der vielen unübersichtlichen Kurven recht gefährlich erscheint. Hier empfehle ich, sich ganz rechts zu halten, wenn möglich, auch hinter der Leitplanke herzugehen. Mir begegnen glücklicherweise nicht allzu viele Autos. Die wenigen haben aber eine Geschwindigkeit drauf, die es ihnen wohl nicht ermöglicht, bei Gefahr rechtzeitig zu bremsen. Ich hoffe, dass zukünftig dieser Wegabschnitt in irgendeiner Art und Weise umgangen werden kann. Nach gut anderthalb Kilometern zweigt der Camino nach rechts ab in den Wald. Hier geht es noch etwas steiler bergauf. Nun stoße ich auf die Landesstraße 200, folge dieser bis zur nächsten Kreuzung, um dann entlang der Landesstraße 98 zu gehen. Von weitem sehe ich eine Schutzhütte, an der ich die Straße wieder verlassen kann. Auf diesem Abschnitt sind die Jakobsmuscheln sehr rar. Hier muss ich mich vornehmlich an den Markierungen des Moselhöhenweges orientieren, auf dem ich inzwischen wieder einmal gelandet bin. Ich kreuze nochmals die Landesstraße 98 und laufe parallel dazu weiter auf einem asphaltierten Wirtschaftweg bis zum Lindenhäuschen, einer kleinen Kapelle zu Ehren der Mutter Gottes. Linker Hand ist das Örtchen Grenderich zu erkennen, das ich allerdings auch dort liegen lasse. Bisher sind mir recht wenige Menschen unterwegs begegnet, bei dem herrlichen Wetter hätte ich mehr erwartet. Inzwischen ist es auch sehr warm geworden, meine lange Jacke habe ich schon längst im Rucksack verstaut. Es tut gut, frische Luft an den Körper zu lassen. An der nächsten Weggabelung weiß ich nicht, wo ich herlaufen soll. Ich gehe nach einer inneren Eingebung. Doch was war das gerade auf dem Boden? Ich kehre um und entdecke einen gelben Pfeil und die Buchstaben M-C. Da war doch was, gelber Pfeil, Mosel-Camino? Jetzt führt mich meine innere Stimme doch auf den rechten Pfad. Ein Landwirt, der seinen Acker mit schwerem Gerät bearbeitet, schaut mich verwundert an. Und da ist auch schon der nächste gelbe Pfeil. So ist das ja einfach und alle Zweifel zum richtigen Weg verschwinden in Sekundenbruchteilen.

Vor mir befindet sich an den Wegrändern dichtes Gestrüpp. Mit den darüber befindlichen Ästen sieht das aus wie ein großes helles Tor zum letzten Teilstück des heutigen Tages. Noch steigt der Weg ein wenig an. Ich laufe jetzt auf einem mit Gras bewachsenen Waldweg, umgeben von Nadelbäumen. Die Grasnarbe sieht von Schritt zu Schritt wüster aus. Hier müssen ganze Wildschweinhorden gehaust haben. An der nächsten Kreuzung weist ein Schild auf die Höhe 410 hin, dem höchsten Punkt der heutigen Etappe. Kurz darauf befindet sich ein Wegkreuz und davor finde ich einige prachtvolle Exemplare Steinpilze. Da ich keine vernünftige Transportmöglichkeit habe, lasse ich sie stehen. Schade, die hätten heute Abend eine schmackhafte Mahlzeit ergeben können. Ich bin trotzdem gut gelaunt, es geht auf den nächsten vier Kilometern beständig abwärts und ich verliere hier rund dreihundert Meter an Höhe. Leider sind vereinzelte Passagen mit gewalztem Schotter versehen, auf dem das Gehen etwas schwer fällt. Eine gute dreiviertel Stunde später erreiche ich die „Obere Bergstraße“ und damit auch die ersten Häuser von Bullay. Über den Umweltbahnhof gehe ich zur katholischen Pfarrkirche St. Maria Magdalena, die sogar geöffnet ist. Der Chorraum ist sehr spärlich ausgestattet, ein überlebensgroßes Kreuz konzentriert die Blicke auf sich. In einer Seitennische befindet sich eine steinerne Altarbildwand aus dem 17. Jahrhundert. Leider hat das Pfarramt nur vormittags geöffnet, sodass ich heute keinen Stempel mehr erhalten kann. Direkt neben der Kirche entdecke ich neben der Eingangstür eines Hauses eine vergoldete Jakobsmuschel. Ich muss mich jetzt beeilen, um meinen Zug nach Koblenz zu bekommen. Ich löse im Bahnhof an einem Automaten ein Ticket, bemerke aber schnell, dass ich damit nicht den von mir gewünschten Intercity nehmen kann. Also warte ich eine weitere halbe Stunde auf dem Bahnsteig auf die nächste Regionalbahn, die auch noch überflüssigerweise in jedem Dörfchen an der Mosel in Richtung Koblenz anhält. So treffe ich gegen 17.20 Uhr dort am Hauptbahnhof ein und mache mich auf den Weg nach Hause. Zufälligerweise ist meine Frau mit dem Auto unterwegs und nimmt mich schon nach wenigen Metern auf, sodass mir der letzte Kilometer zu Fuß für heute erspart bleibt.