Von Brohl-Lützing nach Miesenheim  (18. Mai 2015)

Zunächst blicke ich zurück auf die Vorgeschichte dieses Tages. Im vergangenen Jahr bekam ich einen Anruf von Jessica Häbel, die mir von dem Projekt einer Benefizpilgerwanderung der Lost Voices Stiftung auf dem Linksrheinischen Jakobsweg erzählte und um Unterstützung bat. Im Zeitraum 12. - 30. Mai 2015 sollte es Ziel sein, die relativ unbekannte und unheilbare neuroimmunologische Krankheit Myalgische Enzephalomyelitis (ME) / Chronic Fatigue Syndrom (CFS) in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen und Spenden für die Erforschung an der Berliner Charité zu sammeln. Bei der Aktion sollte von den beteiligten Etappenpilgern ein Buch mit Betroffenenberichten weitergegeben und wie ein Staffelholz transportiert werden. Spontan sagte ich Hilfe zu und trug einiges zur Etappenplanung bei. Schließlich kam Anfang April ein Hilferuf, da noch einige Etappen nicht besetzt waren. Ich reservierte mir den Abschnitt von Brohl-Lützing nach Andernach, den ich noch als Lücke in meinem zweiten Durchgang auf dem Linksrheinischen Jakobsweg hatte, Darüber hinaus konnte ich weitere Pilgerfreunde aus unserem Koblenzer Pilgerforum für noch offene Wegstrecken gewinnen.

So sitze ich nun in meinem Auto und begebe mich nach Brohl-Lützing, um meine Etappe für die Stiftung zu gehen. Leider konnte ich gestern nicht das Betroffenenbuch und die weiteren Materialien von meinen „Vorpilgern“ entgegen nehmen. Wir hatten in den letzten Tagen telefonisch Kontakt und haben festgelegt, das Päckchen in der Römer-Therme in Bad Breisig zu hinterlegen. Dort befindet sich ja auch der Pilgerstempel der Kurstadt. Vorher mache ich aber noch einen Abstecher nach Oberbreisig, um in der St. Viktor-Kirche den im Oktober übergebenen und dort ausliegenden Pilgerstempel zu überprüfen. Erstaunt stelle ich fest, dass dieser nicht auffindbar ist - darum werde ich mich nach meiner Rückkehr kümmern müssen. Anschließend hole ich mir in der Therme das Bündel ab und stelle mein Auto am Bahnhof in Brohl-Lützing ab. Vor wenigen Tagen stand ich schon einmal hier, als ich mit dem Fahrrad die ersten beiden Etappen des Eifel-Camino überprüft hatte. Heute werde ich annähernd den gleichen Weg in deutlich längerer Zeit zu Fuß absolvieren.

Doch zuerst kaufe ich mir in Annemies Lädchen etwas Marschverpflegung. Zudem erhalte ich die Information, dass sehr häufig nach dem hier deponierten Pilgerstempel nachgefragt wird. Das freut mich natürlich. Und dann geht es endlich los: steil bergauf bis zum ersten Aussichtstempel mit Blick auf Brohl-Lützing. Es folgt der berüchtigte alpine Teil steil aufwärts über in den Schiefer gehauene Stufen und einem Handlauf aus Stahlseil. Je höher ich den Berg erklimme, desto schöner wird der Ausblick. Dass dabei auch noch der Zivilisationslärm immer weniger wird, ist ein weiter schöner Nebeneffekt. Auf der Höhe angekommen tauche ich in dichten Wald ein, passiere vorzeitliche Befestigungsgräben und wende mich nach rechts auf einen Lehrpfad durch einen ehemaligen römischen Steinbruch. Es ist jetzt sehr leise, nur vereinzelt machen sich Vögel bemerkbar. Auf einer Hochebene marschiere ich an verstreuten Gehöften vorbei. Am rechten Wegrand fasziniert mich ein Kirschbaum, der in voller Blüte steht - der Stamm jedoch sieht eher kaputt und abgestorben aus.

Es geht nun abwärts nach Namedy. Auf einer großen Fläche sind sämtliche Nadelbäume verschwunden - das dürften die Auswirkungen eines heftigen Sturmes vor ein paar Jahren sein. An der St. Bartholomäus-Kirche mache ich meine Mittagsrast. Die Kirche hat eine seltsame Architektur:  der frühgotische Chor und das Langhaus sind die Reste der Klosterkirche eines Zisterzienserinnen-Klosters aus dem 13. Jahrhundert, während der vordere, turmartige Quadratanbau erst 1969/70 hinzukam. Während ich meinen Imbiss zu mir nehme, blättere ich in dem Betroffenenbuch. Dabei merke ich gar nicht, wie die Zeit vergeht. Erst nach fast einer Stunde lege ich das Buch weg, nicht ohne einen persönlichen Kommentar im hinteren Bereich zu hinterlassen. Die Berichte der Betroffenen machen mich betroffen. Es ist für mich als aktiver Mensch schwer vorstellbar, dass alltägliche Tätigkeiten - sofern überhaupt noch machbar - zur völligen Erschöpfung führen können und an ein normales Leben gar nicht zu denken ist. Im Gegenteil, das Leben verabschiedet sich allmählich von den Erkrankten und zwangsläufig sind sie außen vor in der Gesellschaft. Da fällt mir wieder der eigentlich abgestorbene Baum von eben ein, der versucht, aus seinem Schicksal auszubrechen und Blüten hervorbringt. Diesen Willen und die Kraft wünsche ich allen Betroffenen, aus ihrem Teufelskreis ausbrechen zu können und wenn nötig, auf die Hilfe von anderen zu hoffen.

Noch etwas nachdenklich mache ich mich wieder auf den Weg. Dabei bin ich noch so in Gedanken, dass ich von meiner Umgebung gar nicht mehr allzu viel  wahrnehme. Ich lasse Namedy hinter mir und gelange unter der Autobrücke gehend zu den grünen Rheinwiesen nach Andernach, wo gerade Zelte und Pavillons für eine Veranstaltung aufgebaut werden. Den Pilgerstempel hole ich mir heute in der Tourist-Info, die im hiesigen Geysir-Zentrum untergebracht ist. Anschließend gönne ich mir eine Portion Eis und schlendere über die Breite Straße stadtauswärts. An der Berufsschule gebe ich im Sekretariat das Pilgerbündel ab. Meine Nachfolgerin hatte mich darum gebeten, da sie hier als Lehrerin arbeitet und noch im Unterricht ist. Damit ist der offizielle Teil meiner Pilgeretappe für die Stiftung beendet. Ich laufe dennoch ein paar Kilometer weiter bis Miesenheim, um die Lücke auf dem Linksrheinischen Jakobsweg zu schließen. Ab Miesenheim fahre ich mit der Bahn über Andernach wieder zurück nach Brohl-Lützing, wo mein Auto parkt. Ich hatte heute einen schönen und zum Teil nachdenklichen Tag der mir sehr viel gegeben hat.