Von Sinzig nach Andernach (27. Juli 2013)

Und wiederum steht eine Etappe auf dem linksrheinischen Jakobsweg an. Meine Frau wird heute auf einem Flohmarkt versuchen, unseren Verschlag auf dem Dachboden etwas zu entleeren. So nutze ich zugleich die Gelegenheit, bereits sehr früh mit dem Zug nach Sinzig zu fahren und von dort nach Andernach zu pilgern. Diesen Abschnitt widme ich den vielen Opern des schrecklichen Zugunglücks in der Nähe von Santiago de Compostela. Ich starte vor der Stadtpfarrkirche St. Peter, die jetzt um 7.00 Uhr noch verschlossen ist. Auf dem Kirchplatz scheint gestern Abend ein Fest gewesen zu sein. Es stehen einige Verkaufsbuden und vereinzelt Weingläser auf den Sitzgarnituren herum. Über die Treppe des Gefallenendenkmals steige ich zur Barbarossastraße hinab und gehe durch den  Lunapark. Ich komme an einem Rest der  mittelalterlichen Stadtmauer heraus und habe den ersten, wenngleich leichten, Anstieg des heutigen Tages vor mir.

Es geht auf einem asphaltiertem aufwärts auf den Waldrand zu. Dort befinden sich ein Parkplatz und eine Schutzhütte, wo ich mir etwas Sonnenschutzcreme auf die Arme schmiere. Ich stelle fest, dass ich schon zu schwitzen begonnen habe.  Der Weg führt mich an einem Bilderstock mit einem Marienmosaik vorbei in den Wald hinein. Hier ist es bis auf Vogelgezwitscher sehr ruhig. Mich stören allerdings die zahllosen Insekten, die entweder brummend an meinen Ohren oder in der Nähe meines Gesichtes vorbeischwirren. Sie lassen sich auch durch mein andauerndes Wegschlagen nicht vertreiben. Durch die Baumreihen strömen nun vereinzelte Sonnenstrahlen, die sich zu dicken Bündeln vereinigen und für eine friedvolle Atmosphäre sorgen. Schließlich erreiche ich die Hochebene Mönchsheide. Hier habe ich schon öfter an einem Volkslauf teilgenommen, der allerdings heute leider nicht mehr ausgerichtet wird, es war immer eine schöne Veranstaltung. In der Ferne ist das Segelfluggelände zu sehen, direkt vor mir der der Gutshof Mönchsheide. Ich gehe am Waldrand weiter bis zur Hubihütte und tauche dahinter in den Förster-Steffens-Weg ein. Nach rund 200 m biegen ich nach rechts in einen unscheinbaren Waldpfad ab, der etwas später auf einem Holzschild als Manhillenweg bezeichnet wird. Ein paar Treppenstufen weiter und ich stehe auf dem Parkplatz der Schäferhütte, wo ich die Fahrstraße überquere und weiter auf dem Förster-Steffens-Weg abwärts nach Bad Breisig, konkret zum Stadtteil Oberbreisig, laufe.

Ich quere die Frankenbachstraße, gehe an einem Spielplatz nach rechts durch ein Wohngebiet, bis zur romanischen Pfarrkirche St. Viktor. Die Kirche ist bereits geöffnet und wird gerade gereinigt. Ich schaue mir die Fresken aus dem 14. Jh. an, unter anderem auch die Darstellung einer Pilgerkrönung durch den Hl. Jakobus. Sie wird als Hinweis auf den mittelalterlichen linksrheinischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela gedeutet. Ich entzünde eine Kerze für die Opfer des Zugunglücks und spreche ein Gebet. Nach dem Kirchenbesuch marschiere ich weiter bis zur Römertherme. Der Weg geht durch einen kleinen Park mit Springbrunnen und Trinkpavillon. Ich koste von dem Thermalwasser, einem eisenhaltigen Säuerling aus der im Jahre 1912 angebohrten Geyr-Quelle. Kurz vor eine Tennisanlage biege ich in den Wald ab und erklimme auf einem schmalen Waldpfad den nächsten Anstieg. Ich passiere die Mariensäule aus Basaltlava mit einem schönen Blick in das Rheintal. Die Säule wurde 1957 zum Dank für die wiedersprudelnde Marienquelle errichtet, die im Krieg durch Bombenabwürfe versiegte. Es geht abwärts bis zum Vinxtbach, der zu Zeiten der Römer die Grenze zwischen den Provinzen Obergermanien mit der Hauptstadt Mainz und Niedergermanien mit der Hauptstadt Köln darstellte. Vor mir sehe ich entsetzt auf die weitere Streckenführung: es geht steil bergauf in Richtung Burg Rheineck. An einer Steinsäule verlasse ich  den Fahrweg nach rechts und steige weiter aufwärts durch den Wald. Es folgen einige in den Schieferfels geschlagene Stufen bis zu einem weiteren Abzweig, wo ich den noch etwas höher gelegenen Aussichtspunkt Reutersley aufsuche. Dort habe ich einen wunderschönen Blick auf Burg Rheineck und das Rheintal.

Der Weg windet sich nun am Hang entlang und endet in Brohl. Ich gehe zunächst oberhalb des Ortes durch einen verkehrsberuhigten Bereich und statte der Kirche St. Johannes der Täufer einen Besuch ab. Die Kirche ist zumindest geöffnet, allerdings wird der Zugang durch eine Glastür versperrt. Am Ortsausgang fülle ich meinen Getränkevorrat in einer Bäckerei mit Lebensmittelanteil auf, denn meine drei Flaschen Wasser sind nahezu leer. Es geht jetzt hinter dem Betriebsgelände der Brohltaleisenbahn, einer Schmalspurlinie durch das Brohltal, vorbei. Ich überqueren die Gleise und beginnen auf einem schmalen Pfad neben dem letzten Haus den steilen Aufstieg. Nach den ersten Serpentinen bin ich bereits erleichtert, einen Aussichtspavillon mit einem traumhaften Blick auf Brohl zu erreichen. Mir läuft der Schweiß die am Kopf herunter, meine Herzfrequenz steigt. Ein weiteres Stück höher muss ich die sogenannte Eselstreppe bezwingen, die aus in den Fels geschlagenen Stufen besteht und ein Stahlseil zur Hilfestellung anbietet. Von einem noch höher gelegenen Fahnenmast bietet sich mir ein wunderschöner Ausblick auf das Rheintal und das Brohltal. Ich laufe an einer eisenzeitlichen Abschnittsbefestigung, bestehend aus zwei Wällen, vorbei und erreiche den Alkerhof. Nicht weit davon entfernt ragt ein rechts neben mir eine Wand mit Lavaschichten empor. Ein kleiner Pfad bringt mich aufwärts in das Gebiet eines ehemaligen römischen Steinbruches. Auf Schautafeln wird Wissenswertes zum Steinbruch und zum Vulkanismus dargestellt.

Nach einer weiteren Waldpassage erreiche ich am Waldrand das eingezäunte Gelände des Knopshofs. Auf einer asphaltierten Straße wandere ich von Ackerland umgeben durch freies Gelände und gehe durch den Weiler Geishügelhof. Von hier oben aus kann ich sogar die Weinberge von Leutesdorf auf der anderen Rheinseite erkennen. Vor dem Hüttenhof zweige ich nach links ab und verliere rasch durch Nadelwald gehend an Höhe. Für einen Moment mache am Wegesrand Halt und ernte eine Hand voll süße Himbeeren. Schließlich bin ich an der katholischen Pfarrkirche St. Bartholomäus in Namedy. Ich kann nur kurz in die Kirche reinschauen, denn in einer Viertelstunde findet hier eine Trauung statt und ein Chor probt noch einige Lieder. Draußen treffe ich den Bräutigam, dem ich viel Glück für seine Ehe wünsche. So mache ich mich auf das letzte Stückchen Weg, schon kenne. An der nächsten Ecke stoße ich auf den Eifel-Camino, der die Pilger nach Trier bringt. Ich durchwandere Namedy und erreiche vier Kilometer weiter die Andernach Liebfrauenkirche, auch Mariendom genannt. Natürlich mache ich zum Abschluss des Pilgertages noch einen kleinen Rundgang mit Besinnung durch die Kirche, bevor es mich in die Fußgängerzone zieht. Dort schaue ich mir noch die evangelische Christuskirche an, die in früheren Zeiten die Kirche eines Minoritenklosters war. Letztendlich möchte ich mir das Jakobus-Fresko in der Hospitalkirche St. Josef anschauen, aber auch hier findet in wenigen Minuten eine Trauung statt. So bleibt mir nichts anderes übrig, als ein Eis zu kaufen und mit der Bahn wieder nach Hause zu fahren, wo ich von meiner Frau Susanne am Bahnhof abgeholt werde.