Von Köln nach Bonn (17. Mai 2013)

Vor einigen Wochen haben wir am Deutschen Eck in Koblenz den Linksrheinischen Jakobsweg eröffnet. Nun ist es an der Zeit, diesen Weg unmittelbar vor der Haustür auch zu gehen. Ich war zwar am Rande an der Etappenplanung beteiligt und habe den Flyer dazu entworfen, aber leider kenne ich die Strecken noch gar nicht und soll einen Pilgerführer schreiben. Außerdem kann ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Überstunden abzubauen und einen Trainingsmarsch für die kommende Pilgertour in Frankreich zu absolvieren. Wie immer, wenn ich zum Tagespilger auf heimischen Jakobswegen werde, stehe ich früh auf, um einen der ersten Züge am Koblenzer Hauptbahnhof zu bekommen. Nach dem Herrichten des kleinen Tagesrucksacks habe ich die üblichen zwei Kilometer bis zum Bahnhof vor mir. Das Zugticket hatte ich bereits vorab im Internet gebucht und ausgedruckt. In der Bahnhofsbuchhandlung besorge ich mir zwei Moleskine-Notizheftchen, in denen ich zukünftige Pilgerstempel sammeln werde.

01Gegen 8.15 Uhr treffe ich am Kölner Hauptbahnhof ein und begebe mich über die Domtreppe sofort zum Dom, der bereits geöffnet ist. Am Petrusportal finde ich die erste Jakobusdarstellung und mache anschließend einen kurzen Rundgang durch den Dom. Es ist schon sehr lange her, dass ich hier war. Der Dom überwältigt mich mit seinen Dimensionen und seiner Atmosphäre. Inzwischen begeistern mich diese alten Kathedralen, sie haben etwas Besonderes an sich, das man nicht beschreiben kann. Hier standen schon vor Jahrhunderten Pilger aus der damals bekannten Welt, aus Europa. Leider bin etwas zu spät, denn in einer Kapelle neben dem Chor endet gerade ein Gottesdienst. Ich frage einen der Domaufsichten nach einem Pilgerstempel, den ich tatsächlich von einem Kollegen bekomme. Nach einer kurzen Besinnung mache ich mich auf den Weg, denn ich habe heute gleich zwei Etappen vor mir und möchte am Nachmittag in Bonn sein. Vom „Roncalliplatz“ aus starte ich, gehe am Römisch-Germanischen Museum vorbei über die Straße „Am Hof“ und weiter geradeaus in die Straße „Unter Goldschmied“, der ich bis zur „Pipinstraße“ folge. Auf diesem Abschnitt finde ich die ersten Muschelwegweiser. Wie ich allerdings bald feststellen muss, sind dies die Wegzeichen für den Jakobsweg nach Aachen und nicht für den Linksrheinischen Jakobsweg. Dieser ist bisher nur in Rheinland-Pfalz komplett markiert.

Hier treffe ich neben einem Stück der historischen römischen Wasserleitung auch auf eine Büste des früheren Kölner Erzbischofs Frings, das Jüdische Museum und das Wallraf-Richartz-Museum. Unmittelbar nebenan befindet sich mit Alt St. Alban die erste Kirche. Diese wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber nicht wieder aufgebaut. Heute kann durch Gitter die dahinter platzierte Skulptur „Trauernde Eltern“ (nach dem Original von Käthe Kollwitz) und das Kriegsgefangenen-Mahnmal betrachtet werden. Unmittelbar an die Ruine schließt sich die mittelalterliche Festhalle „Gürzenich“ an. Nach der Überquerung der „Pipinstraße“ verlasse ich die Route, um mir die frühromanische Basilika St. Maria im Kapitol mit einem sehr schönen Jakobusfenster anzusehen. Leider ist die Kirchenaufsicht noch nicht anwesend, hier hätte ich sonst einen Stempel mit Jakobusmotiv erhalten können. Im Pfarrbüro bekomme ich dafür neben dem eigenen Pfarrsiegel auch noch das Siegel der Basilika St. Maria in Lyskirchen. Über die „Hohe Straße“ und die „Hohe Pforte“ erreiche ich den „Waidmarkt“ mit der nächsten romanischen Basilika, St. Georg. Davor wurde durch die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft eine Informationsstele zum Thema „Wege der Pilger im Rheinland“ Jakobsweg aufgestellt. Nach der kurzen Besichtigung geht es an dem vor einigen Jahren durch den U-Bahn-Bau eingestürzten historischen Archiv vorbei in die „Severinstraße“, einer Einkaufsmeile mit vielen Kneipen, Kiosken und kleinen Läden. Über eine Brücke, die die Zufahrt zur Severinsbrücke überspannt, stoße ich direkt auf das nächste Gotteshaus. St. Johann Baptist ist heute das jugendpastorale Zentrum des Erzbistums Köln (CRUX) mit einem angeschlossenen Café.  Natürlich nutze ich die Gelegenheit und schaue mir die Kirche von innen an. Auffällig sind die Sitzreihen, die aus Materialkisten bestehen, wie sie üblicherweise Musiker verwenden. Ich folge weiterhin der „Severinstraße“ und erreiche die romanische Basilika St. Severin, dem dritten Bischof von Köln geweiht. Im Pfarrbüro erhalte ich meinen Pilgerstempel, bevor ich mir die Kirche ansehe. Dabei fällt mir auf, dass hier nach St. Maria am Kapitol und St. Georg ebenfalls ein Gabelkreuz vorhanden ist.

Am Ende der „Severinstraße“ bin ich schon fast an der Grenze des Kölner Zentrums angelangt. Hinter der Severinstorburg aus dem 13. Jahrhundert biege ich am „Chlodwigplatz“ nach links in den „Ubierring“ ein. Von hier aus gehe ich geradeaus auf den Rhein zu, überquere die Straße „Am Bayenturm“ und wende mich nach links zu dem südlichen Eckturm der mittelalterlichen Stadtmauer. Heute hat die gemeinnützige Stiftung „FrauenMediaTurm“ sowie die Redaktion der Zeitschrift „Emma“ ihren Sitz in dem dreistöckigen Turm. Hier geht es rechts direkt an den Rheinauhafen, wo in den letzten Jahren ein Wohn-, Büro-, Dienstleistungs- und Gewerbegebiet unter Einbeziehung von denkmalgeschützten Gebäuden entstanden ist. Auf der „Laura-von-Oelbermann-Promenade“ setze ich meine Wanderung in Richtung Süden fort. Es ist grau, nebelig und feiner Niederschlag setzt sich auf meiner Kleidung fest. Das Wetter hat wirklich nichts mit Frühling zu tun, es spielt total verrückt. Kurz vor der Südbrücke treffe ich auf ein Relikt, das mir bisher nur aus den Kölner Tatort-Sendungen bekannt ist: die „Wurstbraterei“ der Schlusssequenzen der Krimis mit Ballauf und Schenk. Von nun an geht es für drei Kilometer auf dem Leinpfad unmittelbar am Rhein entlang. Hier begegnen mir einige Jogger und Fahrradfahrer, einige Angler versuchen ihr Glück. Am Ufer im Bereich der „Rodenkirchener Brücke“ liegen einige Schiffe dauerhaft vor Anker. Zunächst treffe ich auf die Ökologische Rheinstation der Universität zu Köln, danach laden mit dem „Marienburger Bootshaus“, der „Tanzbar“, die „Alte Liebe“ und der „Albatros“ schwimmende Gasthäuser zum Verweilen ein. Aktuell ist es noch zu früh, ich gehe davon aus, dass erst deutlich später geöffnet wird. Unter der Brücke wurde von den Wassersportfreunden Köln eine Kanu-Slalom-Strecke eingerichtet. Der Uferweg steuert unmittelbar auf ein Gasthaus im Fachwerkstil zu, dahinter ragt der Turm der St. Maternus-Kapelle aus dem 11. Jahrhundert hervor, die jedoch leider verschlossen ist. Vor der Kapelle biege ich nach rechts in die schmale „Kirchstraße“ ab und gehe bis zur „Hauptstraße“, an der ich mich nach links wende und dieser folge. Allmählich bekomme ich Hunger. In einer Bäckerei kaufe ich mir ein Tetrapack Kakao, zwei Käse-Laugenstangen und ein Puddingteilchen. Letzteres wird unmittelbar auf den nächsten Metern verspeist.

An einer Gabelkreuzung folge ich der nach rechts abknickenden „Sürther Straße“. Dabei komme ich an der evangelischen Erlöserkirche vorbei. Kurzentschlossen suche ich das Gemeindebüro auf, finde es aber nicht sofort in dem Gebäude. Auf dem Weg zurück nach draußen werde ich von Pfarrer Michael Miehe abgefangen, der mich nach meinem Begehr fragt. Er erklärt mir, dass das Gemeindebüro geschlossen sei, er mir aber gerne einen Stempel geben kann. Ich freue mich über diese spontane Aktion, verabschiede mich mit einem herzlichen Dank und wende mich wieder der „Sürther Straße“ zu. Vor einem Wohnhaus tummelt sich auf einem runden Podest eine Schildkrötenfamilie aus Bronze und betrachtet interessiert das Geschehen vor sich. Dahinter tauche ich in ein kurzes Waldstück ein und vernehme zahlreiche Vogelstimmen. Es tut gut, nach der bisherigen städtischen Geräuschkulisse wieder einmal in der Natur zu sein und die Sinne auf eine angenehme Weise zu reizen. Am Ende des Grünstreifens gehe ich an einer Friedhofsmauer entlang und erreiche das großflächige Areal der Diakonie Michaelshoven. Die „Sürther Straße“ zieht sich fast drei Kilometer hin. Ich lasse eine Gesamtschule mit Sportgelände hinter mir und überquere schließlich eine große Kreuzung geradeaus, an der sich eine Tankstelle befindet. Ich bin jetzt in der „Kölner Straße“ im Stadtteil Sürth. Auch hier laufe ich an einem Friedhof vorbei, verbleibe bis zu einer T-Kreuzung am Ende an der Straße. Geradeaus führt der Weg in die Straße „Am Rheinufer“ zu demselbigen. Ich schaue mir aber vorher noch die St. Remigius-Kirche an, deren Turm nur rund hundert Schritte weiter nach rechts in die Höhe ragt. Nach einer kurzen Pause der Stärkung begebe ich mich am Rhein entlang nach Süden. Ab hier sind es noch rund sechs Kilometer bis nach Wesseling. Ich hoffe, nun endgültig der Zivilisation entflohen zu sein, nur vereinzelt begegnen mir Fahrradfahrer und Hunde mit ihren Frauchen oder Herrchen. Links befindet sich der Rhein, daran schließt sich ein mehr oder weniger schmaler Gürtel aus Bäumen und Sträuchern an, in der Mitte verläuft der Leinpfad. Es riecht nach Frühling, dennoch scheint die Sonne heute nicht den Kampf gegen die dichte Wolkendecke gewinnen zu können. Und dann bäumt sich vor mir das krasse Gegenteil von Natur auf: Kühltürme eines Kraftwerkes und Kräne, dazu der passende Lärm. Vor einem Hafenbecken macht der Weg eine Rechtskurve und folgt damit den Konturen des Hafens, genau auf die Kühltürme zu. Nach einem Linksknick geht es den „Mühlenhof“ leicht bergauf zu einer Brücke über die Bahntrasse. Der Pilgerweg führt jedoch geradeaus entlang der Gleise bis zu einer Fußgängerbrücke am Godorfer Bahnhof. Von der Brücke ist mit Blick auf den Rhein eine alte Windmühle, allerdings ohne Flügel, zu sehen. Ich nehme auf der Brücke den zweiten Abgang und erreiche die stark befahrene „Industriestraße“, die später „Theodor-Heuss-Straße“ heißt.

Auf einem Radweg laufe ich genau auf die Anlagen eines Industriekonzerns in der Gemarkung Wesseling zu. Das ist ein Wegabschnitt, der nicht unbedingt sein muss, sich aber leider nicht vermeiden lässt. Es ist laut, ständig zischen irgendwelche Ventile, es riecht leicht süßlich nach Chemie. Zu allem Überfluss beginnt es jetzt auch noch zu regnen. Leider wird es nicht weniger, sodass ich mir den Regenponcho über mich und meinen Rucksack werfe. Ich bin froh, als ich an einen großen Kreisverkehr komme, nach links in den „Mühlenweg“ abbiege und den ganzen Lärm und Gestank hinter mir lassen kann. An der nächsten T-Kreuzung treffe ich auf die „Kölner Straße“, der ich nach rechts bis zur katholischen St. Germanus-Kirche folge. Hier endet die erste Etappe des Linksrheinischen Jakobsweges. Endlich hört der Regen auf und ich kann meinen Poncho wieder im Rucksackdeckel verstauen. Nach einer kurzen Verschnaufpause besichtige die Kirche und komme für ein paar Minuten zur Ruhe und Besinnung.

Ich stehe heute ein wenig unter Zeitdruck, da wir am Abend noch etwas vorhaben. Deswegen versuche ich, etwas schneller zu gehen als sonst. Doch dafür zahle ich auch einen Preis: es zwickt ein wenig unter dem rechten Großzeh. Ich traue mich aber nicht, nachzusehen. Mit strammem Schritt geht es von der St. Germanus-Kirche über die „Bonner Straße“ und „Auf dem Sonnenweg“ sowie die „Parkstraße“  in den Rheinpark, wo zurzeit noch Bagger am Werke sind. Rasch befinde ich mich erneut auf dem Leinpfad am Rhein, den ich so schnell nicht mehr verlassen werde. Hinter der Rheininsel „Herseler Werth“ gelange ich zum Sportzentrum, das aus einem Casting-Übungsgelände des örtlichen Fischereivereins und einem Fußballplatz besteht. Ich gehe oberhalb des Sportplatzes durch die „Bayerstraße“ und biege dahinter nach links auf den Leinpfad ab. Bald erreiche ich die Zufahrtsrampe der Autofähre zwischen Hersel und Mondorf, wo sich zahlreiche Enten und Schwäne tummeln. Es ist nicht mehr weit bis zur katholischen Pfarrkirche St. Margaretha. Kaum bin ich dort, beginnt es schon wieder zu regnen, und das noch stärker als zuvor. So packe ich erneut meinen Poncho aus. Da die Kirche nicht geöffnet ist, halte ich mich gar nicht lange auf. Schnell geht es wieder an den Rhein. In Graurheindorf verlasse ich an einer Stahltreppe den Leinpfad in Richtung „Mertensgasse“, bis ich auf die „Estermannstraße“ stoße und nach links abbiege. Die Straße ist schmal und es existiert eigentlich kein Bürgersteig. Ich bin froh, als ich nach links in die „Werftstraße“ gehen kann. Hinter einer bunten Stahlwand weist der Wegweiser des Radweges in Richtung Bonn nach links und ich gehe zwischen einem etwas größeren Stapel Containern und einem Klärwerk hindurch. Wieder am Rhein angekommen, sehe ich von weitem bereits die Silhouette der Friedrich-Ebert-Brücke, unter der ich schon bald durchlaufe. Endlich kann ich den Leinpfad verlassen und bewege mich auf das parallel verlaufende „Fritz-Schroeder-Ufer“ zu. Oberhalb der Straße ragt die Bonner Beethovenhalle hervor, an der nächsten Ecke gehe ich nach rechts in die „Theater-Straße“. An der Kreuzung mit der „Kölnstraße“ erscheinen links die Türme der Stiftskirche, die ich mir gerne ansehen möchte. Der Zugang zur Kirche wird jedoch durch ein verschlossenes Gitter versperrt, sodass dem Besucher nur ein Blick aus dem Vorraum bleibt. Draußen regnet es immer noch.

Bald habe ich mein Ziel für heute erreicht. Nun geht es noch über die „Oxford-Straße“ zur  Fußgängerzone, dort durch „Bonngasse“, „Marktbrücke“ und „Remigiusstraße“. Dann stehe ich vor dem Bonner Münster. Meine Füße schmerzen. Zu den Problemen am rechten Zeh kommt noch eine Druckstelle an der linken Ferse dazu. Bevor ich zum Bahnhof gehe, nehme ich mir die Zeit, um einen Blick in das Münster zu werfen und ein kurzes Dankgebet zu sprechen. Einen Stempel hole ich mir bei der nächsten Etappe, die hier beginnen wird. Beim Verlassen der Kirche treffe ich auf zwei Radpilger, die auf dem Weg nach Rom sind. Wir plauschen ein wenig miteinander und wünschen uns gegenseitig zum Abschied einen guten Weg und Gottes Segen. Am Bahnhof muss ich erkennen, dass mir dieser Plausch eine spätere Heimfahrt um dreißig Minuten beschert hat. Das war er mir aber wert. Ich ziehe mir den Poncho aus, besorge mir ein Bahnticket und steige bald darauf in einen ziemlich vollgestopften Zug nach Koblenz ein. Zum Glück finde ich noch einen Sitzplatz. In Koblenz werde ich von meiner Frau abgeholt und zu Hause stelle ich begeistert fest, dass ich keine Blasen, sondern nur leichte Druckstellen an den beschriebenen Stellen habe. Fazit des Tages: Pilgern in Hetze macht keinen Sinn und die beiden bewältigten Etappen sind sicherlich nicht die schönsten des Linksrheinischen Jakobswegs. Die liegen noch vor mir, in Richtung Koblenz und Bingen geht es vornehmlich durch Natur und die Zivilisation wird meistens umgangen.