Von Bad Ems nach Friedrichssegen (14. Juli 2009)

Heute Morgen geht es etwas später los, da die beiden Pfarrämter von Bad Ems erst ab 10.00 Uhr geöffnet haben. Christian und ich nutzen die Gelegenheit, auf dem Weg in die Stadt in einem Supermarkt Getränke zu kaufen. Kurz darauf beginnt es leicht zu regnen und wir überlegen, aus den Rucksäcken unsere Regenjacken herauszunehmen. Während wir noch unentschlossen sind, hört es auch schon wieder auf. Wir erreichen nach wenigen Minuten die evangelische Martinskirche, suchen das Pfarramt auf und bitten um einen Stempel für unsere Pilgerpässe. Leider bekommen wir nur einen Adressstempel, ein Pfarrsiegel darf uns die Mitarbeiterin ohne den Pfarrer nicht herausgeben. Wir gehen weiter in die Stadt bis zum katholischen Pfarramt St. Martin. In dieser Gemeinde bin ich groß geworden und war viele Jahre Ministrant. Hier bekommen wir von der Pfarrsekretärin das schöne Siegel der Pfarrei. Auf dem Weg zur katholischen St. Martinskirche passieren wir meinen ehemaligen Kindergarten und treffen den Küster, der früher neben meinem Elternhaus gewohnt hat. Das Gotteshaus selbst ist nur spärlich beleuchtet, der Organist übt gerade auf seinem Instrument.

Ab hier ist es nicht mehr weit bis zum Einstieg in den Lahn-Camino, den wir für uns an der Talstation der Malbergbahn wählen. Die Bahn war einst die steilste Zahnradbahn von Deutschland, wurde aber im Jahr 1980 wegen technischer Mängel außer Betrieb genommen. Seitdem versucht ein Verein dies wieder rückgängig zu machen, bisher aber erfolglos. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir damals mit unserer Familie mit der Bahn auf den Malberg gefahren sind und dann den dort angesiedelten Tierpark besucht hatten. Heute verfallen die beiden Wagen und die Gleisanlage zunehmend, auch weil Randalierer ihre Zerstörungswut an der Anlage ausgelassen haben. Der nächste Streckenabschnitt führt uns stetig bergauf, wir stoßen bald auf den ersten Wegweiser des Lahn-Camino und fühlen uns nun wieder geborgen. Die Wege sind hier in keinem guten Zustand. Fahrzeuge haben tiefe Spuren hinterlassen, umgestürzte Bäume machen das Weitergehen nicht unbedingt einfach. Als wir eine alte Stahlbrücke über der Malbergbahntrasse erreichen, erkennen wir, wie die Natur sich im Laufe von fast dreißig Jahren alles zurückerobert hat. Die Gleise sind kaum noch zuerkennen. Ein umgestürzter Baum zwingt uns zu einer kleinen Kletterpartie. Ein paar Meter weiter bietet sich uns ein wunderschöner Ausblick auf das Zentrum von Bad Ems. Dort haben wir einen der höchsten Punkte der heutigen Etappe erreicht. Wir wandern jetzt wieder ins Tal, wobei der Waldweg des Öfteren durch längere Graspassagen unterbrochen wird. Darin wohnen allem Anschein nach kleine stechfreudige Krabbelwesen, denn unsere Beine weisen jetzt leicht gerötete und fürchterlich juckende Stellen auf.

Hin und wieder haben wir den Eindruck, dass hier selten Menschen hergehen, die Wege sind teilweise sehr dicht zugewachsen. Dies zeigt sich besonders nach dem Abzweig zum Haus Lindenbach, den ich sicherlich nicht noch einmal gehen würde, auch wenn er so markiert ist. Ich werde demnächst einmal prüfen, ob es nicht eine andere Möglichkeit gibt. Hier müssen wir cirka zweihundert Meter durch dichtes Gestrüpp und Gras gehen. Unsere Schuhe sind bald klatschnass, weil sich noch Morgentau und Reste des nächtlichen Regens darin verstecken. Leider ist am nächsten Querweg keine Markierung erkennbar, wir laufen auch prompt in die falsche Richtung, kommen aber direkt vor dem Erholungsheim für Eisenbahner, dem Haus Lindenbach, heraus. Es heißt, wieder umkehren und anhand der Wanderkarte den richtigen Weg festzustellen. Wir gelangen auf eine Straße, die wir in Richtung Westen einschlagen. Kurz darauf besteht noch einmal die Möglichkeit, die Vorräte in einem Supermarkt aufzufüllen. Wir sind aber bereits gut versorgt. Obwohl wir jetzt schon über zwei Stunden unterwegs sind, befinden wir uns immer noch in der Gemarkung Bad Ems. Hinter dem Klärwerk steigt der Weg über eine betonierte Straße wieder an. Dort tänzelt ein bunter Schmetterling um uns herum, lässt sich auf einem Strauch nieder und flattert mit seinen Flügeln, als wolle er uns einen guten Weg wünschen.

Wir haben wieder ebenes Geläuf erreicht, unterhalb von uns erscheinen die ersten Häuser von Nievern. Wenige Schritte weiter machen wir am Sportplatz eine kurze Pause, um uns zu stärken. Christian klagt über leichte Schmerzen in der linken Wade. Die Insektenstiche haben sein Bein anschwellen lassen. Wir folgen dem Weg nach Miellen, der immer schmaler wird und letztendlich gerade so viel Platz lässt, dass ein einzelner Pilger vorwärts kommt. Ein wachsames Auge ist erforderlich, denn links befindet sich ein tiefer Abgrund. An einer Weggabelung lassen wir das Miellener Wasserwerk aus dem Jahre 1908 links liegen. Bald darauf treffen wir auf einen Wegweiser, der unter anderem auf eine Stempelstelle für den Lahn-Camino hinweist. Wir überlegen nicht lange und folgen ihm. Von einer Stempelstelle in Miellen habe ich vorher noch nichts gehört. Wir werden nicht enttäuscht: mitten im Dorf hängt an einer Informationstafel ein Holzkästchen. Darin befinden sich ein angeketteter Stempel und ein Stempelkissen. Umgehend drücke ich den Stempel mit einem Motiv aus Jakobsmuschel und der Miellener Gedächtniskapelle in unsere Pilgerausweise.

Eigentlich kann man diesen lohnenswerten Abstecher nicht als Umweg bezeichnen, denn rasch befinden wir uns wieder auf dem Camino und suchen nun die besagte Gedächtniskapelle auf, die etwas oberhalb des Weges liegt. Die Kapelle wurde im Jahre 1952 zum Gedenken an alle Gefallenen sämtlicher Kriege dieser Welt errichtet. Wir setzen uns einen Augenblick in die Kapelle und Christian entzündet eine Kerze. Vom Plateau der Kapelle schaut man auf die Lahn und die anliegenden Flusswiesen. Der Camino windet sich nun abwärts zu einer kleinen Straße. Wir biegen nach links ab und stehen vor einem Schriftstein. Dieser bestätigt unsere eingeschlagene Richtung in das Mühlenbachtal, das 1904 die Bezeichnung „Schweizertal“ erhalten hat. Im weiteren Verlauf entdecken wir noch vier andere Steintafeln, die an die hier platzierten Mühlen aus dem frühen 18. Jahrhundert erinnern. Nur eine davon ist gänzlich erhalten geblieben. Von allen anderen sind höchstens einige Reste von Bruchsteinmauern zu erahnen. Auf mehr oder weniger breiten Pfaden dauert es nun einige Zeit, bis wir durch dicht bewachsene Felsengen an dem heute nicht mehr so reißenden Mühlenbach das Ende erreichen. Dort erwartet uns eine Bank. Sie wirkt wie eine Einladung für eine kurze Rast und zugleich wie eine Belohnung für die Mühen des Aufstieges.

Über uns ziehen dunkle Wolken am Himmel auf. Wir hoffen aber weiterhin, nicht in einen Schauer zu geraten. Über einen Wiesenweg gelangen wir nach Frücht, wo wir im Prinzip einmal um den Ort geführt werden. Dies hat auch seinen besonderen Grund, denn neben der Besichtigung der evangelischen Thomaskirche haben wir so die Möglichkeit, die Gruft des Freiherrn von Stein zumindest von außen zu sehen. Das Gelände selbst ist durch eine Mauer und ein verschlossenes Tor für Besucher abgesperrt und nicht betretbar. Nach unserer Dorfrunde verlassen wir Frücht über einen Feldweg. Dann gibt es Schwierigkeiten. Wir können keine Wegzeichen mehr finden, da muss die Wanderkarte helfen. Die auf der Karte angegebene Richtung weist rechts hinab in ein Tal, und tatsächlich entdecken wir versteckt an einem Baum eine gelbe Jakobsmuschel. Christian hat jetzt bei jedem Schritt Schmerzen, die Wade gleicht einer roten Kugel. Wir fassen daher den Entschluss, die Etappe bereits in Friedrichssegen abzubrechen und an einem anderen Tag fortzusetzen. Ich rufe meine Frau an, sie wird uns an der Lahnbrücke in Friedrichssegen abholen. Hierzu müssen wir allerdings noch gut zwei Kilometer durch das Erzbachtal hinab bis an die Lahn laufen.

Lahnstein, Hospital-Kapelle (16. Juli 2009)

Bis heute steht noch kein Tag fest, an dem wir den Lahn-Camino abschließen wollen. Da es in Lahnstein im Stadtarchiv den letzten Stempel für den Lahn-Camino gibt, müssen wir uns ein wenig an den Öffnungszeiten des Archivs orientieren. Aus diesem Grund fahre ich zwei Tage später nach Lahnstein und treffe auch einige Leute dort an. Ich erhalte für unsere Pilgerpässe den Stempel mit einem Motiv der Hospitalkapelle. Ein Herr bietet mir an, die Hospitalkapelle auf der anderen Straßenseite zu zeigen. Gerne nehme ich das Angebot an. So erhalte ich eine persönliche Führung durch die rund siebenhundert Jahre alte Kapelle, die in früheren Zeiten tatsächlich Pilger beherbergte. Zeugnis davon lieferten die Funde bei Restaurierungsarbeiten. Dabei wurde unter anderem auch das Grab eines unbekannten Pilgers mit den Resten einer Jakobsmuschel gefunden. Die Kapelle ist als solche von außen nicht erkennbar. Das Portal ist mit feinen Pilger- und Muschelverzierungen versehen und besitzt ein kleines Fenster, durch das auch bei verschlossenen Türen ein Blick in die Kapelle möglich ist. Ich bedanke mich ganz herzlich bei meinem Begleiter für die informative Führung und fahre wieder nach Hause.