Von Obernhof nach Bad Ems (13. Juli 2009)

Meine beiden ersten Urlaubstage in diesen Sommerferien habe ich für den Lahn-Camino reserviert. Dieses Mal werde ich nicht alleine unterwegs sein. Mein fast zwölfjähriger Sohn Christian begleitet mich. Geplant sind die beiden letzten Teilstücke von Obernhof nach Bad Ems und von Bad Ems nach Lahnstein. Wir machen uns nach dem Frühstück auf den Weg, jeder einen vollgepackten Rucksack auf dem Rücken und mit einem Pilgerstab in der Hand. Unser Zug nach Obernhof steht schon am Koblenzer Hauptbahnhof bereit und ich versuche, unsere Tickets zu bekommen. Leider nimmt der Automat keinen 20-Euro-Schein an, und mein Kleingeld reicht gerade für Christians Fahrschein. Bis zur Abfahrt ist noch Zeit und ich verlasse den Zug noch einmal, um an einem anderen Automaten mein Glück zu versuchen, aber auch das misslingt. Zum Glück kann mir im Zug ein freundlicher Mitreisender den Schein wechseln und ich werde doch nicht zum Schwarzfahrer.

Nach gut vierzig Minuten Fahrt durch das Lahntal kommen wir an unserem Startort an. Unser erstes Ziel, das Kloster Arnstein, thront schon deutlich sichtbar über dem noch verschlafenen Obernhof. Der Lahn-Camino führt uns direkt an der Klostermauer über die „Pater-Damian-Straße“ entlang. Pater Damian war Angehöriger der Arnsteiner Patres und kümmerte sich um Lepra-Kranke auf den Hawaii-Inseln. Dort starb er 1889 auf Moloka´i selbst an Lepra. Seine Heiligsprechung durch Papst Benedikt ist für Oktober 2009 vorgesehen. Er gilt als Schutzpatron der Leprakranken und wurde in den 1980ern von Aids-Selbsthilfeeinrichtungen inoffiziell übernommen, da Infizierte und Erkrankte teilweise ebenso wie Aussätzige behandelt wurden. Wir möchten noch einen Blick in die Klosterkirche werfen, doch diese ist leider noch verschlossen. Auch das Büro der katholischen Pfarrgemeinde hier im Kloster ist wegen Urlaubs geschlossen, sodass wir auch keinen Stempel für unseren Pilgerpass erhalten können. Den werde ich dann eben in den nächsten Wochen noch besorgen.

An der Klosterzufahrt geht der Weg nun oberhalb der Lahn auf einem asphaltierten Radwanderweg weiter. An verschiedenen Stellen hat man einen herrlichen Ausblick. So sehen wir einige Angler, die versuchen, mit einem Schlauchboot in der Flussmitte ihre Angelruten auszuwerfen. Ein besonders schöner Aussichtspunkt gibt mir die Gelegenheit zu einem tollen Photo von Kloster Arnstein und dem Wasserschloss Langenau. Der Radweg schlängelt sich weiter eng anliegend am Berghang durch einen bewaldeten Landstrich. Er fällt dann aber nach kurzer Zeit steil ab bis auf Flusshöhe, vorbei an einem großen Maisfeld, bis zur Schleuse Hollerich. Hier treffen wir auf eine Gruppe Radwanderer, einige der wenigen Menschen, denen wir unterwegs begegnen. Rund um die Schleuse ist das Tal sehr breit, es befinden sich dort weitläufig saftig grüne Wiesen. Nach einem weiteren kurzen Waldstück erblicken wir am Horizont bereits Nassau und auf der Höhe die sich abzeichnenden Konturen des Bergfriedes der Nassauer Burg. In den Lahnwiesen machen wir aber zunächst eine erste Rast und erfrischen und stärken uns ein wenig. In Nassau erklimmen wir zunächst den Burgberg, der ziemlich steil in die Höhe führt und uns ganz schön schnaufen lässt. Ein Auto überholt uns, tja, das wäre jetzt sehr bequem. Wir betreten den großräumigen Burghof durch einen Torbogen. Viel ist von der im 11. Jahrhundert erbauten Burg nicht geblieben, lediglich der Palas und der Bergfried stehen noch. Diesen gilt es nun mit seinen genau einhundert Treppenstufen zu bezwingen. In einem der drei Stockwerke des Turmes ist sogar ein Trauzimmer des Standesamtes Nassau untergebracht. Oben angekommen, erwartet uns ein weitreichender Ausblick aus den kleinen Türmchen des Bergfriedes auf die Stadt und das umliegende Land.

Es wird jetzt Zeit, unseren ersten Pilgerstempel für heute zu ergattern. Dazu durchqueren wir fast die komplette Stadt, passieren dabei den Stein´schen Hof, in dem der Reformer Freiherr vom Stein 1747 geboren wurde. Am Ortsausgang finden wir die katholische Pfarrkirche St. Bonifatius, die in modernem Stil errichtet wurde. Die gut gelaunte Pfarrsekretärin drückt uns gerne das Pfarrsiegel in unsere Ausweise. In einem Supermarkt füllen wir unsere Getränkevorräte auf und besuchen noch die im spätromanischen Stil erbaute evangelische Pfarrkirche Johannes der Täufer.

Nun ist auch die Zeit gekommen, für die Mittagsverpflegung, zu sorgen. Christian hat Lust auf einen Döner, den wir in aller Ruhe auf einer Bank direkt an der Lahn genießen. Dabei entscheiden wir uns, dem ausgeschilderten Lahn-Camino bis Misselberg zu folgen und dort erst nach Dausenau abzubiegen. Zunächst führt uns der Weg auf einem Fußweg unterhalb einer Kreisstraße, die wir später auch noch unterqueren müssen. Christian wird von einem sich aufplusternden Schwan bedroht, der seine fünf Jungen schützen möchte. Es wird etwas schattiger, wir gelangen in ein Waldstück. Der Weg ist schweißtreibend, es geht jetzt ein Stückchen steil nach oben. Auf den Lahnhöhen angekommen, befinden wir uns mitten in Getreidefeldern. Am Wegesrand steht ein knorriger, blattloser Baum. Ein kleiner Vogel sitzt auf einem Ast und zwitschert fröhlich vor sich hin. Ein blattloser Ast weist uns den weiteren Weg, wiederum in die Höhe. Von hier aus haben wir noch einmal eine ganz andere, aber schöne Perspektive auf die Burg Nassau. Hinter der nächsten Kurve sind schon die ersten Häuser von Misselberg zu sehen. Gleichzeitig kann man weit ins Lahntal blicken, Dausenau ist bereits zu erkennen. Misselberg scheint fast vollständig im Urlaub zu sein. Christian zählt einschließlich diverser Tiere elf Seelen und einen LKW auf dem Marsch durch das Dorf. Nach einem weiteren steilen Wegstück treffen wir auf ein blaues Hinweisschild für einen Abstecher zur St. Kastor-Kirche nach Dausenau. Wir gönnen uns eine kleine Erfrischungspause und folgen dann dem mit gelben Jakobsmuscheln und Pfeilen ausgewiesenen Weg. Es dauert knapp fünfundvierzig Minuten, bis wir den Schiefen Turm und das von Resten der mittelalterlichen Stadtmauer eingerahmte Zentrum von Dausenau erblicken. Sofort fällt die weiß getünchte frühgotische St. Kastorkirche ins Auge. Teile der Kirche wurden wahrscheinlich bereits im 12. Jahrhundert erbaut, weitere Anbauten im 14. Jahrhundert. Bei Restaurierungsarbeiten im Jahre 1991 wurde in der Kirche ein Fragment einer Jakobsmuschel als Grabbeigabe gefunden. Da die Kirche im Sommerhalbjahr nur an Wochenenden geöffnet ist, hatten wir uns bereits vor zwei Wochen bei einem Sonntagsausflug den wirklich schönen Pilgerstempel für unsere Pilgerausweise besorgt. Dabei hatten wir ausführlich Gelegenheit, die Kirche zu besichtigen. Wir halten uns daher nicht allzu lange in Dausenau auf und begeben uns nun auf den Lahnhöhenweg auf der Westerwaldseite.

Der Weg leitet uns zunächst durch aufgegebene Weinberge. Am Hang stehen einige Ferien- oder Wochenendhäuser. Ein paar Arbeiter rufen uns ein aufmunterndes „Buen Camino“ zu. Das tut gut, denn allmählich werden die Beine müde. Eigentlich wollte ich Christian den herrlichen Ausblick auf Bad Ems vom Concordiaturm zeigen, aber leider verpassen wir irgendwo einen Wegweiser. Auch auf meiner Wanderkarte bemerke ich den Fauxpas nicht sofort. So bleiben wir auf dem eingeschlagenen Weg, der uns über den Hasenberg an den östlichen Stadtrand von Bad Ems führt. Nach wenigen Minuten erreichen wir den Kurbezirk mit Römerquelle, Kurhotel, Spielcasino und Wasserturm. Zur Erfrischung kaufen wir uns eine große Portion Eis. Das tut jetzt gut und motiviert für die letzten Kilometer bis zum Ziel. Wir durchqueren den Kurpark und erblicken die Russische Kirche auf der anderen Lahnseite. Die goldenen Kuppeln wirken durch die wenigen Sonnenstrahlen noch intensiver. Christian wird nun doch allmählich müde, er ist solche Touren nicht gewöhnt, aber er schlägt sich wacker. Zur Belohnung darf er sich noch ein Eis holen, dieses Mal im besten Eissalon von Bad Ems. Den kenne ich noch als kleiner Junge, denn in Bad Ems bin ich aufgewachsen. Wir werden heute bei meinen Eltern übernachten, doch bis zu deren Haus am nördlichen Ende der Stadt sind es noch gut zwei Kilometer. Die Pilgerstempel können wir heute nicht mehr bekommen, die evangelischen und katholischen Pfarrämter sind heute Nachmittag geschlossen. Gegen 17.00 Uhr treffen wir bei meinen Eltern ein, wir haben knapp 26 Kilometer absolviert. Wir kühlen unsere Füße in kaltem Wasser und lassen es uns gut gehen. Erholung ist nun angesagt, morgen wird es einen weiteren Tag mit vielen Kilometern geben.