Von Weilburg nach Villmar (7. Oktober 2008)

In dieser Nacht habe ich gut geschlafen. Da ich mich heute schon früh auf den Weg begeben möchte, gehe ich kurz nach 7.00 Uhr zum Frühstück. Dieses fällt recht üppig aus: Brötchen, Brot, Wurst, Käse, Rührei, Müsli, Saft, Milch und natürlich Kaffe oder Tee. In einem Gespräch mit dem Hotelier ergibt sich, dass die Verzierungen der Möbel in meinem Zimmer doch nur rein zufällig sind. Ich behaupte aber trotzdem, dass das seit heute nicht nur der Zufall so will, sondern eine Pilgerherberge einfach so ausgestattet sein muss. Nachdem ich marschbereit bin, bezahle ich die Rechnung (Sonderpreis für Pilger in Höhe von 35 €). Ich verabschiede mich mit einem ganz herzlichen Dank und begebe mich auf die zweite Etappe des Lahn-Camino.

Vom Hotel geht es an der Heilig-Grab-Kapelle aus dem frühen 16. Jahrhundert mit dahinterliegendem Friedhof aus dem 19. Jahrhundert vorbei. Über eine lange Treppe gelange ich hinunter zum Lahnufer. Dort treffe ich auf eine weitere Attraktion von Weilburg, dem Schiffstunnel aus dem Jahre 1847 mit integrierter Schleuse. Daneben gibt es noch zwei weitere Röhren für die Bahn und Autos. Weiter geht es entlang der mit Nebel überzogenen Lahn, ein wunderschöner Ausblick mit Sonnenaufgang. Der Camino führt aber bald weg vom Ufer, steil die Berge hinauf, nassen und morastigen Wegen folgend, sodass ein Vorwärtskommen nur sehr schwierig und langsam möglich ist. Mittlerweile bin ich im Weiltal angekommen, der nächste Ort heißt Freienfels. Direkt am Weg liegt ein nettes Lokal im alten Bahnhof, stilvoll dekoriert mit Andreaskreuz, Bahnschranke und einem echten Eisenbahnwaggon. Kurz danach geht es aufwärts zur Ruine Freienfels, die durch einen Förderverein mit mittelalterlichem Leben befüllt wird. Nun steigt der Camino wieder an, um nach einiger Zeit bergab nach Weinbach zu führen. Hier erhalte ich beim Einwohnermeldeamt meinen ersten Stempel für den heutigen Tag. Zudem nutze ich die Gelegenheit, in einem kleinen Supermarkt meine Flüssigkeitsvorräte aufzufüllen.

Inzwischen habe ich ja gelernt, dass vor jedem Dorf zunächst einige Höhenmeter zu bewältigen sind, so auch vor Elkershausen, das ebenso wie bei den anderen in einer Senke oder einem Tal liegt. Am Ortsende war ich nicht überrascht, als es wieder nach oben geht, und das mal erneut durch tiefen Matsch. Mir fällt auf, dass in der Region sehr viele Höfe mit Pferden ansässig sind, aber erst in Langhecke kommt mir auch einmal ein Reiter hoch zu Ross entgegen. Sonst bin ich die ganze Zeit alleine auf dem Weg, höchstens vor Ortschaften gehen mal einige Leute mit ihrem Hund spazieren. Aber das tut mir gut, nur mit mir selbst in der Natur zu sein, mal ein Eichhörnchen an einem Baum, ein paar Krähen über mir, auf den Weiden Kühe oder Schafe. Nicht vergessen darf ich die vielen Mistkäfer, die meinen Weg kreuzen. Hinter Langhecke ist der Camino geprägt von kilometerlangen Geraden, denen man genauso weit mit den Augen bis zum Horizont folgen kann. Am Ende dieses Abschnittes trete ich am Galgenberg aus dem Wald heraus. Ich befinde mich bereits in der Gemarkung Villmar. Bisher habe ich Glück mit dem Wetter, kein Niederschlag, hin und wieder sogar etwas Sonne. Temperaturen um die 13 Grad machen das Pilgern im Herbst angenehm. Auf den letzten Kilometern vor Villmar treffe ich die Entscheidung, heute doch nicht, wie ursprünglich geplant, bis nach Limburg zu laufen. Ich werde mich an den Etappenvorschlag des Buches halten, da ist nun mal Villmar für heute das Ziel. Bis auf eine kleine Blase am linken Fuß habe ich keine Probleme, möchte aber nichts herausfordern. Ich versuche noch, einen weiteren Stempel zu bekommen, aber leider treffe ich sowohl im Pfarrbüro als auch im Rathaus niemanden an. Trotzdem erhalte ich auch hier noch einen Stempel, und zwar bei der Post.

Nun ist auch die zweite Etappe des Lahn-Caminos nach etwas über sechs Stunden beendet. Ich marschiere noch zum Bahnhof, löse mein Ticket nach Hause und warte noch vierzig Minuten auf den Zug. In Limburg muss ich umsteigen, dann geht es mit Zwischenhalten in jedem kleinen Örtchen weiter bis nach Koblenz, wo ich von meiner Frau abgeholt werde. Nun bin ich gespannt, wann ich mir die nächsten Etappen vornehmen kann. Bis jetzt hatte ich viel Spaß, habe über vieles nachgedacht und bin einfach mal weg gewesen. Ich freue mich auf die Fortsetzung meiner Pilgerreise, die mich wiederum über herrliche Wege und Landschaften führen wird. Dann wird es zunächst von Villmar bis nach Limburg gehen.