Von Wetzlar nach Weilburg (6. Oktober 2008)

Der Wecker geht um 5.45 Uhr, aufstehen. Heute geht es los. Ich bin dann auch mal weg für zwei Tage. Zwar nur auf dem Lahn-Camino von Wetzlar nach Lahnstein, das Ganze auch noch in einzelnen Etappen. Soviel Zeit habe ich nicht, und vor allem auch nicht so viel Urlaub. Irgendwie bin ich vor einigen Wochen auf das Thema „Jakobsweg“ gestoßen. Klar, Hape Kerkelings Buch habe ich realisiert, es bisher aber noch nicht gelesen. Irgendwann stöberte ich wohl mal im Internet und fand überraschenderweise den Lahn-Camino. Wenn schon nicht Spanien, dann eben hier, vor der Haustüre, waren meine ersten Gedanken. Anvisiert waren die Herbstferien in Rheinland-Pfalz, also Anfang Oktober. Zwei Etappen wollte ich zunächst absolvieren.

Was benötige ich denn alles dafür? Zunächst besorgte ich mir das Buch „Der Jakobsweg von Wetzlar nach Lahnstein“ von Karl-Josef Schäfer sowie eine topographische Karte für die entsprechenden Streckenabschnitte. Ganz wichtig war für mich, auch wenn in Deutschland nicht unbedingt erforderlich, ein Credencial del Peregrino, der offizielle Pilgerausweis. Diesen besorgte ich mir über die St. Jakobusbruderschaft in Trier, bei der ich inzwischen auch Mitglied geworden bin. Als Termin fasste ich den 6. und 7. Oktober ins Auge, zu Hause alles abgesprochen und Urlaub eingereicht. Übernachten wollte ich in Weilburg. Aber dort ein Zimmer zu bekommen, war nicht einfach. Eine Pension wollte mich wohl nicht so richtig aufnehmen, eine andere hatte wegen Krankheit geschlossen. Zum Glück hatte ich im Internet mitbekommen, dass es nun auch eine „Pilgerherberge“ in Weilburg gäbe. Ein kurzer Anruf im „Hotel Weilburg“ und ich hatte ein Dach über dem Kopf. Dazu gab es noch ein paar Tipps für die Wegeführung, das gefiel mir. Der Rucksack war gepackt, das Bahnticket von Koblenz nach Wetzlar vor ein paar Tagen im Internet gelöst, es konnte also endlich losgehen. Zum Frühstück genehmige ich mir zwei Brote mit Pflaumenmus und eine Tasse Milch. Meine Frau Susanne nimmt mich mit zum Bahnhof, so erspare ich mir die ersten zwei Kilometer zu Fuß. Überhaupt nicht gefällt mir der starke Regen, der während der Zugfahrt ein unangenehmer Begleiter ist. Glücklicherweise nieselt es in Wetzlar nur leicht, und bald hört es sogar ganz auf. Vom Bahnhof marschiere ich zunächst zum Dom, photographiere die Jakobusskulptur über dem Portal und lasse mir ein paar Minuten in der Stille der leeren Kirche. Das Besondere an diesem Gotteshaus ist, dass es sowohl von der katholischen als auch von der evangelischen Gemeinde für Gottesdienste genutzt wird. Leider gibt es dort für den Beginn des Caminos keinen Pilgerstempel. Das gegenüberliegende katholische Pfarramt ist noch nicht besetzt, so dass ich mir meinen ersten Stempel bei der Touristen-Information abholen muss.

Dann mache ich mich endgültig auf den Weg, es ist inzwischen 9.30 Uhr und ich finde am Eisenmarkt den ersten Wegweiser des Lahn-Caminos, die gelbe Muschel auf blauem Grund. Bald verlasse ich den gekennzeichneten Weg nach rechts, denn ich möchte vom Kalmunt, einer Burgruine hoch über Wetzlar, den herrlichen Blick über Stadt und Land mitnehmen. Eine gute halbe Stunde später bin wieder zurück auf dem Camino, es geht nun stadtauswärts in Richtung Nauborn. Nach einigen Kilometern Asphalt führt die Strecke nun über Waldwege weiter, entlang eines kleinen Baches durch die Natur. Am Wegesrand erkunde ich die Grundmauern der für unsere Verhältnisse sehr klein ausgefallenen Theutbirg-Basilika aus dem späten 8.  Jahrhundert. Aber man kann schon die einzelnen Bereiche der Kirche erkennen, auch mit Hilfe einer Informationstafel.Der weitere Weg nach Laufdorf wird teilweise beschwerlich, der Regen der letzten Tage hat eine Passage aufweichen lassen und ich stapfe durch tiefen Morast. Nachdem ich das Dorf durchquert habe, mache ich nach zwei Stunden an einer heruntergekommen Schutzhütte („Uus Häusche“) eine erste kurze Rast mit Trinkpause. Etwas weiter oberhalb hat man einen herrlichen Ausblick auf den Taunus bis hin zum Feldberg, und das bei dem Wetter, denn es beginnt wieder leicht zu regnen. Nun durchquere ich ein ausgedehntes Waldstück und erreiche Oberndorf, einem zur Stadt Solms gehörenden Ortsteil. Bis hierhin ist der Weg durchgehend sehr gut markiert. In Oberndorf jedoch bin ich wohl nicht sehr aufmerksam und komme cirka einen Kilometer vom Weg ab, bis ich es bemerke. Na ja, das sind dann zwei Kilometer mehr als geplant. Auf dem Rückweg laufe ich an einer großen Schafherde vorbei.

Bald bin ich aber wieder richtig, finde die inzwischen vertrauten blauen Schilder, die mich nun nach Braunfels geleiten. Auffällig ist, dass es hinter jedem Ort zunächst bergauf geht, um dann irgendwo wieder hinabzugehen, um den nächsten Ort zu erreichen. Nach Braunfels ist es nicht anders. Ich gelange in ein malerisches Städtchen, dessen historischer Kern aus dem 18. Jahrhundert aus wunderschönen Fachwerkhäusern besteht. Diese sind um eine prachtvolle Schlossanlage angesiedelt. Der Marktplatz mit seinen einladenden Straßencafés rundet das romantische Bild ab. Auf der Suche nach dem katholischen Pfarramt bin ich in die verkehrte Richtung gelaufen, aber auf dem Marktplatz befindet sich die Touristen-Information. Dort hoffe ich auf einen weiteren Pilgerstempel. Der freundliche Mitarbeiter hat allerdings nur einen „Bausatzstempel“ seines Arbeitgebers  und alternativ einen vom ortsansässigen Wanderverein für eine permanente IVV-Wanderung. Ich entscheide mich dann für letzteren Stempel, besser als gar keinen.

Ich verlasse Braunfels über ein welliges Geläuf, zunächst aber ein unendlich erscheinender Anstieg. An dessen Ende werde ich noch einmal mit einem wundervollen Ausblick auf die Silhouette der Stadt entschädigt. Noch etwas weiter kann ich am Horizont die Ruine Philippstein mit dem gleichnamigen Dorf sehen. An einem Parkplatz macht mich ein Hinweisschild auf eine Besonderheit aufmerksam: eine Steinsetzung. Ich bin neugierig und biege vom Weg nach rechts in den Wald ab. Um eine Hinweistafel aus Holz hat man kreisförmig Findlinge angeordnet, eine Rekonstruktion einer vorgeschichtlichen Kultstätte, wie sie hier in der Gegend aufgefunden wurde. Leider fehlen weitergehende Informationen, so dass ich ein wenig ratlos und weiteren rund zwei Kilometern mehr wieder meine eigentliche Strecke aufsuche. Erneut geht es durch ein längeres Waldstück und ich nähere mich dem Örtchen Hirschhausen. Am Wegesrand stehen zahlreiche Apfelbäume, deren Früchte mir vorzüglich schmecken. Mitten im Ort auf einer Anhöhe befindet sich die leider verschlossene achteckige evangelische Kirche aus dem Jahre 1763. Etwas weiter befindet sich an einer Leitplanke ein andersartiger Muschel-Wegweiser, der meine ganze Aufmerksamkeit weckt. Er führt zu den Mauerresten der Wallfahrtskirche „Unserer Lieben Frau“, die zu der Johanniter-Komturei „Im Pfannstiel“ gehörte. Die Kirche wurde 1461 erstmals urkundlich erwähnt und im Jahre 1517 vollendet. Bereits 1550 wurde sie im Zuge der Einführung der Reformation in Hessen abgerissen. Leider gibt es keine Entfernungsangabe, die ich jetzt aber ergänzen kann. Vom ersten Wegweiser sind es cirka 1,2 Kilometer bis zum Mauerfeld, das mit einem schlichten Birkenkreuz markiert ist. Eine informative Holztafel mit umfassenden historischen Daten rundet das Gesamtbild ab. Hier kann man an einer alten Pilgerstätte in sich einkehren und Kraft tanken für den Rest des Tagespensums.

Wieder auf dem Camino zurück, folge ich einer stark befahrenen Landstraße, die Autos sind äußerst rücksichtslos. Ich überlege schon, ob ich meinen Stockschirm nicht zum Schutz als Abstandhalter in die Fahrbahn halten soll. Jedoch rettet mich oder auch die Autos der nächste Richtungswechsel. Ich folge nun der bis zu zwei Meter hohen Mauer des Weilburger Tiergartens, für einen Besuch habe ich allerdings keine Zeit. Wiederum muss ich ein Stück auf der Kreisstraße gehen, dazu fallen mich fast noch zwei halbstarke Hunde an, also Schritt vergrößern und die Frequenz erhöhen. Der Weg verschwindet kurz vor einer großen Kreuzung im Gestrüpp, es ist bei gutem Willen und scharfem Blick ein schmaler Pfad und auch eine gelbe Muschel erkennbar.Erneut darf ich mich wieder der Zivilisation entziehen und bin von Wald umgeben. Hin und wieder zwitschern Vögel oder es huscht auch einmal ein Eichhörnchen vor meiner Nase über den Weg. Ich bin guter Hoffnung, bald mein erstes Tagesziel Weilburg zu erreichen. Ich bin jetzt seit 6,5 Stunden auf den Beinen und sehne mich nach einer Dusche und einer warmen Mahlzeit. An einem Anstieg entdecke ich rechts am Weg das Grab eines Meerschweinchens namens Uschi, das am 9. Juli dieses Jahres verstorben ist. Nur ein wenig weiter komme ich aus dem Wald heraus und habe die ersten Häuser Weilburgs vor mir. Rechter Hand begrüßt mich das Jagdschloss Windhof aus dem 18. Jahrhundert, das heute als Wohngebäude für die Staatliche Technikerschule dient. Der Camino bringt mich bergab in Richtung Zentrum. Kurz davor entdecke ich auf der rechten Straßenseite die katholische Pfarrkirche „Heilig Kreuz“. Einem Schild kann ich entnehmen, dass das Pfarrbüro bis 17.00 Uhr geöffnet hat. Ich klingele und werde durch Herrn Pfarrer Mayer und einen Mitarbeiter herzlich begrüßt. Gerne gibt man mir das Siegel der Pfarrgemeinde als Pilgerstempel in mein Credencial. Nach einer kurzen Unterhaltung verabschieden wir uns voneinander, nicht ohne den Segen Gottes für die weitere Pilgerschaft von Pfarrer Mayer.

Ich sehe mir zum Abschluss des Tages noch den historischen Marktplatz und das prächtige Schloss an und decke mich mit Lebensmitteln und Getränken ein. Auf dem Weg ins Hotel erlaube ich mir noch einen Döner, der wirklich seinesgleichen sucht. Ich habe noch nie so viel Fleisch, Salat und mehr in einem Fladenbrot verschwinden gesehen, und geschmacklich -  eine Wucht! Nun wird es Zeit, dass ich mir etwas Ruhe gönne und begebe mich an der katholischen Kirche vorbei zum „Hotel Weilburg“ in der „Frankfurter Straße“. Hier werde ich sehr freundlich aufgenommen und bekomme noch ein Buch über die Sehenswürdigkeiten der Region. Als ich das mir zugewiesene Zimmer 29 betrete, bin ich überrascht, denn die Schranktüren und der Nachttisch sind mit Jakobsmuscheln verziert. Da hat aber einer die Pilgerherberge wörtlich genommen und für ein angenehmes Ambiente gesorgt. Zum Glück habe ich bis auf eine kleine Blase keine weiteren Probleme feststellen können. Meine Marschstrecke zog sich durch die bewussten und unbewussten Umwege auf cirka 35 Kilometer hin, für die ich knapp sieben Stunden benötigt habe. Nach einer angenehmen heißen Dusche schaue ich mir noch einmal die Photos vom heutigen Tag an, befülle mein Notizbuch und telefoniere mit meiner Familie. Danach lege ich mich ins Bett, stöbere noch ein wenig in dem Buch und finde einige interessante Informationen über die Orte, die mir am morgigen Tag begegnen werden.