Von Mücheln nach Naumburg (24. Februar 2013, identische Etappe mit dem Ökumenischen Pilgerweg)

Auch heute verlasse ich um 7.00 Uhr meinen Schlafsack und mache mich ein wenig frisch. In der Küche im Erdgeschoss bereite ich mir einen Chai Latte zu. Von gestern habe ich noch ein Brötchen übrig, das ich mir mit Quittengelee bestreiche. Frau Müller hat mir am vergangenen Tag erlaubt, mich ruhig aus dem Kühlschrank zu bedienen. Ich lasse mir viel Zeit und verpacke nach dem Zähneputzen meine im Zimmer verstreute Ausrüstung in den Rucksack. Ein erster Blick aus dem Fenster verspricht wiederum einen verschneiten Tag, allerdings kommt da eher ein Schnee-Eis-Regen-Mix vom Himmel gefallen. Gegen 8.00 Uhr verlasse ich schließlich das KEEK´s zu meinem letzten Teilstück an diesem Wochenende.

Irgendwie habe ich heute Morgen Schwierigkeiten, den richtigen Weg aufzuspüren. Trotz intensivem Blick auf die Karte irre ich eine Weile durch Mücheln, bis ich über eine Querstraße die gesuchte „Gröster Straße“ finde. Ab hier gehe ich jetzt neben dem Ökumenischen Pilgerweg auch auf dem Jakobsweg Sachsen-Anhalt, der mit einer etwas anderen Muschel markiert ist. Es geht zunächst auf einer Straße ortsauswärts. Als die Straße nacht rechts abzweigt, folge ich einem Radweg, der geradeaus führt. Hier stapfe ich oftmals durch Verwehungen mit meist knöcheltiefem Schnee. An der nächsten Kreuzung soll ich eigentlich weiter in der eingeschlagenen Richtung bleiben, jedoch versinke ich hier bis zum Knie im Schnee. Das möchte ich mir nicht antun und wähle einen Umweg, der jedoch über den  Radweg führt und sicherlich einfacher zu bewältigen ist. Kurz vor Gröst passiere ich die ersten Weinfelder und rutsche prompt auf dem glatten Untergrund aus. Zum Glück kann ich mich abfangen, sodass meine Ausrüstung und vor allem ich unversehrt bleiben. Nun laufe ich die nächsten knapp drei Kilometer auf der heute sehr wenig befahrenen K 2165 von Gröst bis nach Branderoda. Mitten im Ort werde ich zurückgeschickt, da mit vor lauter Schnee keine Wegzeichen aufgefallen sind. Ein Einwohner warnt mich vor dem tiefen Schnee, er habe erst gestern versucht, dort spazieren zu gehen. Das hilft mir aber nicht weiter, es gibt keine Alternative ohne einen nochmaligen Umweg.

In einer Kurve vor Branderoda geht es einen Anstieg hinauf. Nach den ersten Schritten muss ich das Tempo deutlich reduzieren, da der Schnee tatsächlich sehr tief ist. Ich stake in der weißen Masse herum wie ein Storch, muss dabei die Füße richtig hochnehmen und beim nächsten Schritt aufpassen, dass ich nicht urplötzlich noch tiefer versinke. Die kommenden fünf Kilometer werden sicherlich sehr lustig werden. Für ein kurzes Stück habe ich das Vergnügen, in der Fahrspur eines Autos zu laufen. Ansonsten weiche ich auf den anliegenden Rand eines Ackers aus, wo an der Kante deutlich weniger Schnee liegt. Zuweilen folge ich auch Tierspuren, die vornehmlich in flacheren Bereichen abgebildet sind. Allmählich wird der Niederschlag weniger und etwas mehr Licht durchstößt die Wolkendecke. Hinter Zeuchfeld geht es wieder einmal leicht aufwärts. Markierungen sind keine erkennbar, dafür habe ich erneut das Vergnügen, vor mir nur „Tiefschneewege“ zu haben. Endlich stoße ich auf eine Jakobsmuschel, im Nebel erkenne ich links von mir gerade noch so einige Windräder. Damit kann ich meine derzeitige Position bestimmen und den Weg richtig fortsetzen. Jedoch ist dieser wegen der Schneedecke gar nicht erkennbar und so laufe ich einfach der Nase nach auf einen Wald zu, die meiste Zeit wohl über einen Acker.

Am Waldrand finde ich dann doch noch einen Wegweiser mit beiden Muschelsymbolen. Leider ist den angezeigten Weg seit dem Beginn des Schneetreibens vor ein paar Tagen niemand mehr gegangen, sodass ich schon wieder tief einsinke. An der nächsten Kreuzung habe ich endlich die Möglichkeit, mich in einer ausgefahrenen Spur fortzubewegen. Doch schon bald befinde ich mich auf dem gewohnten Untergrund und sehe meine Schuhe sehr selten. Hinter einer Brücke mache ich in einer Schutzhütte eine kurze Trinkpause, um dann das „Burgholz“ zu durchqueren. Umgestürzte Bäume versperren mir den Weg und verwehren mir so das Weiterkommen. Ich entscheide mich, an der anderen Seite des Waldes entlangzulaufen. Nach einiger Zeit erreiche ich einen Querweg, von dem mich ein Hundebesitzer entgeistert anstarrt. Er weist mir die Richtung zum Schloss Neuenburg, wo ich bald ankomme.

Vom Schloss führen zahlreiche rutschige Treppenstufen hinunter nach Freyburg. Dort gehe ich zunächst zur St. Marien-Kirche, die aber leider verschlossen ist. Da die Feuchtigkeit allmählich in meine Schuhe eindringt, habe ich beschlossen von Freyburg nach Naumburg mit der Bahn zu fahren. Am Haltepunkt stelle ich fest, dass der Zug erst in einer guten Stunde abfährt. So lange möchte ich nicht warten und setze mich wieder in Bewegung. Am Rande einer Landstraße und auf einem Radweg marschiere ich nach Großjena. Hinter der Ortschaft bewundere ich das barocke Felsrelief „Steinernes Bilderbuch“ aus dem frühen 18. Jahrhundert. Es zeigt Szenen aus dem Alten Testament wie die Arbeit im Weinberg oder den Weingenuss und dessen Folgen sowie Huldigungen an den amtierenden Herzog. Schließlich erreiche ich die Unstrut und erkenne an deren anderem Ufer die nächste Muschelmarkierung. Normalerweise kommt man mit einer Fähre auf die gegenüberliegende Seite, nur nicht in den Monaten Januar und Februar. Das steht leider in keinem Führer drin. Jetzt habe ich wirklich keine Lust mehr auf einen weiteren Umweg und rufe mir den „Blütengrund-Express“ über eine Telefonnummer auf einem Schild, um nach Naumburg gefahren zu werden. Aus dem angeschlagenen Fixpreis wird dann allerdings ein etwas höherer Taxipreis.

Am Hauptbahnhof Naumburg erkundige ich mich nach Fahrtmöglichkeiten zurück nach Delitzsch. Dann spaziere ich durch die Stadt in Richtung Dom, bei dem ich fünfzehn Minuten vor Schließung ankomme. Ich darf noch rein und brauche nach Vorlage des Pilgerausweises keinen Eintritt zu bezahlen. Das Innere des Domes überrascht mich wirklich, denn sowohl der Ost- als auch der Westchor sind vom Haupthaus abgetrennt und mit jeweils einem Altar versehen. Schade, dass ich nicht mehr Zeit für die Besichtigung habe. Bevor ich den Dom verlasse, entzünde ich noch zwei Kerzen und spreche ein kurzes Gebet. Ich muss mich nun beeilen, damit ich meinen Zug erwische. In einer Bäckerei im Bahnhof kaufe ich mir etwas zu essen und zu trinken. Kaum fünf Minuten später sitze ich im Zug nach Halle, wo ich in einen anderen Zug nach Leipzig umsteigen muss. Dort habe ich schon bald Anschluss nach Delitzsch, wo ich um 19.30 Uhr ankomme. Zehn Minuten später trifft mein Kamerad, der mich bereits am Freitag mitgenommen hat, mit dem Zug ein und fährt mich zurück in die Kaserne.