Von Wittlich nach Klüsserath (24. Juli 2011)

Meine Familie fährt heute, am Vortag des Jakobusfestes, für ein paar Tage nach München. Ich nutze daher den Tag, um letzte Recherchen für den Pilgerführer des Eifel-Camino  zu erledigen. Die Wegführung von Wittlich bis nach Klausen ist nämlich noch keiner aus dem Autorenteam selbst gelaufen. Die Beschreibung dieses Abschnittes erfolgte bisher nur auf der Grundlage von Kartenmaterial. Ich muss sehr früh aufstehen, um 6.22 Uhr fährt bereits der Zug nach Wittlich. Es regnet draußen, zwar nur leicht, aber beständig. Ich entscheide mich deshalb für einen Stockschirm anstelle meines Pilgerstabes als Begleiter. So erreiche ich einigermaßen trocken den Bahnhof, wo die Regionalbahn bereits wartet. Weil bei jedem Ort mit Bahnhof angehalten wird, dauert die Fahrt sehr lange. In Wittlich muss ich noch einige Minuten auf den Bus warten, der mich ins Stadtzentrum bringt. Vom Busbahnhof gehe ich direkt zur Markus-Kirche, wo ich starten werde.

Aus dem Inneren der Kirche höre ich Orgelspiel und Gesang. Schade, ich wäre gerne zum Beginn des Pilgertages kurz in die Kirche gegangen, aber ich möchte den laufenden Gottesdienst nicht stören. Der Regen ist etwas stärker geworden. Ich werfe meinen Poncho über und marschiere los. Der Beginn des Weges ist durch eine Stele aus heimischem Sandstein markiert. Darauf ist eine gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund eingraviert. Darunter gibt ein Pfeil die Richtung vor. Ich verstehe allerdings nicht, warum man die Pfeile im unüblichen Blau statt in Gelb gestaltet hat. Diese Wegweiser wurden erst vor wenigen Tagen im Stadtbereich von Wittlich aufgestellt. Nach der Überquerung des Flüsschens Lieser laufe ich an der katholischen Pfarrkirche St. Bernhard vorbei, die in den Jahren 1953  - 1955 erbaut wurde. Über den „Klausener Weg“ verlasse ich Wittlich, unterquere die L 141 und habe zwischen zwei Gehöften den ersten Anstieg für heute vor mir. Kurz darauf erreiche ich die Schwarze-Mutter-Gottes-Kapelle, die im Gedenken an die Pest während des 30-jährigen Krieges Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. Nur wenige Meter weiter befindet sich die Heilig-Kreuz-Kapelle aus dem Jahre 1712, auch Kapelle zu den vierzehn Nothelfern genannt. Bevor ich weiter in den Wald hineingehe, entdecke ich zur Linken noch einen Bildstock mit einer Schmerzhaften Muttergottes. Der Weg führt weiterhin leicht ansteigend immer geradeaus durch Laubwald. Am Ende öffnet sich der Horizont, umgeben von Fichten, und ich laufe parallel zur A 1 in Richtung Trier. Ich gehe durch die Unterführung und halte mich weiter nach rechts. An einem Gedenkstein mit Bank macht der jetzt asphaltierte Weg einen Linksknick. Auf dem Boden ist mit einem Pfeil deutlich das Ziel Klausen aufgepinselt worden. Hinter einem Hügel schaut die Kirchturmspitze von Altrich hervor und von einer Weide aus werde ich mit Argusaugen von einer Rinderherde beobachtet. Nur wenige Meter weiter befindet sich mitten im Feld eine Brücke, die wohl irgendwann einmal an das Wittlicher Autobahnkreuz angeschlossen werden wird. Ich umlaufe in einem großzügigen Bogen das Autobahnkreuz, durchquere ein größeres Waldstück und laufe direkt auf die Bahnlinie nach Trier zu. Kurz vor einer Brücke über die Schienen muss ich aufpassen, nicht mit einigen Weinbergschnecken zu kollidieren. Nach einem Linksknick bewege ich mich auf einen Wald zu und erreiche die L 52, deren Verlauf mit der historischen Römerstraße identisch ist. Von hier aus ist der Wallfahrtsort Klausen schon gut zu sehen.

Kurz darauf stoße ich auf einen asphaltierten Fahrradweg, der mich durch eine Allee mächtiger Bäume nach Pohlbach bringt. Mitten im Ort finde ich die Pohlbacher Filialkirche, deren Bau 1888 begonnen wurde. Früher gehörte Pohlbach zur Pfarrei Kirchhof/Altrich, seit 1809 zu Klausen. Bis dahin ist es jetzt nicht mehr weit. Ich folge der „Wittlicher Straße“ bergauf bis zu einer Kreuzung. Dort treffen der Eifel-Camino und der Mosel-Camino zusammen und hier wurde aus diesem Anlass vor zwei Jahren ein Pilgerstein eingesegnet. Direkt daneben befinden sich die heruntergekommen aussehenden Gebäude des im Jahre 2000 aufgegebenen Dominikanerinnen-Klosters. An der Kopfseite und oberhalb der Kreuzung ist die Wallfahrtskirche. Aber auch hier findet zurzeit ein Gottesdienst statt, den ich nicht stören möchte. Ich ziehe stattdessen meinen Poncho aus, um mir einen kleinen Snack aus dem Rucksack zu holen. Dabei stelle ich fest, dass meine Hose im Bereich des Gürtels und mein Hemd klatschnass sind. Zum Glück sind die Temperaturen nicht ganz im Keller. Nachdem ich mich gestärkt habe, werfe ich mir wieder den Poncho über, denn es regnet immer noch ein wenig. Auf meinem Weg in das Dörfchen Krames passiere ich die Eberhardsklause, die momentan zu einem Gemeindezen-trum mit integrierter Pilgerherberge umgebaut wird. Im kommenden Jahr soll eigentlich alles fertig sein. Ich statte noch dem alten Klostergarten einen kurzen Besuch ab. Auch hier gibt es neben dem schon angelegten Kräutergarten Pläne für die zukünftige Nutzung, die aber noch nicht umgesetzt sind. Am Wegesrand genieße ich die Aufmerksamkeit von zwei Pferden und bemerke beinahe gar nicht, dass die Wegweiser in Form der gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund nun ein anderes Design haben. Das sind die Schilder des Mosel-Camino, die ab hier gleichbedeutend für die Pilger auf dem Eifel-Camino sind. Ich lasse auf der linken Seite den Blasiusbrunnen liegen und habe dann hinter der Kirche von Krames einen circa zwei Kilometer langen Anstieg vor mir.

Ich kenne diese Passage bereits von meiner Pilgerwanderung auf dem Mosel-Camino aus dem vergangenen Jahr. Irgendwie habe ich sie aber deutlich anstrengender in Erinnerung. An einem Zaun ist ein großes Schild angebracht, das dem naturverbundenen Wanderer in Versform den Wald mit einer Kirche vergleicht. Kurz vor dem Ende des Anstieges laufe ich durch eine Wildblumenwiese, die von Margeriten dominiert wird. Es geht im Prinzip immer geradeaus auf dem Hauptweg. Inzwischen habe ich mir den Poncho etwas hoch gerafft, in der Hoffnung, dass Hemd und Hose dabei trocknen. Es dauert nicht mehr lange, bis ich die kleine Waldkapelle erreiche. Hier habe ich mich im vergangenen Jahr im ausliegenden Besucherbuch eingetragen, den Spruch finde ich auch noch wieder. Ich setze mich für einige Minuten und studiere interessiert die nachfolgenden Einträge. Es gibt neben Danksagungen und Bitten an Maria noch mehr Geschriebenes von Jakobspilgern. Dabei entdecke ich auch eine Pilgerschwester und einen Pilgerbruder aus unserem Koblenzer Pilgertreff.

Der Eintrag von Chandra vom 27.08.2010 hat mich ganz besonders ergriffen, diesen gebe ich nachfolgend wieder:

„Der Jakobsweg als Weg an sich? Ja!

Als Weg zu Gott, Maria & Jesus? Ja!

Der Jakobsweg als Lebensweg (in klein), ein Abbild, so sehr wird einem bewusst, wie man so „tickt“.

Dadurch, dass alles entschleunigt ist.

Und die Natur! - Was für ein Zauber!

Wo sich Gott in seiner vollendeten Form zeigt.

Wie auch in Dir!
Nur begreifen - nein, im Herzen spüren müssen wir das endlich!
Danke für die Liebe!

Und danke für die Möglichkeit der Auferstehung!
Ich öffne wieder mein Herz und komme endlich wieder nach Hause. DANKE.“

Ich hinterlasse auch noch ein paar Zeilen und setze mich wieder in Bewegung. Kurz darauf biege ich nach rechts ab, durchlaufe einen Wald und stehe vor den ersten Weinbergen von Klüsserath. Es geht auf asphaltierten Wirtschaftswegen beständig abwärts. Vor dem ersten Haus biege ich nach links ein. Wenig später bin ich auf Höhe der Klüsserather Kirche. Dort muss ich feststellen, dass ich einen Weg zu früh abgebogen bin. Ich habe aber keine Lust auf einen Umweg und gehe vorsichtig zwischen den Reben zwei Terrassen nach unten. Hier stoße ich auch auf die Treppe, die direkt vor die Kirche führt. Hier endet die heutige Etappe auf dem Eifel-Camino. Ich laufe jetzt durch den Ort in Richtung Bundesstraße. Dort soll eine Bushaltestelle sein. Meine Recherche im Vorfeld hat ergeben, dass gegen 16 Uhr ein Bus nach Trier fährt. Von dort könnte ich mit dem Zug nach Koblenz fahren und gegen 19.30 Uhr zu Hause sein. Es ist jetzt aber erst 12.45 Uhr. Zum Glück fährt in fünfundvierzig Minuten ein Bus nach Bernkastel-Kues mit Anschluss nach Bullay. Mit ein bisschen Geduld beim Warten auf die Anschlussverbindungen stehe ich tatsächlich schon gegen 18.00 Uhr vor meiner Haustüre. Es war heute ein aufschlussreicher Tag, mit der Erkenntnis, dass die ursprüngliche Beschreibung des Pilgerweges bereits zu achtzig Prozent stimmig war.