Von Lutzerath nach Wittlich (15. März 2011)

Nach einem langen Winter und einer wegen Krankheit nicht durchgeführten Zwei-Tages-Tour am Rhein ist heute wieder der eingerostete Bewegungsapparat gefordert. Eigentlich wäre ich gerne am kommenden Wochenende mit der St.-Matthias-Bruderschaft Mayen auf den Eifel-Camino gezogen, aber aufgrund einer Familienfeier ist das nicht möglich. Also heißt es, sehr früh aus dem Bett zu fallen, den kleinen Rucksack aufzuschnallen und zum Bahnhof zu gehen. Ich fahre um kurz nach sechs Uhr mit dem Zug nach Cochem und steige dort in einen Bus ein, der mich nach Büchel bringen soll. Ich bin um diese Zeit der einzige Fahrgast. Als sich der Bus in die Höhen windet und die dicken Nebelschwaden durchbricht, geht die Sonne in einem farbenprächtigen Szenario auf. Der Tag könnte also schön werden, angekündigt sind Temperaturen bis zu achtzehn Grad. In Büchel verlasse ich den Bus, gleichzeitig steigen unzählige Schulkinder ein. Ich schaue mir zur Sicherheit den Fahrplan an, in gut zehn Minuten kommt mein Anschlussbus, der mich nach Lutzerath bringen wird. Zum Glück bemerke ich, dass sich die Nummerierung des Busses geändert hat und nun die Zahl trägt, die auch mein nächstes Transportmittel ihr eigen nennen sollte. Ich frage einen an der Haltestelle stehenden Vater nach dem Ziel des Busses. Dieser versichert mir sehr glaubhaft, dass die Kinder nach Lutzerath gebracht werden. Also steige ich kurzerhand wieder ein und finde auch noch ein Plätzchen.

Es dauert dann auch nicht mehr allzu lange, bis sich die Schulkinder laut unterhaltend den Bus an ihrem und nun auch meinem Ziel verlassen können. Eigentlich wollte ich an der Wallfahrtskirche im Ortsteil Driesch meine heutige Tour beginnen. Jetzt bin ich dort, wo wir beim Pilgertag der St. Matthias-Bruderschaft aus Mayen im vergangenen Oktober die letzte Etappe beendeten. Ich folge zunächst der „Trierer Straße“ durch den Ort. Dabei komme ich am Hotel Maas vorbei, hier erhält man den Pilgerstempel von Lutzerath. Nur ein paar Schritte weiter befindet sich etwas rückwärtig die katholische Pfarrkirche St. Stefan. Zu dieser frühen Uhrzeit ist die Kirche jedoch noch verschlossen. Auf dem Weg zum Ortsausgang komme ich an einer kleinen Kapelle vorbei. Ich lasse zu meiner Rechten einen Supermarkt liegen und gehe auf einem asphaltierten Feldweg in Richtung Kennfus. Die Route ist sehr gut mit dem bekannten Muschelsymbol markiert, aber auch in regelmäßigen Abständen mit einer Basaltstele. Am Parkplatz Thonhügel befindet sich eine weitere Kapelle mit der Darstellung einer schmerzhaften Muttergottes. Hier biege ich nach rechts ab, geradewegs auf einen Wald zu. Ein Schild am Waldhof macht mich darauf aufmerksam, dass ich hier Wild kaufen könne. Am Parkplatz zur „Drei-Eichen-Hütte“ werde ich nach links gewiesen, um dem nächstmöglichen Weg wiederum nach links zu folgen. Inzwischen laufe ich auf geschottertem Untergrund, der aber rasch von weichem Laub abgelöst wird. Ich passiere das Lutzerather Waldhaus und gelange an einen sehr baufälligen Steg über einen kleinen Bach. Ich bewege mich eine Weile durch den Wald und schrecke dabei einige Rehe auf. Bald stoße ich auf die L 103 und folge dem parallel dazu verlaufenden Fahrradweg. Hier werde ich von einer Läuferin überholt. Beim Anblick ihrer unzweckmäßigen Schuhe muss ich mich schütteln.

Es geht nun leicht aufwärts über die Kennfuser Höhe, auf deren Spitze eine Marienkapelle errichtet wurde. Am Horizont scheint bereits die Silhouette von Kennfus durch die seichten Nebelschwaden. Dort ist mein Ziel die katholische Filialkirche St. Maria, die sogar geöffnet ist. Die Kirche ist harmonisch ausgemalt und mit passendem Inventar ausgestattet. Vor einem Marienbild entzünde ich zwei Kerzen für meine Familie und für die vielen Opfer der Naturkatastrophe in Japan. Nach einer Weile verlasse ich Kennfus über die „Moselblickstraße“ und komme an eine Schutzhütte. Rechts davon beginnt ein asphaltierter Weg, der steil abwärts führt. Bald passiere ich die Falkenlay-Hütte mit Grillplatz und kurz dahinter biege ich nach links auf einen Waldweg ab. Auf einer Pilgerstele hat jemand ein aus vielen Einzelteilen zusammen gesetztes Steinmännchen platziert. Der Waldweg lässt sich hier angenehm laufen, der Boden ist bedeckt von abgefallenen Fichtennadeln. Plötzlich wedelt kurz vor mir ein roter, buschiger Schwanz. Ich erkenne einen  Fuchs, dem anscheinend gar nicht aufgefallen ist, dass ich hinter ihm her gehe. Irgendwann dreht er sich zu mir um und ergreift dann doch die Flucht. Inzwischen wird der schmaler gewordene Weg von Laubbäumen flankiert und der Boden wird etwas felsiger. Eine Brücke überspannt einen kleinen Felseinschnitt, über den ein Bach in die Tiefe stürzt. Kurz darauf gelange ich zu einem Aussichtspunkt mit Sitzbank, wo ich erstmals einen Blick auf die Kureinrichtungen von Bad Bertrich werfe. In diesem Bereich wächst am Wegesrand Buchsbaum, der hier in der Region eigentlich selten anzutreffen ist. Es geht nun ein letztes Stück abwärts, der Untergrund ist ein wenig rutschig. Dann stehe ich direkt vor der Tourist-Information. Ein Schild weist mich darauf hin, dass ich dort den Pilgerstempel von Bad Bertrich erhalte.

Eigentlich geht der ausgeschilderte Weg nach ein paar Schritten nach rechts ab in die „Clara-Viebig-Straße“. Ich möchte aber gerne noch die Kirchen der Kurstadt besichtigen und laufe erst einmal durch die „Kurfürstenstraße“, entlang am Kurhaus, an Cafés und Hotels. Am Römerkessel zweige ich an einem Wegweiser ab zur evangelischen Philipp-Melanchthon-Kirche, die im Jahre 1903 erbaut und in den Jahren 1964 - 1965 umgebaut und erweitert wurde. Die Kirche ist innen sehr spärlich eingerichtet und spricht mich nicht sonderlich an. Im Umfeld des Gotteshauses befinden sich der Friedhof und eine Kriegsgräberstätte. Ich gehe dann auf der „Bäderstraße“ in Richtung der katholischen Pfarrkirche St. Peter, die ich über eine Treppe erreiche. Diese Kirche wurde in den Jahren 1868/69 erbaut. Im Lauf der Zeit traten an Mauerwerk und Dach erhebliche Schäden auf und durch den aufkommenden Kurbetrieb wurde die Kirche zu klein. Daher entschloss man sich zu einer Restaurierung und gleichzeitig zu einer Erweiterung. Dabei wurde der ehemalige Chorraum zur Taufkapelle und die Sakristei zur Blasiuskapelle. Im Frühjahr 1972 konnte die neugestaltete Kirche eingeweiht werden. Am Ausgangspunkt meiner Schleife durch Bad Bertrich folge ich der Beschilderung an der Vulkaneifel-Therme vorbei. Kurz hinter einer Rehabilitationsklinik passiere ich eine Marienkapelle und zweige nach rechts auf einen schmalen Weg oberhalb des Üssbaches ab. An dessen Ende unterquere ich die L 103 und gehe am Diana-Freibad vorbei. Dahinter muss ich ein kurzes Steilstück überwinden und erreiche eine weitere Kurklinik. Den dazugehörigen Parkplatz lasse ich rechts liegen und bleibe auf der Zufahrtsstraße. Hier ist die weitere Wegführung für mich nicht klar erkennbar und so wähle ich den linken Waldweg. Auf dem nächsten Kilometer finde ich  aber keine Wegweiser mehr und so stelle ich anhand meiner Wanderkarte fest, dass ich falsch gelaufen bin. Ich kehre um und gehe nach links in Richtung Landstraße. Dort entdecke ich an der Leitplanke eine Pilgerstele, die vorher im Gegenlicht nicht zu erkennen war. Das hat mich jetzt einen Umweg von rund zwei Kilometern gekostet.

Es geht weiter auf einem Grünstreifen neben der Straße, die ich aber schon bald verlassen kann. Ich laufe auf einem Waldweg an einem eingezäunten Bereich vorbei, aus dem mich zwei gelangweilte Esel anschauen. Es geht jetzt leicht bergauf, bis ich mitten im Wald an eine Kläranlage gelange. Zwei Arbeiter grüßen freundlich und scheinen überrascht zu sein, hier einen Wanderer zu sehen. Ab hier erwartet mich eine schweißtreibende Steigung bis zur Landstraße, wo sich mir erneut ein Grünstreifen zum Weiterlaufen anbietet. Dazu lacht mich die Sonne an, die ihre ganze Kraft voll zur Geltung bringt. Hinter der nächsten Kurve taucht auf der anderen Straßenseite die Judas-Thaddäus-Kapelle aus dem Jahr 1849 auf. Kurz danach erreiche ich Hontheim. In der katholischen Pfarrkirche St. Margaretha verweile ich einen Augenblick und schaue mir die einschiffige Hallenkirche in Ruhe an. Im Windfang mache ich eine interessante Entdeckung. Hier sind alle Opfer der Kriege aus Hontheim mit einem Foto dargestellt und mittendrin hängt ein originales Eisernes Kreuz aus dem Jahre 1939. Darüber bin ich ein wenig verwundert. Die nächsten zwei Kilometer zwischen Hontheim und Wispelt taufe ich Kapellenpfad, denn ich passiere auf dieser Wegstrecke vier kleine Kapellen, überwiegend zu Ehren der Gottesmutter. Zunächst laufe ich auf einem schmalen Streifen direkt neben der B 421 her, kann aber bald auf einen Grünstreifen unterhalb der Straße ausweichen. In Wispelt biege ich hinter einem Landgasthof rechts ab ins Dorf hinein und mache einen kurzen Abstecher zur Wendelinus-Kapelle, die aber verschlossen ist. Ich folge den Wegweisern, die mich über einen asphaltierten Feldweg aus Wispelt hinausgeleiten. Links und rechts von mir breitet sich Weideland aus, es riecht nach frischer Landluft. Dann habe ich wieder angenehmeren Boden unter den Füßen und biege nach links über einen Wiesenweg in den Wald ab. Hier haben Wildschweine den Boden aufgewühlt. Nach einer S-Kurve stoße ich auf einen breiten Waldweg. Auf diesem gehe ich eine Weile immer geradeaus, an der nächsten Kreuzung halte ich mich rechts. Auch an der folgenden Weggabelung bleibe ich weiterhin rechts, bis ich mich ein kurzes Stück später scharf nach links bewegen muss.

Die Ausschilderung ist perfekt. Hier kann man sich eigentlich nicht verlaufen. Auf der linken Seite befindet sich jetzt eine eingezäunte Schonung und es beginnt wieder eine geteerte Straße, an der bald die ersten Häuser von Olkenbach erscheinen. Einige Serpentinen später stehe ich mitten im Ort an der „Heinzerather Straße“. Auch hier gehe ich nicht den direkten Weg nach rechts, sondern laufe cirka einen Kilometer in die entgegengesetzte Richtung nach Bausendorf. Dort schaue ich mir die katholische Pfarrkirche St. Servatius an. Diese wurde Mitte des 19. Jahrhunderts anstelle einer anderen Kirche erbaut, nur der alte Kirchturm blieb erhalten. Danach wurde sie mehrfach umgebaut und erscheint heute in einem sehr nüchternen Bild. Den Altarraum schmückt ein Mosaik aus der Emmaus-Geschichte. Dieses ist aber in der Fastenzeit durch ein großflächiges Tuch verhüllt. Einzige Schmuckstücke sind der Altar, eine aus Fatima stammende Marienstatue und ein großes Kruzifix. Wieder zurück in Olkenbach, setze ich meinen Weg fort. Dort passiere ich die Olkenbacher Kapelle, die ebenfalls recht schmucklos wirkt. Ich biege nach links in die Straße „Zur Riez“ ab, lasse einen Kinderspielplatz rechts liegen und habe nun einen steilen Anstieg vor mir. Der Hügel trägt nicht umsonst den Namen „Galgenberg“. Unterwegs werde ich von einer kleinen Schafherde beobachtet. Mir wird jetzt richtig warm. Eigentlich würde ich gerne meine Jacke ausziehen, doch es weht ein leichter Wind und ich möchte mir keine Erkältung holen. Am Fuße eines Strommastes habe ich den höchsten Punkt erreicht. Ich gehe geradewegs auf die B 49 zu und werde kurz davor nach rechts verwiesen, folge grob der Überlandleitung durch landwirtschaftlich genutzte Flächen. Mir fällt schon seit einiger Zeit die rote Färbung des Bodens auf. Hierin zeigt sich der vulkanische Ursprung. Wenig später begegnen mir eine Reiterin hoch zu Ross sowie eine Walkerin, die mich beide freundlich grüßen. Schon von weitem fällt der kegelförmige Neuerburger Kopf ins Blickfeld. An der nächsten Kreuzung geht es weiter geradeaus bis nach Neuerburg hinein, einem Stadtteil von Wittlich. Über die „Akazienstraße“ gelange ich auf die „Eichenstraße“ (B 49). Dort befindet sich die katholische Filialkirche St. Nikolaus. Die vierjochige gotische Saalkirche wurde in den Jahren 1872/73 neu erbaut. In der Kirche entdecke ich eine Heiligenfigur mit Pilgerattributen, bin mir aber nicht sicher, ob es sich tatsächlich um eine Darstellung von Jakobus handelt (inzwischen weiß ich, dass es sich um Rochus handelt, der zudem eine Wunde am Bein hat).

Hinter Neuerburg schließt sich der Stadtteil Dorf an, dort gehe ich in den Weißen Weg. An dessen Ende unterquere ich die Autobahn nach Trier und Koblenz. Jetzt ist es nicht mehr weit bis ins Zentrum von Wittlich. Zunächst gilt es, ein eher unattraktives Stück auf dem Fahrradweg entlang der B 49 hinter mich zu bringen. Schließlich befinde ich mich auf der „Friedrichstraße“, die zu beiden Seiten mit Gewerbebetrieben versehen ist. Kurz hinter einem Kreisverkehr bleibe ich vor einem Haus stehen, das meine Aufmerksamkeit erregt. Es handelt sich um das Historische Türmchen aus dem Jahre 1317, einem Rest der ehemaligen Stadtbefestigung. Auf Höhe des ersten Stockwerkes befindet sich ein Guckloch in Form einer Löwenfratze. Davor steht ein Wegkreuz von 1703, das früher einmal in Wengerohr aufgestellt war. Als nächstes mache ich eine kleine Runde durch die Altstadt und komme am historischen Rathaus vorbei. Der Renaissancebau wurde nach einem verheerenden Stadtbrand 1647 begonnen und war bis 1933 Verwaltungssitz der Stadt. Ein paar Ecken weiter stehe ich vor dem mächtigen Turm der frühbarocken katholischen Pfarrkirche St. Markus. Sie wurde ebenfalls erst nach dem großen Brand in den Jahren 1709 bis 1723 durch den Trierer Kurfürsten Johann Hugo von Orsbeck erbaut. Hier fühle ich mich wohl; ich setze mich für einige Minuten und lasse den Tag noch einmal Revue passieren. Ich entzünde erneut zwei Kerzen und wiederhole meine Gebete vom Morgen. Direkt gegenüber der Kirche befindet sich das Pfarramt, wo ich einen Stempel für meinen Pilgerausweis erhalte. Dann wird es Zeit für mich, zum Zentralen Busbahnhof zu gehen. Da der Bahnhof von Wittlich im Stadtteil Wengerohr liegt, muss ich dorthin mit dem Bus fahren. Ich habe zunächst Pech, denn ich verpasse den ersten Bus nur um wenige Minuten. Jetzt heißt es, eine gute halbe Stunde zu warten. Ich nutze die Zeit und besorge mir in einem Supermarkt etwas zu trinken, denn meine Vorräte sind so gut wie aufgebraucht. Der nächste Bus lässt dann nicht mehr lange auf sich warten und cirka zehn Minuten später steige ich schon wieder aus. Am Bahnhof bin ich erfreut über einen türkischen Imbiss. Ich kaufe mir einen Döner gegen meinen aufkommenden Hunger und sitze nur einen Augenschlag später im Zug nach Koblenz.