Von Maria Martental nach Lutzerath (10. Oktober 2010)

In der Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Ich habe mich oft gedreht und bin dabei auch mehrfach wach geworden. Das passiert mir hin und wieder, wenn für den kommenden Tag etwas Besonderes geplant ist. Heute werden wir mit der ganzen Familie am fünften Pilgertag der Matthias-Bruderschaft Mayen teilnehmen, der uns auf dem Eifel-Camino von Maria Martental nach Lutzerath führen wird. Wir brauchen aber nicht so früh aufzustehen, da sich die Pilger erst um 9:30 Uhr am Startort treffen. Bis dahin benötigen wir wahrscheinlich eine gute dreiviertel Stunde. Ich besorge beim Bäcker frische Brötchen für die Rucksackverpflegung, nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg. Wir erreichen pünktlich die in einem tief eingeschnittenen Tal liegende Wallfahrtskirche und stellen unser Auto auf dem nahe liegenden Waldparkplatz ab. Dort stehen bereits unzählige andere Fahrzeuge. Die Kennzeichen verraten, dass heute viele Pilger aus Nah und Fern dabei sein werden. Während die Kirche noch gänzlich im Schatten liegt, erreichen die ersten Sonnenstrahlen die umliegenden Baumspitzen und lassen diese in herbstlich bunten Farben erleuchten.

Auf dem Vorplatz treffe ich Michael, ebenfalls aus Koblenz. Er hat für unseren Pilgerstammtisch kleine Flyer erstellt und verteilt sie an die anderen Teilnehmer. Vor drei Tagen hat zum ersten Mal in der City-Kirche in Koblenz eine Gesprächsrunde für am Pilgern Interessierte stattgefunden. Nun wollen wir für den nächsten Termin werben, sodass die Runde vielleicht noch größer wird. Kurz darauf läuft mir Franz von der Matthias-Bruderschaft über den Weg, auch er war in der Runde dabei. Er verteilt hier den ganz neuen Pilgerstempel von Maria Martental, der sehr gelungen ist. Es macht wahre Freude, die zwar ähnlichen, aber immer mit einem Motiv der jeweiligen Örtlichkeit versehenen Stempel, in den Pilgerausweis gedrückt zu bekommen. Allmählich strömen die Pilger in die Wallfahrtskirche hinein, die von innen eine ruhige und vertraute Atmosphäre ausstrahlt. Zu meiner und wohl auch vieler anderer Überraschung feiern wir mit einem Pater einen Gottesdienst und erhalten zum Abschluss den Pilgersegen. Nach der kurzen Begrüßung durch Brudermeister Heinz Schäfer wird es Zeit, dass wir uns auf den Camino begeben. Inzwischen erstrahlt über uns der Himmel in einem kräftigen Blau, das durch kein Wölkchen getrübt wird. Der Pilgerstrom zieht links an der Kirche vorbei und gelangt auf einen Waldweg, der uns in das Enderttal führt. Wir bewegen uns durch einen bunt gefärbten Mischwald entlang des Endertbaches fort. Mitten im Wald passieren wir eine Verpflegungsstelle, die allerdings nicht für uns gedacht ist. Dort warten Getränke, Obst und Müsliriegel auf Mountainbike-Fahrer, die in der Region ein Rennen durchführen. Nur wenige Minuten später treffen wir auf die Landesstraße 52, wo wir zu einer kurzen Pause gezwungen werden. Vom linken Berghang stürzen sich nämlich die Radler in die Tiefe und müssen die rutschige Straße überqueren. Der ein oder andere schätzt die Veränderung des Bodenbelags nicht richtig ein und macht eine schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Asphalt. Nachdem der Pulk der Sportler deutlich weniger wird, gibt uns ein Polizist das Signal zum Überqueren. Übrigens ist die Gruppe heute 135 Personen stark. Nur fünfzig Meter weiter an einer Straßenkreuzung werden wir vom Versorgungsteam erwartet, es gibt Kaffee, Tee oder Wasser.

Wir folgen nun den Spuren der Fahrräder durch das Enderttal. Durch den relativ dichten Wald finden immer wieder vereinzelt Sonnenstrahlen ihren Weg und erschaffen wunderschöne Bilder. Kurze Zeit später erreichen wir eine Brücke über den Bach. Zum Glück wurde diese vor wenigen Tagen fertig gestellt, sonst hätten wir nasse Füße bekommen. Nach der Überquerung des Baches beginnt der Weg nun auf dem nächsten Kilometer allmählich anzusteigen. Mitten im Anstieg wird eine kurze Verschnaufpause für einen ersten Impuls eingelegt. Zwei Damen erklimmen eine Böschung und tragen von dieser „Naturkanzel“ aus vor. Nur wenig später zieht sich die lange Schlange der Pilger weiter in die Höhe in Richtung Bundesstraße 259, die wir rasch kreuzen. Es ist jetzt nicht mehr weit bis zu unserem ersten Zwischenziel Alflen (das Ortswappen ziert unter anderem eine Jakobsmuschel). Unseren Weg säumen links Maisfelder und rechts Obstwiesen. Auf einem Feld stehen unzählige Holunderbüsche, fein säuberlich hinter- und nebeneinander angeordnet. Das habe ich so noch nicht gesehen. Mitten in Alflen verlassen wir den ausgeschilderten Camino und suchen die katholische Pfarrkirche St. Johannes der Täufer auf. Die gotische Kirche mit ihren wunderschönen Deckengemälden, unter anderem mit der Dar-stellung der einzelnen Sakramente, wurde im 12. Jahrhundert erstmalig erwähnt.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Ortsbürgermeister Rudolf Schneiders berichtet uns der Küster und Vorsitzende des Freundeskreises der Pfarrkirche, Reinhard Roden, einiges über die Geschichte und die Malereien. Wenig später findet sich die Pilgergruppe vor dem Gemeindesaal ein. Dort ist alles für die Mittagsrast vorbereitet. Jetzt erleichtern wir unsere Rücksäcke und verzehren genüsslich die mitgebrachte Verpflegung. Die Bruderschaft sorgt wiederum für Getränke und gibt hier auch den neuen Pilgerstempel von Alflen aus. Der Abschluss der Mittagsrast wird eingeläutet durch das gemeinsame Lied „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“, dargebracht als Kanon. Froh gelaunt ob des schönen Herbsttages ziehen wir weiter, nun durch Wiesen und abgeerntete Felder. Dabei ergeben sich nach vorne oder hinten imposante Bilder einer langgezogenen Pilgerschlange. Es ist einsam hier, viel Landschaft rechts und links des Caminos. Bald durchqueren wir das Dörfchen Gillenbeuren und es deutet sich an, dass wir nun wieder ein paar Höhenmeter zu bezwingen haben. Am Ortsausgang auf Höhe des Berghofes wird unser Tatendrang abrupt gestoppt, denn das Versorgungsteam erwartet uns erneut zu Kaffee, Tee, Wasser oder Bier. Gegenüber grasen auf einem eingezäunten Terrain einige verwirrt dreinschauende Schafe. Bald geht es jedoch wieder weiter. Wir durchlaufen eine Senke über den Hinigertbach entlang ausgedehntem Ackerland, dazwischen befinden sich aber auch einige Flecken Weide, die von gelangweilt aussehenden Rindern bevölkert sind. Kurz vor Driesch machen wir an einer kleinen Wegekapelle für einen kurzen Impuls sowie ein gemeinsames Lied noch einmal Halt.

Zum Abschluss des heutigen Pilgertages begeben wir uns in Driesch in die Wallfahrtskirche Mater Dolorosa. Die Kirche wurde Ende des 15. Jahrhunderts von Rittern der Umgebung erbaut, um der Verehrung eines älteren Gnadenbildes einen würdigeren Rahmen zu geben. Schon beim Betreten der Kirche wird der Blick auf den imposanten, dunklen Hochaltar fixiert. Der dreigestaffelte Schnitzaltar wurde vermutlich im ausgehenden 17. Jahrhundert geschaffen. In elf Holzreliefs ist das Leiden Christi dargestellt. Hier feiern wir mit dem ortsansässigen Diakonanwärter eine Andacht mit Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn und der Gottesmutter Maria. Der Tag ist jetzt noch nicht zu Ende, denn wir müssen einen guten Kilometer bis nach Lutzerath laufen. Dort wird das obligatorische Gruppenphoto erstellt. Danach haben wir uns eine Stärkung bei Kuchen oder Würstchen sowie Getränken im Bürgersaal verdient. Als Überraschung erhalten wir dort einen weiteren Stempel für den Pilgerausweis. Ein paar kurze Grußworte des Ortsbürgermeisters Günter Welter sowie Dankesworte des Brudermeisters an die helfenden Hände im Hintergrund beenden schließlich den Pilgertag. Wie immer, werden wir mit Bussen zum Ausgangsort gebracht und können ab dort die Heimfahrt antreten.