Von Mendig nach Monreal (20. September 2009)

Christian und ich stehen heute früh auf. Bereits um 6.15 Uhr werden wir geweckt und nehmen unser Frühstück ein. Unsere Ausrüstung haben wir bereits am gestrigen Abend gepackt, damit es heute nicht noch früher wird. Kurz nach sieben Uhr sitzen wir schon im Auto und steuern auf Mendig zu. Hier startet heute der dritte Pilgertag auf dem Eifel-Camino, veranstaltet von der St. Matthias-Bruderschaft Mayen. Es ist vorgesehen, den Weg von der Mendiger St. Cyriakus-Kirche nach Monreal zu pilgern. Wir sind so rechtzeitig da, dass wir noch einen der vielen freien Parkplätze direkt an der Kirche erhalten. Nur einige Minuten später wimmelt es nur so von Leuten mit Rucksäcken, Wanderstiefeln und Trekking-Stöcken auf dem Kirchplatz. Christian und ich gehören zu den wenigen, denen man den Pilger auch äußerlich ansieht. Einige andere haben an Hut oder Rucksack in irgendeiner Form eine Jakobsmuschel angebracht. Außer uns beiden hat keiner einen Pilgerstab dabei. Das sind natürlich nur Äußerlichkeiten, die nichts über die persönliche Einstellung aussagen.

01Am Kircheneingang erwerbe ich für Christian noch einen Pilgerausweis, damit er auch Stempel sammeln kann. Dann haben wir die Gelegenheit, die Kirche von innen zu bewundern. Bei meinem letzten Besuch vor ein paar Wochen konnte ich nur die aus dem 12. Jahrhundert stammende romanische Pfeilerbasilika besichtigen. Der Pilgertag beginnt jedoch in der gotischen Hallenkirche aus dem 19. Jahrhundert mit ihrem rund fünfhundert Jahre alten Hochaltar. Die rund 160 Teilnehmer werden durch den Brudermeister Heinz Schäfer mit einigen organisatorischen Hinweisen begrüßt, bevor der Gemeindepfarrer uns mit Gesang und Pilgersegen auf den Weg entlässt. Nach der Abfrage, wer am Abend einen Platz im Bus von Monreal benötigt, geht es dann endlich los. Zunächst aber gibt es noch den ersten Stempel in den Pilgerpass. Dann zieht sich der große Tross wie ein Lindwurm durch die Mendiger Straßen. Vom Kirchberg geht es durch die „Bachstraße“ und die „Dammstraße“. Dort läuft die Spitze der Gruppe ein wenig zu weit und verpasst den Abzweig auf den Fahrradweg, der parallel zur Bahntrasse verläuft. Nach knapp zwei Kilometern Marsch gelangen wir an die Bundesstraße 256, an deren Mündung das Golo-Kreuz steht. Dieses steht für die Jahrhunderte lange Wallfahrtstradition zur Wallfahrtskirche Fraukirch. In den Stein wurde im Jahre 1472 in der zeitgenössischen Sprache das „Salve Regina“ eingemeißelt. Hierbei handelt es sich jedoch nur um eine Kopie, das Original kann man in der Fraukirch selbst bewundern. Am Golokreuz wird durch Diakon Wolfgang Dröschel, der uns den ganzen Tag begleiten wird, eine erste kurze Andacht gehalten. Nun ziehen wir weiter entlang der Landesstraße 120 bis zum Reginarisbrunnen. Kurz dahinter biegen wir auf einen Feldweg ein, der uns direkt zur Wallfahrtskirche bringt. Diese liegt versteckt in einem kleinen Wäldchen, nur die Kirchturmspitze lugt über die Baumwipfel heraus.

Die Fraukirch wurde urkundlich erstmals im Jahre 1279 erwähnt. Die ehemals dreischiffige Kirche wurde der Legende nach vom Pfalzgrafen Siegfried an der Stelle erbaut, wo er seine Gemahlin Genoveva und seinen Sohn wiedergefunden hatte. Sein hinterlistiger Hofmarschall Golo hatte versucht, sich ihr anzunähern, während er an einem Kreuzzug teilnahm. Doch die treue Gattin widerstand seinen Nachstellungen und wurde nach der Rückkehr Siegfrieds Opfer der Intrigen Golos. Nach einem leider nur kurzen, aber dafür umso interessanteren Abriss zur Geschichte der Fraukirch durch den Vorsitzenden der Marienbruderschaft, Herrn Dr. Wolfgang Zäck, ist Diakon Dröschel mit einigen besinnlichen Gedanken an der Reihe. Am Eingang zur Kirche gibt es einen weiteren Pilgerstempel, dazu bietet die Matthias-Bruderschaft neben Mineralwasser auch Tee und Kaffee zu einem geringen Preis an, ein toller Service! Für die nächsten Kilometer wird nun ein Feldweg unser Begleiter. Links und rechts passieren wir bereits abgeerntete Felder, es geht zum ersten Mal leicht bergan und die Gruppe zieht sich nun ein wenig auseinander. An einer schattigen Baumgruppe machen wir wieder Halt. Von hier aus haben wir einen herrlichen Blick auf Thür.Auch hier ergreift Diakon Dröschel wieder das Wort an die Pilgergemeinde. Immer werden dabei auch Mitpilger einbezogen, die ihre Texte routiniert vortragen. Wir laufen nun durch das Naturschutzgebiet „Thürer Wiesen“. Entstanden ist das Feuchtgebiet aus dem in den 1970er Jahren trockengelegten „Thürer Sumpf“. Durch den späteren Bimsabbau haben sich Tümpel und Teiche sowie Sumpf- und Feuchtflächen gebildet. 1987 wurden die „Thürer Wiesen“ unter Naturschutz gestellt. Seitdem haben sich hier seltene Vogel- und Amphibienarten angesiedelt. Leider haben wir hier aber wieder Asphalt unter den Sohlen, den wir so schnell auch nicht mehr los werden, denn der Weg ist gleichzeitig als Fahrradweg ausgezeichnet. Auf Höhe Kottenheim verläuft der Eifel-Camino parallel zur B262 in Richtung Mayen. Kurz danach erreichen wir ein Gewerbegebiet, das bereits in der Mayener Gemarkung liegt. Hier befindet sich auch ein beliebter Freizeitpark für Kinder und wir machen einen weiteren spirituellen Zwischenstopp. Es ist gut, dass zum einen immer neue Anstöße zum Nachdenken gegeben werden, zum anderen hierdurch die Gruppe auch wieder verschmelzen kann. Es ist nicht ganz einfach, mit den Mitpilgern ins Gespräch zu kommen, dafür laufen zu viele Grüppchen mit. Hin und wieder gibt es aber Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen, meistens geht es um bereits absolvierte Pilgerwege. Dabei stellt sich heraus, dass doch erstaunlich viele bereits in Santiago waren.

Bevor es weitergeht, erhalten wir einige Hinweise für unseren Marsch durch die Stadt Mayen, die noch cirka drei Kilometer entfernt vor uns liegt. Zunächst biegen wir aber auf die ehemalige Bahntrasse nach Koblenz ein, die vor einigen Jahren in einen Radweg umgewandelt wurde. Über die „Ostbahnhofstraße“ und die „Römerstraße“ gelangen wir zum Brückentor. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur katholischen Pfarrkirche St. Clemens. Auf dem Weg dahin wird uns der Jakobsweg nicht nur durch die Muschelwegweiser gewahr, sondern auch durch spezielle Kanaldeckel sowie ein schönes Relief an der Rückseite der Kirche. An dieser Stelle stand bereits um das Jahr 600 eine Holzkirche. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts errichteten die Mayener hier noch vier weitere Kirchen. Im zweiten Weltkrieg wurde mit großen Teilen der Stadt auch St. Clemens zerstört. Von 1947 bis 1953 wurde die Kirche wieder notdürftig aufgebaut, endgültig aber erst in den siebziger Jahren. Durch einen Konstruktionsfehler der Zimmerleute erscheint der Spitzhelm des Westturmes spiralförmig verdreht. Einer Sage nach ist hierfür der Teufel höchstpersönlich verantwortlich, der aus lauter Wut über die listigen Mayener die Turmspitze verdrehte.

Nach einer kurzen Einführung zur Geschichte der Kirche durch Pfarrer Müller wird uns mit einer Jakobus-Reliquie der Pilgersegen erteilt. Nun ist es Zeit für eine Mittagsrast, die wir im Pfarrsaal der Kirchengemeinde durchführen können. Auf dem Weg dorthin passieren wir die Heilig-Geist-Kapelle, die zu einem mittelalterlichen Hospital gehörte. Vermutlich wurden hier zu dieser Zeit auch Pilger auf dem Weg nach Santiago aufgenommen. Seit 1961 ist sie eine Gedenkstätte für die Opfer der Kriege und der Gewalt. Christian und ich lassen uns auf einer Bierbank auf dem Vorplatz des Pfarrheims nieder und genießen unsere mitgebrachte Mahlzeit. Auch hier bietet die Matthias-Bruderschaft Getränke an und unsere Pilgerpässe werden um zwei weitere schöne Stempel reicher. Nach der ausgiebigen Pause wird es Zeit, dass wir wieder losmarschieren. Wir gehen auf direktem Weg durch das Obertor in die „Kelberger Straße“. Leider bleibt uns durch diese Wegführung der Anblick auf die Genovevaburg verwehrt. Dafür erreichen wir nach kurzer Zeit die Verbandsgemeindeverwaltung Vordereifel. Vor dem Gebäude bietet uns ein Mitarbeiter der Verwaltung einen weiteren Pilgerstempel an. Über die „Kolpingstraße“ und den „Kuhtritt“ verlassen wir schließlich Mayen und sind wieder umringt von abgeernteten Feldern. Dann gelangen wir in ein Waldstück mit weichem Boden, ständig nur Asphalt unter den Sohlen zu haben ist sehr anstrengend. Aus der Ferne erklingt eine einsame Kirchenglocke, wir nähern uns der Waldkapelle. Mit deren Bau wurde nach der Zerstörung von Mayen im Krieg bereits Mitte 1945 begonnen und zum Dank der Mutter Gottes geweiht. Auch hier legen wir eine Statio mit Gebet und Gesang ein. Wir bleiben noch eine Weile auf dem nun steil ansteigenden Waldweg und überqueren dann die Bundesstraße 258, wenig später noch die Landesstraße 98. Hier verlassen wir den Wald und bewegen uns durch Ackerland auf die letzte Versorgungsstelle zu. Die Pilgergemeinde dankt dem Versorgungsteam mit dem Kanon „Lobet den Herren“. Dann gibt Brudermeister Schäfer noch eine Neuigkeit zum Besten: die Matthias-Bruderschaft plant genau an unserem jetzigen Standort in der Nähe des Gelsbüschhofes, eine Jakobuskapelle zu errichten. Die Bauanträge seien eingereicht und wenn alles gut ginge, soll im kommenden Heiligen Jahr am Jakobustag die Kapelle eingeweiht werden.

Bis zu unserem Tagesziel Monreal sind es jetzt nur noch drei Kilometer, die überwiegend durch Wald führen. In angenehmer Weise geht es leicht bergab, der Weg ist auch als Reitweg ausgezeichnet. Wir unterqueren eine Bahnlinie und befinden uns wieder an der Landesstraße 98, an der wir bis nach Monreal auf einem Bürgersteig entlang laufen. In Monreal ist heute viel los. Die Gemeinde feiert ein Weinfest und auf dem Marktplatz (der für die Allgemeinheit allerdings gesperrt ist) wird ein Film mit Uwe Ochsenknecht gedreht. Letztendlich wird unsere Pilgergruppe erwartet und am Nachmittag soll auch noch ein Pilgerstein eingeweiht werden. Das Örtchen liegt idyllisch im Elzbachtal und bezeichnet sich selbst als „Dorf der Brücken, Burgen und Fachwerkhäuser“. Hoch oben auf dem Königsberg (daher auch der Ortsname) bauten im 13. Jahrhundert die Virneburger Grafen zunächst ohne Genehmigung und Landbesitz ihre Burgen, die Löwen- und die Philippsburg. Schon früh wurden Stadt- und Marktrechte vergeben. Nach dem 30-jährigen Krieg siedelte sich eine bedeutende Tuchindustrie an. Die noch vorhandenen Fachwerkhäuser bezeugen den damaligen Wohlstand. Drei steinerne Brücken überspannen den Elzbach. Von ihnen kann man wunderbare Blicke auf die Schönheiten des Dörfchens erhaschen. Mitten im Ort bekommen wir noch einen Pilgerstempel. In der Kirche Heilig Kreuz werden wir schon erwartet. Letzten organisatorischen Hinweisen durch den Brudermeister Heinz Schäfer folgen noch Grußworte vom Bürgermeister der Verbandsgemeinde Vordereifel, Herrn Gerd Heilmann. Bevor Pfarrer Michael Frevel die Schlussandacht beginnt, erhalten wir eine Erläuterung zur Kirche. Hierbei erfahren wir auch, dass in den Altar ein Splitter des Kreuzes Jesu eingemauert ist. Die Andacht selbst lässt ein bisschen erahnen, was ein Pilger an seinem Ziel in Santiago de Compostela erwarten kann. Abschließend erfolgt noch die Einweihung des Pilgersteins auf dem Kirchplatz. Der örtliche Pfarrgemeinderat hat dort für uns Sitzgelegenheiten zur Verfügung gestellt und bewirtet uns mit leckerem Kuchen und Würstchen, ein wahrhaft gelungener Abschluss dieses Pilgertages. Für 17.00 Uhr werden zwei Busse zur Verfügung gestellt (die aber leider etwas Verspätung haben), die uns wieder zum Ausgangspunkt nach Mendig bringen. Christian und ich machen uns dann gleich auf den Weg nach Koblenz, wo wir gegen 18.30 Uhr zu Hause eintreffen.