Von Waldprechtsweiher nach Lichtenthal (20. Juni 2020)

Der heutige Samstag bildet den Abschluss meiner Corona-Ersatz-Pilgertour. Ich mache mich wieder einmal früh auf den Weg, verlasse gegen 7:30 Uhr möglichst geräuscharm mein Zimmer und das Hostel. Niemand außer mir scheint schon auf den Beinen zu sein. Es ist etwas Eile angesagt, denn in zwölf Minuten fährt meine S-Bahn nach Ettlingen ab. Zum Glück sind es nur ein paar Schritte bis zur Haltestelle. Mir bleibt sogar noch Zeit, wie bereits gestern, ein kleines Frühstück für unterwegs zu kaufen. In Ettlingen steige ich in den Bus um, der mich nach Waldprechtsweiher bringt, wo ich kurz nach 9:00 Uhr ankomme. Heute ist der Himmel noch stark bewölkt und nur vereinzelt lugt ein wenig blaue Farbe hervor.

Zunächst geht es wieder einen guten Kilometer durch das Dorf bis zu dem Punkt, an dem ich gestern aufgehört habe. Ich bediene mich noch an den Kirschbäumen, die den Weg säumen - lecker. Nach 500 Metern summt mein Fon und ich werde durch meinen Provider in Frankreich begrüßt. Mir war gar nicht bewusst, dass ich bereits soweit westlich gelandet bin. Oder spielt man mir da einen Streich? Inzwischen ist es aufgeklart und über mir zeigt sich der Tag jetzt mit strahlend blauem Himmel und Sonnenschein von seiner besten Seite. Es geht wieder überwiegend durch Wald und ich vernehme das Zwitschern unzähliger unsichtbarer Vögel, das Plätschern eines Baches und das Rauschen der Blätter im leichten Wind. Ist das nicht schön?
Eigentlich sollte heute der dritte Sandalentag hintereinander sein, doch das anfänglich passable Wetter schwenkt jetzt nach einer halben Stunde Marsch von Sonne auf Regen um.

Kurzerhand werden die Schuhe gewechselt, der nun wieder etwas leichtere Rucksack geschultert und der Trekkingschirm in Position gebracht. Darin habe ich jetzt Übung. Nach einer weiteren halben Stunde ist der Spuk schon wieder vorbei und die Sonne kehr noch kräftiger zurück als vorher. Dafür ist die Beschaffenheit der Strecke heute sehr angenehm - bis Gaggenau geht es fast nur durch Wald. Unterwegs treffe ich auf eine Stele, die mit einer blauen Kachel mit Santiago-Symbolen verziert ist. Gegen High Noon erreiche ich zur Halbzeit der Etappe Gaggenau und fülle in einem Supermarkt meine Wasservorräte auf, denn nun beginnt der beschwerlichste Abschnitt des Tages, wenn nicht sogar der ganzen Woche.

Auf der Murg-Brücke zeigt mir ein Pilger aus Stahl den richtigen Weg, dem ich bereitwillig folge. Die evangelische Kirche, die tagsüber geöffnet ist, wird in dem Augenblick vor meinen Augen geschlossen - Pech gehabt. Und dann geht es aufwärts: zuerst entlang einer Straße, dann auf breiten Waldwegen. Es folgt der von mir so getaufte Engelsweg: an einem Wegstück sind am Rand in Wurzeln, Baumstümpfen und Hangnischen verschiedenste Engelfiguren platziert. Zur Krönung muss ich einen schmalen Singletrail durch einen steilen Hang hochsteigen. Nebenbei ist die Sonne voll präsent und sorgt für die wärmsten Stunden der Woche. Schließlich erreiche ich das Gasthaus Wolfsschlucht auf dem höchsten Punkt - es gehört schon zu Baden-Baden. Nun geht es nur noch abwärts mit zum Teil schönen Ausblicken von der Höhe. Ich komme an einem großen Insektenhotel vorbei, das ich mir neugierig anschaue. Weiterhin passiere ich die Talstation der Merkurbahn, ein Wildgehege und die Marienkapelle in den Weinbergen.

Lediglich ein paar Kurven trennen mich noch von der Abtei Lichtental, die ich gegen 15:00 Uhr erreiche. Im Hof der Zisterziensierinnenabtei, insbesondere im Bereich des Abteicafés ist reger Betrieb. An der Klosterpforte hole ich mir zunächst einen Stempel ab und besichtige die Abteikirche, die ganz im Gegensatz zu dem lauten Treiben auf dem Hof eine Oase der Ruhe darstellt. Das passt jetzt in dem Moment ganz gut zum Herunterkommen. Ich nutze die Zeit und setze mich eine Weile in einer Bank und lasse die letzten Tage noch einmal Revue passieren. Zur rechten Zeit gehe ich zum Café und finde einen einzelnen freien Platz. Nach 163 Kilometern von Worms nach Baden-Baden gönne ich mir ein Stück Schwarzwälder Torte und eine heiße Schokolade, die mir sehr munden. Inzwischen habe ich mein Zeitgefühl verloren und stelle fest, dass ich mich langsam um den Transfer zum Bahnhof kümmern muss. Zum Glück fährt schon in wenigen Minuten Bus direkt vor der Abtei. Zu Fuß müsste ich noch eine gute Stunde laufen, das schenke ich mir, denn kurz nach 17:00 Uhr fährt mein Zug bereits in Richtung Heimat. Irgendwann kehre ich zurück nach Lichtenthal und setze meinen Weg über Strasbourg nach Le Puy fort.