Von Ubstadt nach Grötzingen (18. Juni 2020)

Eine innere Unruhe hat mich schon früh gegen 6:00 Uhr wach werden lassen. Es hat keinen Zweck, mich noch einmal umzudrehen, also mache ich mich in aller Ruhe fertig. Und in aller Ruhe heißt tatsächlich, wie es da steht. Schließlich bin ich nicht alleine im Zimmer und möchte Abdilhadir nicht unnötig aus dem Schlaf reißen. Da habe auch bereits genügend eigene Erfahrungen, wenn Pilger im Schlafsaal völlig rücksichtslos und lärmend in der Früh ihre Sachen zusammenpacken. Gestern Abend habe ich schon alles vorbereitet, sodass ich nur den Rucksack und ein paar Kleinigkeiten greifen muss. Den Rest erledige ich in der Küche, die zu dieser Zeit noch nicht genutzt wird. Ich nehme heute auch nur das Notwendigste mit und bin erfreut über das geringe Gewicht auf meinem Rücken.

Außerdem ist heute Sandalentag. Da meine Füße, wie eigentlich immer nach zwei oder drei Tagen auf Pilgerschaft, mit großen und kleinen roten Flecken versehen sind, will ich ihnen etwas mehr Freiheit geben. Meine Keen Trekking-Sandalen kennen sie bereits aus der Vergangenheit, sind also kein Neuland. Selbst auf verschiedenstem Untergrund, der zunächst überwiegend aus Asphalt, später aber auch mal über längere Abschnitte im schattigen Wald aus angenehm weichem Boden bestehen sollte. Zur Sicherheit habe ich meine Wanderhalbschuhe dabei.

Auf dem Weg zur Haltestelle kaufe ich mir noch zwei belegte Brötchen und erwarte die Ankunft der S-Bahn nach Durlach, wo ich umsteigen muss. Zu meiner Freude kommt schon deutlich früher ein Zug, in den ich natürlich dankend einsteige. Nach einiger Zeit ertönt die Ansage, dass hier an der Endstation bitte alle aussteigen sollen. Ich bin verwundert, merke aber dann doch rasch, dass ich statt mit der S1 mit die STR1 gefahren bin - der Straßenbahn. Ich fahre also wieder zwei Stationen zurück und bin dann fußläufig nur zwei Minuten vom Bahnhof Durlach entfernt. Kurz darauf fährt mein Anschlusszug nach Ubstadt ein, wo ich gegen 8:00 Uhr mit der heutigen Etappe beginne.

Mit dem Wetter bin ich zufrieden - blauer Himmel mit vereinzelten Wolken und eine angenehme Temperatur sorgen für gute Laune. Nach gut 2,5 km beginnen die Lücken in der Markierung und zweimal wäre ich völlig verkehrt gelaufen, wenn ich nicht rechtzeitig auf meine GPS-Tracks geschaut hätte. An vielen Kreuzungen fehlt einfach die Muschel zur Orientierung. Dreimal weicht der Track von der Markierung ab, wobei ich dann doch der gelben Muschel folge. Ansonsten orientiere ich mich weiterhin an dem roten Balken des Weitwanderweges Odenwald - Vogesen. Kurz vor Bruchsal erreiche ich den Projektgarten Heubühl. Dahinter steckt ein Verein mit dem Motto „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Ins Auge fällt zunächst ein überdimensional große Insektenhotel und ein Heilpflanzengarten. Daneben widmet man sich auch weiteren Themen des Umwelt- und Artenschutzes wie Erhalt des Bienenbestandes in Bruchsal. Außerdem werden für Kindergärten und Schulen Besuche vor Ort mit einem bunten Programm in der Natur angeboten.

Noch in Gedanken über dieses tolle Projekt schlendere ich an der Justizvollzugsanstalt vorbei, die einer mittelalterlichen Burg ähnelt. Kurz darauf erreiche ich über den Stadtgarten das Bruchsaler Schloss, dass ab dem frühen 18. Jahrhundert als Residenz der Speyerer Fürstbischöfe errichtet wurde. Viele Kirchen und Pfarrämter sind wegen der Pandemie immer noch geschlossen. Eine Ausnahme bildet Bruchsal, die katholische Pfarrkirche St. Vinzenz steht offen für einen Besuch. Gegenüber im Pfarrbüro bekomme ich sogar noch einen Stempel. Davon habe ich jetzt vier - für jeden Tag einen. Das hört sich wenig an,ist es auch. Ich sehe das aber total entspannt, Stempel sind nicht das Wesentliche beim Pilgern. Ich verlasse Bruchsal und finde erst außerhalb der Stadt wieder meine geliebten blau-gelben Wegweiser.

Nach eine längeren Stück entlang der Bahntrasse bin ich froh, dass es nun endlich in den Wald geht. Dort erwarten mich schmale Pfade und weicher Boden, aber auch ein paar Höhenmeter - rund 480 sollen es heute in der Summe werden. An einer Schafweide habe ich einen schönen Blick in die Ferne. Am Horizont zeichnen sich die Erhebungen des Pfälzer Waldes deutlich vom Himmel ab. Gegen 11:30 Uhr erreiche ich Untergrombach und muss über eine lange Treppe in die Höhe steigen. Mitten in der Treppenanlage erblicke ich eine Plattform mit einer Bank, die mich eindringlich zur Mittagspause auffordert. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und nehme mit Blick auf die Pfarrkirche St. Cosmas und Damian für eine gute halbe Stunde Platz.

Nach etwas über einer Stunde Fußmarsch komme ich nach Weingarten und habe von einer höher liegenden Terrasse einen schönen Blick auf das geistliche Ensemble der Stadt. Unmittelbar unter mir und in trauter Nachbarschaft stehen die katholische und evangelische Kirche nebeneinander. Nur einen Steinwurf davon entfernt existierte bis zur Zerstörung im Jahre 1938 auch noch eine jüdische Synagoge. Ich mache gerade ein Foto, da höre ich hinter mir mit weiblicher Stimme ein „Buen Camino“. Ein kurzer Smalltalk mit der Dame löste bei ihr wohl Sehnsucht nach dem Camino aus. Sie meint zum Abschied, sie müsse sich auch mal wieder auf den Weg begeben. Es gibt also doch Pilger hier in der Region. Ich hatte schon Bedenken.

Zum Ende der Etappe gibt es noch ein paar Höhenmeter hinauf durch Weinberge und runter an Ackerland vorbei bis zum Tagesziel Grötzingen. Unterwegs komme ich immer wieder an frei stehenden Kirschbäumen vorbei, die ich gerne von ihrer Last befreie. Gegen 15:00 Uhr erreiche ich Grötzingen und werde auf dem Weg zum Bahnhof von einem Eisstand angelockt. Da sage ich nicht nein, nach 27 Kilometern habe ich mir ein Eis verdient. Die S-Bahn fährt hier im 10-Minuten-Takt, sodass ich zuerst in aller Ruhe die Tagesbelohnung vernichten kann. Von Grötzingen dauert die Fahrt nach Karlsruhe lediglich zwanzig Minuten, sodass ich frühzeitig in meiner Unterkunft bin. Am Abend bleibt die Küche kalt, ich besorge mir im nahegelegenen Supermarkt nur eine Kleinigkeit und Wasser für den morgigen Tag.