Von Worms nach Limburgerhof (15. Juni 2020)

Eigentlich wäre ich jetzt schon eine Woche auf dem Caminho da Geira e dos Arrieiros vom portugiesischen Braga nach Santiago de Compostela unterwegs. Das war nur eine Idee für 2020, die durch die Corona-Pandemie zunichte gemacht wurde. Ich bin aber zum Glück kein Einzelfall, viele Menschen auf dieser Welt habe sich das Jahr wohl etwas anders vorgestellt und mussten sich mit den Gegebenheiten abfinden. Für mich standen im Mai und Juni ganze sechs Wochen Urlaub an, die gut gefüllt waren. Neben der bereits angesprochenen Pilgertour in Portugal und Spanien war auch eine zweiwöchig Reise nach Kreta, das Festival Rock am Ring und eine Woche als Volunteer bei den Special Olympics in Koblenz eingeplant. Stattdessen kam eine unangemeldete Schilddrüsenoperation dazu. Meine Frau meinte dann, ich solle nach den Lockerungen im öffentlichen Leben doch zumindest eine Woche in Deutschland pilgern gehen. Das war eine gute Idee, die ich noch am selben Tage geplant habe.

Neben meinem Weg durch Frankreich über Vézelay wollte ich irgendwann auch noch über Le Puy in Richtung Spanien laufen. Den Anfang hatte ich vor ein paar Jahren gemacht und mich in südliche Richtung aufgemacht, wo ich in Worms stecken blieb. Ja, dann gehe ich halt von Worms noch weiter nach Süden. Ich rechnete mir die Tagesetappen durch und kam nach gut 160 Kilometern in sechs Tagen bis nach Baden-Baden. Das erschien mir machbar. Meine Tour sollte mich also von Worms über Speyer nach Baden-Württemberg bringen, wo ich auf den noch nicht eröffneten Nordteil des Badischen Jakobsweges abbiegen wollte. Freundlicherweise bekam ich von Gottfried Wiedemer von der Badischen Jakobusgesellschaft eine Wegbeschreibung, die bald als Buch herauskommen soll. Im Netz fand ich zudem noch dazu passende GPS-Daten, sodass ich mir eigentlich keine Sorgen machen musste. Bezüglich der Unterkünfte machte ich mir schon Gedanken und kam zu dem Schluss, mir zwei Basecamps in Speyer und Karlsruhe einzurichten, von denen ich jeweils zu den Start- und Zielorten der einzelnen Etappen pendeln wollte. In Speyer bot sich die Jugendherberge an, die gerade wieder geöffnet hatte, in Karlsruhe fand ich mit dem Hostel Kaiserpassage eine günstige Übernachtungsmöglichkeit.

Ich verlasse am Montag morgen um kurz nach 6:00 Uhr die Wohnung und begebe mich auf die ersten zwei Kilometer Fußmarsch zum Koblenzer Hauptbahnhof. Auf dem Bahnhofsvorplatz treffe ich Christian aus unserem Pilgerforum, der für drei Wochen nach Langeoog reist, um dort in der Freizeitbetreuung der evangelischen Kirchengemeinde zu arbeiten. Mein ICE fährt pünktlich um 6:48 Uhr ab. In Mainz steige ich um in die S6 und treffe um 8:37 Uhr in Worms ein. Bis zum Dom, meinem Startpunkt, ist es nicht weit. Dort sind gerade die Vorbereitungen für einen Gottesdienst im Gange. Nach getaner Arbeit bekomme ich vom Küster meinen ersten Stempel in den Pilgerausweis. Um kurz nach 9:00 Uhr beginne ich meine Pilgertour. Es geht zunächst durch die Stadt und unterwegs kaufe ich mir an einer Tankstelle noch zwei Flaschen Wasser - das hatte ich beinahe ganz vergessen.

Nach ein paar Kilometern entlang einer Landstraße erreiche ich Bobenheim-Roxheim, wo ich zunächst ein Wohngebiet durchquere. An einem Wendeplatz haben sich Hauseigentümer etwas schönes für die Umwelt einfallen lassen: eine größere Wiese vor dem Haus wurde mit Wildblumen bestückt und als „Tummelplatz für Biene Maja & Co.“ bezeichnet. In der Nähe des jüdischen Friedhofs entdecke ich die erste Jakobsmuschel. Es handelt sich um eine Ortschleife des Pfälzer Jakobswegs, hat aber nichts mit dem anscheinend nicht markierten Weg Verbindungsweg zwischen Worms und Speyer zu tun. Kurz darauf passiere ich die verschlossene evangelische Kirche und ein paar Straßen weiter ist auch die katholische Pfarrkirche St. Maria Magdalena nicht zugänglich. Stattdessen hängt neben dem Portal eine Infotafel zum Pfälzer Jakobsweg. Es geht weiter durch eine Gewerbegebiet, wo noch einmal eine Muschel an einem Pfahl angebracht ist - es soll die letzte wegweisende bis Malsch sein.

In einem Industriegebiet darf ich endlich nach rechts abbiegen und eine Weile entlang des Flüsschens Isenach laufen. Ich passiere einen von Algen grün gefärbten Teich und entdecke dahinter ein hübsches Insektenhotel am Rande eines Ackers. Der geteerte Boden ist übersät mit Nacktschnecken in allen Größen, sodass ich aufpassen muss, wo ich hintrete. Da der Weg nicht markiert ist, muss ich ständig die Richtung mit meinen GPS-Daten abgleichen. Dabei stelle ich an der nächste Ecke fest, dass ich mir jetzt ein paar Meter sparen könnte, indem nach links weitergehe. Gesagt, getan, und nach nur wenigen Schritten schon bereut! Der Untergrund ist butterweich und mit Feuchtigkeit durchtränkt. Bei jedem Schritt bleibt etwas Lehm am Schuh kleben. Ist eine bestimmte Menge erreicht, verliere ich den Klumpen, um beim nächsten Schritt wieder fast genausviel mitzunehmen. So wate ich über den selbst gewählten Feldweg, werde aber an dessen Ende für mein Durchhalten mit einem mit reifen Kirschen schwer beladenen Ast belohnt, der aus einem Garten über den Zaun hinausragt. Da sage ich gerne Danke, bediene mich und lasse mir eine Hand voll süßer Früchte schmecken.

Nach zwei weiteren Ecken unterquere ich die A6 und laufe durch Mörsch. Der Himmel ist leicht bewölkt und es weht eine angenehm frische Brise - ideales Pilgerwetter. Gegen 11:30 Uhr erreiche ich Frankenthal, laufe an der Pilgerstraße entlang. Hier verlief im Mittelalter einer der Pilgerwege nach Santiago, verrät mir das Straßenschild. An der katholischen Pfarrkirche St. Ludwig suche ich dann vergebens den Eingang, obwohl mir ein Schild den Weg weisen möchte. An der vermeintlichen Stelle werde ich aber wieder zurückgeschickt. Ich habe keine Lust, mich im Kreis zudrehen und gehe einfach weiter in die Innenstadt. Im Zentrum befindet sich die spätbarocke Kirche Hl. Dreifaltigkeit, die sogar vormittags zum Gebet geöffnet ist. Doch ich komme zu spät: überpünktlich wird das Portal vor meiner Nase verschlossen. Auch die dahinter erbaute evangelische Zwölf-Apostel-Kirche ist für Besucher nicht zugänglich. Also gönne ich mir einen kleinen Mittagssnack und nehme mir auf den Weg och ein Eis mit auf die Hand.

Es geht noch eine Weile durch Frankenthal weiter, auch wieder über den Pilgerpfad (die Straße wurde wohl irgendwo unterwegs zum Pfad), der durch das gleichnamige ökumenische Gemeindezentrum und an der sehr modernen Kirche St. Jakobus d.Ä. vorbeiführt. Der Pilgerpfad zieht sich sogar noch weiter bis nach Studernheim (die katholische Pfarrkirche St. Georg war von 10:00 - 12:00 Uhr geöffnet), wo sich dann zumindest die Beschilderung verliert. Nach Oggersheim ist es nur ein kurzer Augenblick weit - hier lebte der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl. Endlich habe ich Glück, denn erstmals treffe ich nach dem Wormser Dom auf eine geöffnete Kirche. Es handelt sich dabei um die Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt, die 1775 als neoklassizistischer Saalbau über eine seit rund fünfzig Jahren bestehende Lorettokapelle errichtet wurde. Die Kapelle blieb dabei vollständig erhalten und beherbergt das Gnadenbild - eine schwarze Madonna mit Kind. Hier verweile ich einen Moment und entzünde eine Kerzen. Auf den erhofften Pilgerstempel vom benachbarten Kloster der Franziskaner-Minoriten muss ich verzichten, denn die Klosterpforte ist montags nicht besetzt.

Die folgenden Kilometer werde ich von Ackerland begleitet, das gut bestellt ist. Mehrere abgeerntete Feldern sind übersät mit kleinen weißen Zwiebeln und es liegt ein strenger Duft von Lauch in der Luft. Ich schaue mir eine solche Zwiebel etwas genauer an, kann mir aber keinen Reim darauf machen, warum die hier alle rumliegen. Es ist nicht mehr weit bis zu meinem heutigen Etappenziel. Ich durchquere noch das Dörfchen Maudach und laufe danach erneut eine Weile am großflächigen Feldern entlang. In der Ferne sehe ich emsiges Treiben - hier wird wohl gerade die Ernte eingefahren. Es war heute ein ziemlich einsamer Weg, der überwiegend mit Asphalt versehen war. Mir macht das aber nichts aus, ich komme auf so ziemlich jedem Untergrund vorwärts. Heute zwickt es mich allerdings an hinteren Ende meines rechten Fußes, bin mal gespannt. Hin und wieder sind mir ein paar Spaziergänger oder Fahrradfahrer begegnet, die meiste Zeit war ich jedoch alleine. Ich erreiche vor meinem Plan den Bahnhof von Limburgerhof und kann deshalb eine halbe Stunde früher mit der S-Bahn nach Speyer fahren. Dort bekomme ich nach fünf Minuten Wartezeit einen Bus, der mich direkt vor der Jugendherberge absetzt.

Es hätte ein so guter erster Pilgertag werden können. Doch wenn du dann vor der vor vier Wochen gebuchten Jugendherberge in Speyer stehst, und dir wird gesagt, dass alle Buchungen für diese Woche wegen anhaltender Bauarbeiten storniert wurden, dann hast du nur noch ein großes Fragezeichen im Kopf. Ich bin jedenfalls nicht über die um drei Tage verzögerte Öffnung der Herberge informiert worden. Da hilft nur eins: Handy raus und nach einer Alternative suchen. Ich finde das preiswerte Boardinghouse La Grotta und bekomme nach einem Anruf ein Doppelzimmer für zwei Tage für knapp einhundert Euro - das ist für das Zentrum von Speyer sehr günstig. Haken bei der Sache: Gemeinschaftsbad und kein Frühstück. Damit habe ich aber kein Problem, in Pilgerherbergen hast du auch kein eigenes Bad und das ich morgens früh raus will, ist auch ein Frühstück entbehrlich. Ich laufe also noch einmal quer durch die Stadt und werde kurz darauf von der Tochter der Eigentümer empfangen. Das Zimmer ist groß, sauber und liegt ruhig zum Innenhof. Auch die sanitären Räumlichkeiten sind in einem tadellosen Zustand - alles richtig gemacht! Da ich heute Abend nicht mehr viel unternehmen werde, besorge ich mir in einem benachbarten Supermarkt noch etwas zu Essen sowie Getränke und Obst für die nächsten Tage. Danach heißt es duschen, Wäsche waschen und essen. Irgendwann wache ich auf, der Fernseher läuft noch. Anscheinend bin ich eingeschlafen.