13 - 12 - 2017

Grenzüberschreitungen - Erlebnisse auf dem Jakobsweg zwischen Rhein und Elbe

 
„Sie sind ja woll’ gut zu Fuß, ne?“ meinte die ältere Dame in Meinerzhagen zu mir, mit einem kritischen Blick auf meine Kniehosen und Wanderschuhe, als ich sie nach dem Weg zur Jugendherberge fragte. Die lag, wie konnte es anders sein, hoch droben auf dem Berg, so als wollte man jedem Wanderer noch den letzten Rest geben, wenn er wie ich heute nach 30 km Fußmarsch sein Nachtquartier ansteuerte. Aber ich hatte es ja so gewollt, einfach von Herberge zu Herberge ohne Vorbuchungen wollte ich ziehen wie früher die Jakobspilger, ganz auf mich gestellt unterwegs zu Fuß sein. Einmal wieder mit der Zeit zu gehen wollte und ihr nicht, wie sonst im Alltag, atemlos hinterherzuhetzen, das war mein Wunsch.

Seit über 1000 Jahren wallfahrten die Jakobspilger aus ganz Europa zum Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela im Norden Spaniens. Vor acht Jahren war ich in Köln zu meiner ersten Fußreise nach Santiago de Compostela aufgebrochen; als ich nach 2500 km Fußreise am Ziel angekommen war, wollte ich im kommenden Jahr meine Heimat unter die Füße nehmen und die große Wegachse in östlicher Richtung noch ein Stück verlängern. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich ein Wegenetz der Pilger über den ganzen europäischen Kontinent von vielen tausend Kilometern herausgebildet. Auch Magdeburg an der Elbe und Mittel­deutschland gehörten zu den Stationspunkten. Bis dorthin wollte ich es schaffen. Mochten die Spuren der Pilger aus früheren Zeiten auch längst verweht sein, die Wege, die sie gegangen waren, und die Erinnerungen daran gab es noch. Zudem gewann diese Verbindung West- und Mitteldeutschlands mit diesem alten Pilgerweg für mich vor dem Hintergrund der deutschen Einheit und der Vereinigung Europas eine neue politisch-geschichtliche Dimension. Und dann klang mir noch dieser Satz im Ohr, den Politiker immer benutzen: „Ost und West müssen mehr aufeinander zugehen“. Das habe ich für mich wörtlich nehmen wollen.

Ich ging allerdings in umgekehrter Richtung. d.h. ich kehrte Santiago den Rücken und erlebte so den Jakobsweg von Bonn bis Magdeburg mit den Augen eines heimkehrenden Pilgers. Im Mittelalter war das nichts Ungewöhnliches, denn da wurden die Jakobswege immer in beiden Richtungen begangen. Wer hinlief, musste auch wieder zurücklaufen.  Aber mancher schaffte es nicht bis nach Hause zurück, wie jener Pilger aus Skandinavien, den man mit einer Muschel um den Hals und Pilgertasche in der Kirche von Attendorn begraben hat. Von Bonn ging es zuerst durch das Bergische Land, dann durch das Sauerland und den Haarstrang in Richtung Paderborn, im folgenden Jahr von Paderborn auf dem Hellweg zur Weser und von dort weiter bis nach Goslar an den Rand des Harzes. Der letzte Abschnitt führte mich über die ehemalige Grenze zur DDR nach Hysburg bei Halberstadt und durch die flache Börde nach Magdeburg an der Elbe. Auf der Linie von West nach Ost durchquerte ich wie einst die Pilger des Mittelalters die alten Handelsstädte Attendorn, Paderborn, Höxter, Einbeck, Gandersheim und Goslar. Funde von Pilgermuscheln und anderen Pilger­zeichen belegen, dass viele Städte wichtige Etappenorte für die Jakobspilger auf ihrem Weg zum Jakobsgrab nach Santiago de Compostela waren.

Für jeden Jakobspilger begann im Mittelalter der Jakobsweg vor seiner eigenen Haustüre. Eines Tages mache ich die Tür hinter mir zu und trotte mit meinem Rucksack am vertrauten Rheinufer entlang, überquere die Brücke nach Beuel, wo einst die Pilger mit Fähren über den Rhein setzten. In Schwarzrheindorf lasse ich mich von der ausdrucksvollen romanischen Bilderwelt des Mittelalters gefangen nehmen, dann gehe ich am Ufer der Sieg entlang auf Siegburg zu, dessen mächtige Abtei St. Michael von weitem herübergrüßt. Bald hat mich das Bergische Land aufgenommen und über die Höhen der Heidenstraße gelange ich nach Lindlar. Auf dieser Route waren bereits im 7. Jahrhundert fränkische Missionare von Köln ins Sauerland gewandert. Am Abend in der Jugendherberge in Lindlar ist der Lärm einer abreisenden Schulklasse gerade verhallt und ich bin ebenso wie am nächsten Tag in Meinerzhagen und später in Rüthen der einzige Gast. Eine bleierne Stille legt sich über die Räume, aber irgendwann fühle ich, dass die Stille eine Stimme hat. Das Unterwegssein lehrt einen, dass man neben der verstandesmäßigen Auseinandersetzung mit den tagesaktuellen Heraus­forderungen auch etwas für Herz und Seele braucht: Abstand, Momente des Auftankens, der Reflektion über mein Leben und die Lichter der Hoffnung. Was der Weg dem Körper an Kraft abverlangt, wächst der Seele wieder zu. Am nächsten Morgen verschlafe ich, denn kein Wecker und keine Glocken wecken mich. Der Kinderreim „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch, hörst du nicht die Glocken“ erinnert an die Zeiten, wo die Jakobsbrüder, so nannte man die Pilger, nur eine Nacht lang in der Herberge bleiben durften und sie frühmorgens wieder verlassen mussten, damit sie ihr Tagespensum noch schafften.

Auf dem Weg zu der alten Hansestadt Attendorn muss ich weit hinauf auf den Kamm des Ebbegebirges steigen. Den ganzen Tag laufe ich im Regen auf der einsamen alten Heidenstraße schnurgerade durch den Wald bis mich ein schweres Gewitter überrascht, das den Waldweg im Nu in einen sumpfigen Morast verwandelt. Um die Mittagszeit erreiche ich den höchsten Punkt des westlichen Sauerlandes, die 663m hohe Nordhelle. Langsam reicht es mir mit dem ewigen Regen, aber Pilgern heißt eben nehmen wie es kommt und nicht nur unterwegs sein bei Sonnenschein. So gehen die Tage dahin. Meine Kondition wird von Etappe zu Etappe immer besser. In Höxter überquere ich die Weser und werfe einen Blick auf das alte sächsische Missionskloster Corvey, das im frühen Mittelalter ein Außenposten des Christentums war. „Du wirst in ein Land gehen, in dem die Menschen vom Glauben entwöhnt sind“ hatte man mir vorher prophezeit. Auf dem ehemaligen Grenzstreifen hinter Goslar, heute ein zugewachsenes Naturschutz­gebiet, fängt es wieder mal an zu regnen. Zum Glück finde ich in einer Wanderhütte mitten auf der Demarkations­linie einen Unterstand. Bald sitzen wir hier zu viert: zwei Ossis und zwei Wessis. Einer von ihnen erzählt seine Geschichte. Er war ehemaliger Grenzsoldat und hatte zwanzig Jahre der Überwindung gebraucht, bis er die Kraft fand, zum Ort seines früheren Einsatzes hier an der Grenze zurückzukehren. Ein anderer Grenzsoldat hatte seinen eigenen Kameraden erschossen, um selbst in den Westen flüchten zu können. „Früher war dies hier Sperrgebiet, da durften wir nicht hin“ sagte der andere. Wer Verwandte in dieser Gegend hatte war arm dran. Nur mit Passierscheinen und hohen Auflagen konnte man hierher kommen.“ Hier im ehemaligen Grenzgebiet hatte mich also jäh die jüngste deutsche Geschichte eingeholt. Kaum verheilte Wunden werden in diesem Regengespräch sichtbar und alte Vorurteile geraten ins Wanken.

Im nahen Ilsenburg sitzt eine Frau in der Kirche als ABM-Kraft und verkauft Eintrittskarten. Als sie erfährt, dass ich aus Bonn komme, meint sie nur lakonisch: „Det dürf’n Se hier awa nich laut sajen“. Auf den Westen ist sie gar nicht gut zu sprechen.„Früha war allet bessar, die Wende hat mia jedenfalls nüscht jebracht“. Obwohl sie aus Berlin kommt, hat sie Grenze und Mauer längst nicht so schlimm empfunden wie die Westberliner. Und für sie ist es auch „völlig normal, dass die DDR wie andere Staaten ihre Grenzen wie andere Staaten auch „geschützt“ hat. Arbeitslosigkeit führt zu einer Verhärtung des Denkens und fördert das Beharren auf alten Positionen.

In Magdeburg erhebt sich der Dom - welch symbolträchtiges Bild - über den Trümmern der gerade gesprengten Plattenbauten. Die mächtige Gottesburg hatte Glaubenskämpfe, den Krieg und die DDR überlebt. Aber hatte auch der Glaube überlebt? In das Sinnvakuum nach dem Zusammenbruch der DDR sind nicht der christliche Glaube sondern andere Strömungen eingedrungen, von denen der Rechtsradikalismus die ganze Stadt in Misskredit gebracht hat. Dabei wurde von hier unter Otto dem Großen das Christentum einst mit dem Schwert zu den Slawen getragen, nachhaltigere Erfolge stellten sich indes erst durch das mildere Wirken der herbeigeholten Prämon­stratenser unter Leitung des hl. Norbert ein, dessen Grab die Pilger sehr verehrten. Seit dem 12. Jahrhundert war die Kunde von der Wiederent­deckung des Jakobs­grabes im nordspanischen Santiago de Compstela auch in die äußersten Winkel Osteuropas vorge­drungen. Und dann machten sich immer mehr Menschen den Weg. An den Ufern der Elbe strandeten die Jakobspilger aus dem Baltikum, Schweden, Danzig und Polen und sammelten sich neu. Ein langer Weg lag noch vor ihnen, der sie quer durch Deutschland, Frankreich und Nordspanien führen sollte. Es war ein Weg bis ans damalige Ende der Welt, voller Entbehrungen, Abenteuer und Gefahren für Leib und Leben, aber auch voller neuer Erfahrungen.

Auch ich hatte Grenzen überschritten, zuerst meine eigenen körperlichen Grenzen, dann die äußeren Grenzen meines einstmals geteilten Landes und schließlich die Grenzen meiner Vorurteile. Bisher kannte ich diesen Teil Deutschlands nur von oben aus dem Flugzeug auf der Strecke Bonn – Berlin, jetzt habe ich es von unten aus der Wanderperspektive besser kennen gelernt und dabei auch mich selbst. Von Magdeburg bis Santiago sind es rund 3400 km. Rückblickend habe etwas geschafft, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Aber wie lautet doch das biblische Gleichnis vom Senfkorn ? “Und ist euer Glaube nur so groß wie ein Senfkorn, dann könnt ihr Berge versetzen” Wir müssen ihn einfach nur zulassen, den senfkorngroßen Glauben an uns und unsere Fähigkeiten.

Walter Töpner, Wege der Jakobspilger - Magdeburger Börde, Harz, Solling, Sauerland, Rheinland (Band 1), Paulinus Verlag, Maximineracht 11c; 54295 Trier, ISBN 3-7902-1316-0, € 19,90