19 - 10 - 2017

Jakobus hat geholfen

Donnerstag, 14. Juli 2016: Santiago de Compostela

Abreisetage haben immer etwas Melancholisches an sich. Alle Tätigkeiten, die in den letzten Wochen zur Routine wur-den, führe ich an solchen Tagen zum letzten Mal aus. Ich versuche, aus dieser Situation auszubrechen und die letzten Stunden in Santiago mit Abwechslung und guten Erinnerungen zu gestalten. So stehe ich bereits früh auf, um meinen Rucksack reisefertig zu machen und im Keller der Herberge in einem Schließfach zu verstauen. Danach gehe ich gut gelaunt zur Kathedrale, um am deutschen Gottesdienst teilzunehmen.

Kleiner Pilgerweg der Barmherzigkeit

Mittwoch, 13. Juli 2016: Santiago de Compostela

Der heutige Tag beginnt richtig faul. Olli und ich wollen uns erst um 10:00 Uhr vor der Herberge treffen, da vorher in der Stadt noch nicht viel los ist. Die Zeit nutze ich zum Ausschlafen und zur Vorbereitung der Abreise. Zur verabredeten Zeit gehen wir gemeinsam zum Markt. Auf dem Weg dorthin schauen wir uns die Augustinerkirche an, anschließend schlendern wir durch die Markthallen und sind über die Vielfalt der angebotenen Waren erstaunt. Fast verbummeln wir die Zeit, denn wir wollen eigentlich am Pilgergottesdienst teilnehmen. Bevor wir die Kathedrale erreichen, werfen wir noch einen kurzen Blick in die Igexa de San Paio hinein und werden von der Schönheit der Ausstattung überwältigt.

In der Stadt des Lächelns

Dienstag, 12. Juli 2016: Santiago de Compostela

Ich frage mich wirklich, warum ich schon um 5:30 Uhr wach bin. Sagt mir meine innere Uhr tatsächlich, dass ich früh aufstehen muss, um den Bus von Muxía nach Santiago zu erreichen? Wer weiß es? Tatsache ist, dass Olli und ich unsere Schlaf- und Rucksäcke, wie immer, rücksichtsvoll gegenüber den noch schlafenden Pilgern ergreifen und einen Stock tiefer erst richtig verpacken. Es gibt da ganz andere Zeitgenossen, die gerne noch den Schlafenden mitteilen möchten, dass sie in absehbarer Zeit die Herberge verlassen werden.

Wenn dein Herz angekommen ist, bist du auch bald da

Montag, 11. Juli 2016: Von Fisterra nach Muxía

Heute wird der letzte Tag sein, an dem wir eine Etappe auf unserem Camino laufen werden. Ab 7:30 Uhr soll es Frühstück geben, doch noch ist im Empfangsbereich des Hotels niemand zu sehen, alles ist noch dunkel und verschlossen. Erst eine gute Viertelstunde später trudeln die ersten Angestellten ein und beginnen mit den Vorbereitungen. Das ist wohl die spanische Mentalität, die mit unserer auf Pünktlichkeit ausgerichteten nicht zu vergleichen ist. Trotzdem genießen wir das Frühstücksbüffet, das im Laufe der Zeit mit noch mehr Leckereien angereichert wird. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit müssen wir vieles unversucht lassen und machen uns um 8:20 Uhr auf den Weg nach Muxía.

Es gibt keine Zufälle in Fisterra

Sonntag, 10. Juli 2016: Von Cee nach Fisterra

Eigentlich sollte in der vergangenen Nacht die gleiche Band spielen wie vor zwei Tagen in Negreira. Selbst die Uhrzeiten sollten identisch sein, also wieder einmal zur Schlafenszeit. Glücklicherweise kam der Schall nicht so intensiv bis zu unserer Herberge herüber, so dass wir sehr gut geschlafen haben. Für 8:00 Uhr haben Olli und ich Frühstück bei Guzman bestellt. Die Mädels machen sich über die Reste des Abends her, während wir Toast mit Marmelade verzehren. Um 8:30 Uhr sind wir soweit fertig, dass wir uns verabschieden wollen.

Wo der Atlantik den Horizont küsst...

Samstag, 9. Juli 2016: Von Olveiroa nach Cee

Die Nacht verlief sehr ruhig, aber um 5:00 Uhr beginnen die ersten, ihre Sachen zusammenzupacken. Die meisten wollen heute bis Fisterra durchlaufen, und das sind immerhin gut 33 Kilometer. Da Olli und ich nur bis Cee pilgern wollen, drehen wir uns einfach noch einmal um. Erst gegen 7:00 Uhr beginnen wir mit den Vorbereitungen für den Tag, um 8:00 Uhr verlassen wir als letzte die Herberge. Zunächst geht es nur bergauf zu einem Höhenweg. Dort überholen wir die Behindertengruppe mit ihren Betreuern und werden freundlich gegrüßt. Links unter uns wird der Rio Xallas aufgestaut. Hinter einem Damm stürzt er mit lautem Geräusch in ein Seitental hinein. Nach einer guten Dreiviertelstunde erreichen wir die Bar und Herberge von Logoso, wo sich gerade Miriam, Jette, Fine und Emi die Rucksäcke aufschnallen und ihre Pause beenden. Wir reden noch ein wenig über unsere letzten Unterkünfte. Während wir es gut getroffen hatten, waren die Mädels wohl nicht ganz zufrieden. Zudem erfahren wir, dass die Vier heute in derselben Herberge in Cee übernachten werden wie wir.

High Noon am Monte Aro

Freitag, 8. Juli 2016: Von Negreira nach Olveiroa

Bevor ich zu den Erlebnissen des Tages komme, mache ich noch einen Rückblick auf den verbliebenen gestrigen Abend. Eigentlich wollten wir den Tag bei einem kleinen Estrella ausklingen lassen, aber es kam dann doch etwas anders. Zunächst trudelten drei Franzosen in die Herberge ein, die eigentlich „completo“ war. Da sie jedoch hinter dem Haus ihre Zelte aufschlagen und nur die Dusche nutzen wollten, war alles in bester Ordnung und keiner der übrigen Gäste hatte etwas dagegen. Kurz darauf erschienen Sibille und Leonhard aus Innsbruck, die bisher den Camino del Norte gelaufen waren. Auch sie entschlossen sich spontan, mit ihren Schlafsäcken draußen zu übernachten. Mit den beiden kamen wir in ein sehr schönes Gespräch, das durch das Eintreffen zweier weiterer Personen unterbrochen wurde.

Die letzten Betten gehören uns 2.0

Donnerstag, 7. Juli 2016: Von Sigüeiro nach Santiago de Compostela

Jetzt haben wir schon die zweite Nacht hintereinander in Bettwäsche verbracht und sehr gut geschlafen. Das Frühstück im großräumigen, ehemaligen Refektorium des Klosters ist heute inbegriffen, und das ist für spanische Verhältnisse richtig gut. Es gibt grob zerteilte Brotscheiben, Wurst, Käse, Marmelade, aber auch Tortilla, frisches Obst, Müsli - was will man mehr. Wir lassen uns viel Zeit und verlassenen erst sehr spät - nämlich um 8:45 Uhr - das Hotel.

Tränenreicher Einzug nach Santiago

Mittwoch, 6. Juli 2016: Von Sigüeiro nach Santiago de Compostela

Olli hat heute Nacht sehr unruhig geschlafen. Er wird zum ersten Mal einen Camino in Santiago beenden. Für mich ist es nach dem vergangenen Jahr und dem Caminho Português das zweite Mal. Irgendwie bin ich ruhig und gelassen, fühle mich beinahe schon routiniert. Bevor der Wecker klingelt, steht Olli auf und macht sich frisch, kocht Kaffee und bereitet das Frühstück vor. Auch ich bin dann schnell aus dem Bett, habe ein menschliches Bedürfnis. Frühstück ist im Übernachtungspreis von 15 Euro enthalten, wir müssen uns halt alles aus den in der Küche vorhandenen Lebensmitteln selbst zubereiten. Wir verspeisen ein paar Scheiben Toast mit Marmelade und überlassen schließlich die Küche Kathryn und ihrer Familie.

Übernachtung bei einem Engel des Camino Inglés

Dienstag, 5. Juli 2016: Von Hospital da Bruma nach Sigüeiro

Heute Morgen wird es sehr früh unruhig in der Herberge, vor allem im oberen Stockwerk ist schon richtig was los. Wir lassen uns bewusst Zeit, denn wir wollen bei Maria im Restaurant gegenüber ein Frühstück einnehmen. Die gleiche Idee haben aber auch noch andere, und so sitzt nun mindestens gut  die Hälfte der Herbergsbelegschaft im Gastraum vor einem gefüllten Teller. Es gibt dicke, getoastete Brotscheiben und Marmelade. Erst um 8:45 Uhr brechen wir auf, nur die spanischen Chicas lassen sich wie in den vergangenen Tagen viel Zeit und bleiben noch etwas sitzen.

Ist sie nicht wunderbar - diese Schöpfung

Montag, 4. Juli 2016: Von Betanzos nach Hospital da Bruma

Um 5:40 Uhr ist heute die Nacht zu Ende. Wir wollen früh die Herberge verlassen, um bereits einige Kilometer in der noch kühlen Morgendämmerung zu pilgern. Pünktlich um 6:30 Uhr stehen wir auf der Straße und laufen in Richtung Plaza Galicia. Es sind kaum Menschen unterwegs. Nur eine kleine Gruppe Pilger schleicht herum und sucht eine Gelegenheit zum Frühstücken. Das verschieben wir auf unbestimmte Zeit nach hinten. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, vor dem Frühstück ein bis zwei Stunden auf den Beinen zu sein. Irgendwo findet sich dann immer eine Gelegenheit.

Qui habet aures audiendi, audiat!

Sonntag, 3. Juli 2016: Von Miño nach Betanzos

Die drei kleinen Flaschen Estrella von gestern Abend haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Wir haben in unserem "Männer- Schlafsaal" sehr gut geschlafen. Kein Wunder, wir waren alleine und keine störenden Aufbruchgeräusche von anderen Pilgern waren zu vernehmen. So wird es heute deutlich nach 7:00 Uhr, als wir unseren Betten Lebewohl sagen. Wir haben keine Eile, da nur rund 11 km bis Betanzos anstehen. Olli ist heute deutlich flotter als ich mit dem Packen, doch dann wird es auch für mich allmählich Zeit, dass ich meinen Rucksack vorbereite. Da müssen nämlich heute meine Wan-derstiefel mit rein, da ich in Sandalen laufen werde. Ich habe noch einmal getestet, ob ich mit meinem Begleiter Bernd in den Stiefeln laufen kann. Es hat aber keinen Sinn, da der Druck auf die betroffene Stelle trotz Blasenpflaster zu stark ist. Das muss ich mir nicht geben. Meine Sandalen sind ja schon in den vergangenen Jahren beim Pilgern erprobt und haben sich als eine sehr gute Alternative herausgestellt.

Darf ich Bernd, meinen neuen Begleiter, vorstellen?

Samstag, 2. Juli 2016: Von Xubia nach Miño

Ich hätte nicht gedacht, dass die Nacht so ruhig verlaufen würde. So täuscht man sich in Jugendlichen. Die Gruppe hat sich sehr rücksichtsvoll verhalten, von ihrem Kochen und Zubettgehen habe ich gar nichts mitbekommen. Olli wird gegen 5:40 Uhr wach, packt sich leise seine Sachen und verlässt den Schlafsaal. Ich mache es ihm bald nach, denn ich bin ebenfalls wach. Anscheinend sind wir in solch froher Erwartung, dass wir einfach nur auf die Straße möchten. Ein älterer Pilger, der bis jetzt noch nichts mit uns gesprochen hat, sitzt im Vorraum an einem Tisch und verspeist fertig angezogen etwas Obst. Derweil machen Olli und ich uns ganz gemütlich fertig: Schlafsack zusammenrollen, Füße mit Hirschtalg verwöhnen und Zähne putzen, Rucksack packen und zum Abschluss noch einmal alles kontrollieren.

Die letzten Betten gehören uns

Freitag, 1. Juli 2016: Von Ferrol nach Xubia

Nach einer ruhigen Nacht werde ich durch das Summen meines Handys wach. Meine Frau Susanne schickt mir um 6:30 Uhr liebe Wünsche für den Tag. Da ich sowieso noch im frühmorgendlichen Trott des Dienstes bin, habe ich mit der Uhrzeit kein Problem und bereite mich ganz allmählich auf den Tag vor. Olli und ich haben uns für 7:30 Uhr verabredet, und wer abmarschbereit ist, soll sich beim anderen melden. Eine halbe Stunde später sind wir auf dem Weg zum Busbahnhof. Dort treffen wir in der Schlange vor dem Ticketschalter noch einmal das Ehepaar aus dem Saarland, das in diesem Jahr auf dem Camino del Norte pilgern und mit dem Bus zum Ausgangspunkt fahren will.