Der Tag des Abschieds...Rückkehr nicht ausgeschlossen

Samstag, 27. Juni 2015: Santiago de Compostela

Der heutige Tag ist recht kurz beschrieben. Nach einer weiteren unruhigen Nacht machen wir uns ab 8.00 Uhr abreisefertig. Eine gute Stunde später trennen sich die Wege von Jörg und mir. Er geht in Richtung Busbahnhof, von wo er mit dem Bus nach Porto fährt und von dort nach Frankfurt fliegt. Auch ich werde später vom Busbahnhof zum Flughafen Santiago fahren und zum Hahn zurückkehren, wo ich von meiner Familie erwartet werde. Wir hatten wieder einmal eine harmonische Zeit und es wird nicht unser letzter gemeinsamer Camino sein. Im kommenden Jahr planen wir, unseren bereits begonnenen Weg durch Frankreich in Vezélay fortzusetzen. Meinen Rucksack durfte ich in unserer Unterkunft belassen, den Schlüssel solle ich bei meiner endgültigen Abreise einfach in den Briefkasten werfen.

Ich begebe mich wieder ins Zentrum von Santiago, das noch wie leergefegt wirkt. Es sind noch sehr wenige Menschen auf der Straße. In den kleinen Gassen mit ihren stimmungsvollen Arkadengängen herrscht eine Stille, die man sich in der pulsierenden Stadt eigentliche gar nicht vorstellen kann. Erste Händler bauen ihre Verkaufsstände auf, die Straßencafés werden für die Gäste vorbereitet und die ersten Andenkenläden öffnen ihre Pforten. Ja, der Kommerz hat auch vor Santiago nicht Halt gemacht. Aber wir machen da ja schließlich alle mit, oder? Zuerst besorge ich mir ein paar Patches für meinen Rucksack und einige Pins. Etwas schwieriger gestaltet sich die Suche nach einer Jakobs-muschel als Zeichen der Pilgerschaft. Bisher habe ich mich stets geweigert, eine solche an meinem Rucksack anzubringen. Ich bin der Auffassung, dass erst das Erreichen von Santiago de Compostela dazu berechtigt. In einem kleinen Laden werde ich schließlich fündig. Hier finde ich eine individuell gestaltete Muschel, die von Hand in den Farben rot und schwarz koloriert und mit dem Jakobuskreuz versehen wurde. Genau so etwas habe ich gesucht, ein Uni-kat, das nicht jeder sein eigen nennen kann.

Nach einem weiteren gescheiterten Versuch im Franziskanerkloster gehe ich zu den Markthallen, wo ich mir noch einmal eine große Portion Pulpo, frisch aus dem Sud, gönne. Zurück auf der Praza treffe ich noch einmal Jürgen und Klaus, die sich inzwischen auch kennen gelernt haben. Danach schaue ich mir das sehenswerte Museum der Kathedrale, in dem man auch in sonst nicht zugängliche Bereiche in den oberen Stockwerken, unter anderem mit dem Kreuzgang, gelangt. Nach der Besichtigung gehe vor der Abreise noch einmal in die Kathedrale und habe Riesenglück. Ich erlebe noch große Teile eines Gottesdienstes mit dem Erzbischof von Santiago mit, bei dem auch der Botafumeiro geschwenkt wird. Welch schöneren Abschluss der Pilgerreise kann man sich denn nur wünschen.

Inzwischen kommt bei mir Wehmut auf. Wenn man durch die Straßen schlendert und sieht die Scharen von fröhlichen Pilgern, die gerade erst ihr Ziel erreichen, wirst du auf einmal ganz klein und unbedeutend. Du weißt, es ist vorbei, du bist am Ziel.

Doch wie sagte Jürgen eben zum Abschied: "Du wirst sehen, es ist nicht das letzte Mal. Du kommst wieder."

Ich bin überzeugt, dass er richtig liegt. Irgendetwas von dir bleibt auf der Praza da Obradoiro zurück.

Und irgendwann musst du wieder nach Santiago, es zu suchen und wieder mitzunehmen.