Wir sind dann mal angekommen

Donnerstag, 25. Juni 2015: Von Padrón nach Santiago de Compostela (24 km)

Anscheinend wurden bei unserem San-Juan-Ritual doch nicht alle bösen Geister vertrieben - und die übrigen befanden sich wohl ausnahmslos heute Nacht in unserem Schlafsaal. Gut, bei 46 belegten Betten kommt es schon einmal vor, dass ein paar Schnarcher dabei sind, aber so viele auf einmal, grenzt schon fast an Bestrafung. Und zur Krönung des Ganzen lag der Chef der bösen Geister auch noch unmittelbar hinter uns. Mir hat dieses Sägewerk im Dauerbetrieb eine schlaflose Nacht bereitet. Hin und wieder bin ich mal eingenickt, um jedoch schon bald festzustellen, dass es heute keinen großen Sinn macht, den benötigten und wohlverdienten Schlaf zu bekommen.

Ab 5.00 Uhr beginnen die ersten nervösen Pilger mit ihren Vorbereitungen für den Aufbruch - und das erneut sehr rücksichtslos. Da ich nicht mehr zur Ruhe komme, stehe ich halt um 5.30 Uhr auf, ziehe mich an und entschließe mich zur Wallfahrt zum Santiagiño do Monte - dem „Jaköbchen am Berge“. An einer Stelle oberhalb des Karmeliterinnen-Konvents soll Jakobus seine erste Predigt auf spanischem Boden gehalten haben. Dazu wende ich mich noch bei Dunkelheit am Brunnen Fuente del Carmen nach links bis zum Beginn einer flachen, mit quaderförmigen Steinen belegten Treppe. Zwei Säulen auf beiden Seiten, verziert mit Jakobsmuschel und -kreuz, weisen den Weg. Der untere Teil der Treppe ist noch beleuchtet, etwa in der Mitte bin ich auf das spärliche Licht eines kaum sichtbaren Mondes und meiner Taschenlampe angewiesen. Die Treppe führt 114 Stufen überwiegend an der Mauer des Konvents entlang und endet an einer Straße, die sich weiter aufwärts bis zu einem Friedhof schlängelt. Hier bin ich definitiv falsch und kehr um. Kurz vor der Treppe entdecke ich rechts von mir schemenhaft ein Gebäude. Es handelt sich um eine kleine Kirche, die um diese Uhrzeit natürlich verschlossen ist. Nur wenige Schritte dahinter stoße ich auf das Objekt der frühmorgendlichen Begierde. Es handelt sich bei dem Denkmal um einen Felsbrocken, versehen mit einem Steinkreuz und einer Jakobus-Statue. Ich verweile hier ein wenig und sammele mich für das letzte Teilstück nach Santiago. Nach einem Gebet und einem Blick auf die Uhr mache ich mich auf den Rückweg zur Herberge.

Dort angekommen sind die meisten Betten bereits verlassen, nur der Superschnarcher dreht sich gerade noch einmal um, verbunden mit einem besonders lauten Geräusch. Ich wecke Jörg und bringe meinen Rucksack nach unten in die Küche, um ihn fertig zu packen. Dort sind andere Pilger gerade dabei, eine Kleinigkeit zu essen oder ebenfalls letzte Handgriffe vor dem Abmarsch zu tätigen. Heute werde ich in Sandalen pilgern, da ich mir gestern wahrscheinlich in der letzten halben Stunde ein wenig die Hacken aufgescheuert habe. Ich hätte die Socken zwischendurch einmal ausziehen sollen und trocknen lassen, so wie wir es die Tage zuvor auch gemacht hatten. Man sollte halt nie von seinen Gewohnheiten abweichen. Kurz darauf kommt auch Jörg in die Küche und packt sein Bündel fertig. Wir unterhalten uns ein wenig mit Carolina aus Virginia sowie unseren italienisch-spanischen Pilgerfreunden, die wir heute unterwegs noch öfters sehen sollten. Von der Herberge laufen wir zur Brücke über das Flüsschen Sar, wo am Ufer der Legende nach das Boot mit dem Leichnam von Jakobus gelandet sein soll. Hinter der Jakobus-Kirche kehren wir in der Cafetería Don Pepe II, um wenigstens eine Kleinigkeit zu uns zu nehmen. Es wird dann ein Café con leche und ein Stück Tarta de Santiago. Das Café ist zugepflastert mit tausenden Erinnerungen und Artefakten vom Camino von eingekehrten Gästen aus aller Welt. Meine Visitenkarte hängt nun auch an einer Wand. Zum Abschied gibt es noch eine herzliche Umarmung.

Dann geht es richtig los, zunächst an der Landstraße, dann kreuz und quer durch schmale Gassen kleiner Dörfer. Einmal endet der Weg vor uns, sodass wir einfach die zwischen der offensichtlichen Fortführung des Weges und uns liegende Bahnlinie überqueren. Wir müssen wohl eben irgendwo einen Abzweig verpasst haben. Momentan ist es frisch und der Nebel hängt tief, kleine Tröpfchen setzen sich auf meiner Brille fest. Nach rund 10 Kilometern würden wir gerne noch etwas Richtiges frühstücken, doch im Restaurant A Milagrosa in Picaraña sind die Eier ausgegangen, sodass die Zubereitung eines Omelettes nicht möglich ist. Wir begnügen uns mit einem Cafe con leche und gehen einfach weiter. Irgendwo werden wir sicherlich feste Nahrung bekommen. Nur 200 Meter weiter bekommen wir in der Bar Dominga Rodríguez Priegue ein Bocadillo mit Seranoschinken. Auch unser internationales Pärchen lässt sich hier ein Bocadillo schmecken. Nach der zusätzlichen Pause wird es nun aber Zeit, dass wir weiter kommen. Der schmale Rand einer stark befahrenen Landstraße ist für ein paar hundert Meter unser Begleiter, dann geht es links ab nach Teo. Noch knapp 13 Kilometer sind wir auf Pilgerschaft. Innerlich stimmt mich das ein wenig traurig, dass die Zeit bald unserer Reise herum zu sein scheint. Wir laufen jetzt abwechselnd durch naturbelassene Abschnitte und urbane Gebiete, treffen noch einmal Carolina, die es sich am Wegrand bequem gemacht hat. Am Ende eines ansteigenden Waldweges erwartet uns hinter einem Sägewerk die "mobile" Bar Descanso do Peregrino. Hier gibt es Getränke, kleine Snacks und frisches Obst, wovon wir gerne zugreifen. Obwohl wir nicht mehr allzu weit von Santiago entfernt sind, ist die Anzahl der Pilger auf dem Caminho Português immer noch recht überschaubar. Der Weg ist hier nicht überlaufen. Die innere Unruhe in mir nimmt immer mehr zu. Ich kann es kaum noch erwarten, endlich anzukommen.

Wir werden von einer älteren Läuferin überholt, die auf Höhe eines Umspannwerkes umdreht und uns wieder entgegen kommt. Hinter dem Umspannwerk genießen wir erstmals einen direkten Blick auf Santiago, auch die Türme der Kathedrale scheinen durch den immer höher steigenden und schließlich sich auflösenden Nebel hindurch sichtbar zu sein. Ich könnte jetzt auch loslaufen, Santiago scheint zum Greifen nahe. Der Himmel klart weiter auf und die Sonne wird unseren Einmarsch in die Jakobusstadt hoffentlich in einem guten Licht erstrahlen lassen. Es geht nun über einen holprigen Weg abwärts. Nach ein paar Biegungen sitzt am Rande eine mittelalte Frau zusammengekauert und sieht sehr enttäuscht aus. Ihr laufen Tränen aus den Augen, während sie sich an eine Begleiterin anlehnt. Sie hat sich bei einem Sturz den linken Arm gebrochen und ist nicht mehr in der Lage, eigenständig die verbleibenden vier Kilometer zu laufen. Wir fragen, ob wir etwas tun können, doch ihre Begleiterin versichert uns, dass Hilfe bereits unterwegs sei und wir doch unseren Weg fortsetzen sollen. Unten angekommen überqueren wir eine Bahnlinie. Dabei kommen mir Bilder von dem schrecklichen Eisenbahnunglück am Jakobustag 2013 in Erinnerung, bei dem über 70 Menschen, darunter viele Pilger, ums Leben gekommen sind. Ein letzter Anstieg zu einem Krankenhaus fordert uns noch einmal. Ich versinke immer tiefer in meine Gedankenwelt und erste Tränen kullern aus den Augen. Der folgende Wegabschnitt enttäuscht mich völlig, er ist ganz und gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Wir gehen durch die laute, stinkende und sich langsam fortbewegende Avenida de Xoán Carlos I. in Richtung Zentrum. Auf den Fußwegen schieben sich Menschenmassen in beide Richtungen, sodass es uns zum Teil schwer fällt, vorwärts zu kommen. Ich hatte mir eigentlich einen total romantischen Einmarsch in die Stadt gewünscht. Nun erlebe ich hier das pulsierende Leben einer Großstadt, wie ich es die vergangenen zwei Wochen nicht hatte. Es ist ein totaler Kontrast zu der stimmungsvollen Natur, dem Meer, den kleinen Dörfern.

Erst als wir an den Rand der Altstadt gelangen, brodelt es wieder in mir. Auch hier pulsiert das Leben, aber es ist anders  als eben. Hier begegnen dir Pilger mit fröhlichen Gesichtern, die sich freuen, Santiago de Compostela erreicht zu haben. Jörg und ich ziehen durch die belebte Straße, die rechts und links mit Andenkenläden und Restaurants bestückt ist. Unser gemeinsamer Weg in diesem Jahr endet schließlich nach 254 Kilometern auf der Praza do Obradoiro vor der Kathedrale. In diesem Moment fällt so ziemlich alles von mir ab und ich fühle mich leicht wie eine Feder. Ein unglaubliches Glücksgefühl durchflutet mich und ich erlebe einen Adrenalinstoß nach dem anderen. Ich muss mich auf den Boden setzen, mit Blickrichtung zur Kathedrale, die leider hälftig mit Gerüsten versehen ist. Ich lasse mich einfach fallen und schaue nach oben, wo Jakobus auf mich herabschaut. Ich bin in diesem Augenblick nur dankbar. Meiner Familie, die mich ziehen gelassen hat, meinem Pilgerfreund Jörg, dass er wieder einmal mit mir losgezogen ist und mich ein Stück Weges begleitet und behütet hat. Ich bin all denen dankbar allen, die mich bei allen Camino-Aktivitäten unterstützt haben. Wir liegen uns in den Armen und sind beide dankbar dafür, dass wir gesund und ohne Blessuren in Santiago angekommen sind, dass wir wunder-schöne Tage miteinander verbracht haben.

Während ich noch nicht so richtig meine Gedanken sammeln kann, zieht mich Jörg von der Kathedrale weg. Wir benötigen noch eine Unterkunft für die beiden nächsten Nächte. Jörg hat sich in den Kopf gesetzt, genau dort nachzufragen, wo er bereits vor drei Jahren ein Zimmer bekommen hatte. Er kann sich jedoch nur noch vage an die Gegend und das Haus erinnern und lässt seinem Gespür freien Lauf. In der Rúa de Entremuros klingelt er an dem vermeintlichen Haus und fragt über die Sprechanlage nach einem Zimmer, erntet allerdings nur ein schroffes „no“. Das war dann wohl die falsche Türe! Wir gehen ein paar Schritte weiter und treffen eine Frau, die Jörg anspricht. Und das ist ein Volltreffer. Sie spricht ein wenig Englisch und ist tatsächlich die Tochter der alten Dame, die Jörg vor drei Jahren auf der Praza do Obradoiro ein Zimmer angeboten hatte. Wir bekommen ein mittelgroßes Doppelzimmer und treffen nur wenig später die alte Dame, die einen sehr herzlichen Eindruck macht. Wir werden sie in der Stadt noch öfter wiedersehen, wenn sie ankommenden Pilgern ihre Zimmer anbietet. Nachdem wir unsere Unterkunft bezogen und uns frisch gemacht haben, steht noch einiges an Administration auf unserem Tagesplan. Zunächst machen wir uns auf die Suche nach dem Busbahnhof, den wir unter anderem auch mit Hilfe eines sehr gut deutsch sprechenden Touristenführers gut finden. Dort will sich Jörg sein Busticket für die Rückfahrt nach Porto kaufen. Er fliegt übermorgen von Porto wieder zurück nach Frankfurt. Der entsprechende Schalter öffnet aber erst in einer guten halben Stunde. Auf dem Rückweg in die Stadt begleiten wir eine ältere Pilgerin aus Schweden, die uns von ihren Erlebnissen berichtet.

Dann wollen wir im Pilgerbüro unsere Compostela abholen. Die Wartezeit von einer guten Stunde überbrücken wir mit Gesprächen. So lernen wir Ulrike aus der Nähe von Heidelberg kennen, die wie wir in Porto gestartet ist. Schließlich sind auch wir an der Reihe und legen unsere Credenciales vor. Der letzte Stempel unserer Reise findet seinen Weg durch die Hand der freundlichen Mitarbeiterin des Pilgerbüros. Ich beantworte bereitwillig ihre Fragen und trage mich in eine Liste ein. Jörg steht am Schalter direkt neben mir und erfährt die gleiche respektvolle Behandlung. Prompt bekommen wir die Pilgerurkunde ausgestellt, dazu kaufen wir zur Verhinderung von Transportschäden die obligatorische Papprolle. Nach wenigen Minuten machen wir Platz für die nächsten Pilger. Die Schlange ist nicht deutlich kleiner geworden, im Gegenteil, eher länger. Während sich Jörg danach in unserem Zimmer etwas ausruht, schreibe ich meinen Tagesbericht. Da die Bar, in der ich sitze, gleich schließt, beende ich die Schreiberei. Da es bis zur vereinbarten Treffzeit mit Jörg noch dauert, schon einmal voller Erwartung in die Kathedrale und habe das Glück, schon einmal die traditionelle Umarmung des Jakobus am Hochaltar zu vollziehen und in der Krypta am Sarkophag ein Dankgebet zu sprechen. Ich bin begeistert von der Kathedrale, die so mächtig aussieht, jedoch voller Prunk etwas überladen wirkt. Wenn man sich aber in die Gedanken der Erbauer versetzt, ist das wohl doch eher ein Ausdruck der Ehrerbietung an Gottes und Jakobus „Adresse“.

Da die Zeit nun doch fortgeschritten ist, mach ich mich zu unserem Treffpunkt. Wir werden heute in „dem“ Pilgerrestaurant überhaupt speisen, der Casa Manolo. Das Pilgermenü ist schmackhaft, das Restaurant macht auf mich jedoch den Eindruck einer Massenabfertigung, obwohl die meisten Tische noch unbesetzt sind. Jörg bestätigt mir diesen Eindruck. Es muss wohl vor drei Jahren noch etwas persönlicher gewesen sein. Zum Abschluss des emotionalen Tages bestellen wir in unserer Bar an der Ecke noch ein Bier und wollen dann zu Bett gehen. Doch daraus wird so schnell nichts. Ganz in der Nähe scheint ein Konzert stattzufinden. Wir machen uns auf die Suche und finden unmittelbar an der Praza Porta Camiño eine Bühne, auf der gerade die galizische Formation Leña Verde mit traditionellen aber auch modernen Weisen das versammelte Volk mit ihrer Darbietung fasziniert. Auch Jörg und ich sind begeistert und bleiben bis zum Ende des Auftrittes. Zwischendurch gönnen wir uns noch eine Chorizo vom Grill, ganz lecker. Gegen Mitternacht liegen wir dann endlich im Bett.