Jörg und Wolfgang - an der Zimmerdecke für die Ewigkeit

Mittwoch, 24. Juni 2015: Von Portela nach Padrón (30 km)

Die Nacht verlief wiederum sehr ruhig und Jörg und ich schlafen bis kurz vor sechs. Um uns herum ist schon rege Bewegung zu Gange, jedoch ohne großartige Störung derer, die noch in ihren Schlafsäcken schlummern. Ich packe auch meine am gestrigen Abend zurechtgestellten Bündel und begebe mich in den Garten. Auf einer kleinen Holzbank lege ich mein Gepäck ab und lasse mich nieder. So richtig wach bin ich eigentlich noch nicht, daher sitze ich einfach nur so auf der Bank und schau in den grauen, wolkenverhangenen Himmel. Es ist ruhig hier draußen, nur ein paar Vögel tragen mir ihr Lied zum Beginn eines neuen Pilgertages vor. Gedankenverloren lasse ich meine Sachen auf der Bank liegen und gehe um die Herberge herum zur Straße. Auf der linken Seite befinden sich der Friedhof und die Kirche. Wie gerne würde ich mich jetzt in das schützende Gemäuer begeben und ein wenig die besondere Atmosphäre aufsaugen, die alte Kirchen in sich bergen.

Die ersten Pilger machen sich auf den Weg. Das ist für mich das Zeichen, auch meinen Rucksack zu packen und mich auf den Abmarsch vorzubereiten. Durch ein Fenster erkenne ich, dass Jörg inzwischen auch auf den Beinen ist. In der Küche versammeln sich einige, um sich dort einen Kaffee aufzubrühen. Gegen 7.30 Uhr verlassen wir die Herberge und machen uns auf den Weg. Eine gute Stunde später stellen wir fest, dass wir heute schnell unterwegs sind. Das Wetter ist genauso trüb und bewölkt wie gestern. Unter üppig mit Trauben behangenen Weinlauben begegnet uns ein Radpilger, der wohl auf dem Rückweg von Santiago zu sein scheint. An der folgenden Hauptstraße entdecken wir erstmals ein Schild mit einer Entfernungsangabe nach Santiago: 40 km. Das ist allerdings die Entfernung auf der Straße. Wir laufen weiter durch Weinlauben parallel zu der Landstraße und passieren in der Nähe von Briallos den für uns relevanten 50-km-Stein. Kurz darauf treffen wir in Tivo ein und beschließen, in der noch neuwertig aussehenden Albergue Catro Canos ein kleines Frühstück einzunehmen. Wir bestellen uns ein Bacadillo mit Käse und Seranoschinken, das hervorragend schmeckt. Hier rasten übrigens auch die beiden zwei Spanier aus Portela, die wir heute noch öfter überholen werden. Als wir beide aufbrechen wollen, kommen gerade unsere Pilgerfreunde aus Kanada und den USA an, um hier ebenfalls zu pausieren. Sie gehen zielstrebig in den angrenzenden Garten, in dem einige Sitzgelegenheiten zum Verweilen einladen. Wir verabschieden uns heute bereits zum zweiten Mal von ihnen.

Nur zwei Kilometer weiter sind wir schon in Caldas de Reyes, wo wir uns von einer Schwedin auf der Römerbrücke ablichten lassen. Direkt dahinter befindet sich die von Palmen umringte Igreja Santo Tomas, die unser Interesse weckt, sodass wir einen Blick hinein werfen. Sie macht einen einfachen, nicht überfrachteten Eindruck und wir finden eine Statue des Heiligen Rochus in "Pilgerkluft" darin. Von einer Dame, die aus der Sakristei auf uns zukommt, werden wir gefragt, ob wir einen Stempel haben möchten. Wir geben ihr gerne unsere Pilgerausweise mit. Ich bin tief beeindruckt von ihrem Respekt uns Pilgern gegenüber, den sie uns sichtbar in Form einer Verbeugung entgegenbringt. An einer Kapelle und einem Brunnen vorbei verlassen wir den Ort. Der weitere Camino führt uns über Feldwege und eine wunderschöne Naturlandschaft. Überall werden Wein, Mais und Kohl angebaut, als Begrenzungen werden Granitpfeiler aus den umliegenden Steinbrüchen genutzt. Unsere nächste Pause machen wir in einer Bar in O Cruceiro, wo wir etwas trinken und die Wasservorräte auffüllen. In einem Nebenraum sind die Wände mit den Unterschriften unzähliger Pilger aus der ganzen Welt versehen. Da sonst kaum noch Platz ist, werden wir von der Besitzerin aufgefordert, auch die Decke zu nutzen. Ich bin zu klein dafür, daher übernimmt Jörg diese Aufgabe und schreibt unsere Namen, hoffentlich für die Ewigkeit, an die Decke.

Nur wenige Schritte weiter gehen wir an der kleinen Kirche Santa Mariña de Carracedo  vorbei. Diese wird gerade gereinigt und so haben wir die Möglichkeit, die sonst verschlossene Kirche anzusehen. Auch hier gibt es eine Rochusdarstellung. Im weiteren Verlauf pilgern wir durch ein bewaldetes, grünes  Tal an einem Bach entlang - ein wunderschöner Weg. Hier ist nur das leise Rauschen des Baches und der Blätter im leichten Wind zu hören. Am Rande des Caminos sind jetzt häufiger Jakobusdarstellungen zu entdecken. Dabei lassen sich viele Anwohner einiges einfallen, um ihre Häuser und Grundstücke zu verschönern und die vorbei ziehenden Pilger zu erfreuen. Wir treffen auf kleine und große Jakobusstatuen oder geschmückte Wegekreuze. Wir durchqueren Cortiñas und streifen Casalderrique, folgen der Überführung über die Autobahn und erreichen O Pino, wo wir in der Bar Los Camineros für eine Erfrischung einkehren und eine kleine Pause einlegen. Wir ziehen Schuhe und Socken aus und prüfen unsere Füße, können aber keine Druckstellen erkennen. Darüber sind wir sehr erfreut, denn auf die Fußpflege legen wir morgens und abends sehr großen Wert. Sowohl Jörg als auch ich sind schmieren regelmäßig Hirschtalg auf die stark strapazierten Gehwerkzeuge. Damit sind wir in den letzten Jahren immer sehr gut gefahren. Manchmal hatten wir zwar kleinere Problemchen, aber aus den damals gemachten Fehlern haben wir unsere Lehren gezogen.

Gerade bewegen wir uns an einer kleinen, grauen Kirche mit einem angrenzenden Friedhof vorbei. Dieser besteht aus mehreren Doppelreihen, in denen schubladenartig Begräbnisnischen vorhanden sind. In diesen Nischen werden die Särge abgelegt und mit einer Gedenktafel versehen. Das ist eine platzsparende und stilvolle Variante. Heute laufen Jörg und ich längere Passagen schweigend nebeneinander her. Nein, es ist nicht so, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten. Ich denke, dass sich allmählich eine gewisse Anspannung aufbaut, das Ziel Santiago zu erreichen. Nach einer etwas langatmigen Passage ab Pontecesures erreichen wir in Padrón neben dem kleinen Flüsschen Sar eine breite Baumallee und laufen auf die Jakobskirche zu. Davor geht es nach links über eine Brücke und danach hinter dem Brunnen Fuente del Carmen einige mit groben Steinplatten versehene Stufen hoch zur öffentlichen Herberge, die sich unterhalb eines nicht zugänglichen Karmeliterinnen-Konvents befindet. Von dem Vorplatz des Klosters hat man einen schönen Ausblick auf Padrón. Es ist jetzt 15.15 Uhr und wir erhalten an der Rezeption die Nummern 38 und 39, zwei Pilgerstempel und den Einmalbezug. Die einfache Herberge verfügt über 46 Plätze in Doppelstockbetten, die in einem großen Schlafsaal im Obergeschoß in Zweierreihen angeordnet sind. Am Rande der Betten ist gerade noch genug Platz für die Rucksäcke und eine schmale Gasse zum Vorbeigehen. Die Auswahl an freien Betten ist bereits sehr beschränkt, doch wir finden doch noch die beiden letzten freien und nebeneinander liegenden Betten, die wir sofort in Beschlag nehmen. Viele Pilger liegen erschöpft in ihren Betten und schlummern vor sich hin. Bekannte Gesichter können wir noch keine entdecken. Wenig später trifft noch das italienisch-spanische Pärchen ein, die wir heute auch unterwegs mehrfach getroffen haben. Die beiden bekommen die letzten freien Betten.

Bis auch wir uns ein wenig ausstrecken können, haben wir noch einiges zu tun. Im Erdgeschoß befinden sich ein großer Aufenthaltsraum, die wenigen Duschen und Sanitäranlagen. Das Verhältnis zu den Übernachtungsgästen ist zwar nicht ganz passend, aber es scheint niemanden zu stören, wenn man etwas warten muss. Nach der Körperpflege ist Waschen angesagt. In einem kleinen Hof befinden sich zwei Waschplätze, an denen wir unsere verschwitzte Kleidung mit Seife und Flüssigwaschmittel bearbeiten. Zum Glück hat Jörg Wäscheleine dabei, sonst hätten wir jetzt ein Problem. An sämtlichen Haken der Umgebungsmauer sind Leinen befestigt, die keinen weiteren Platz für nasse Wäsche bieten. Im hintersten Eck finden wir einen kleinen Baum, der jetzt für unsere Leine herhalten muss. Zusammen mit zwei Haken an der Hauswand haben wir rasch unseren Wäschetrockner gebaut, der alle Teile aufnehmen kann. Und das Beste ist, dass die Sonne dieses Fleckchen des Hofes noch mit ihrer ganzen Kraft bescheint. Anschließend richten wir unsere Ausrüstung her und bereiten unser Nachtlager vor. Da die Zeit schon recht fortgeschritten ist, wollen wir uns ein Restaurant für das Abendessen suchen. Nachdem wir zwei Runden durch die schmalen Gassen von Padrón gedreht haben, entscheiden wir uns für das H2O, wo wir ein preiswertes und reichhaltiges Pilgermenü bekommen.

Ein kurzer Verdauungsspaziergang in der Abenddämmerung beendet unsere Aktivitäten für den heutigen Tag. Wieder zurück in der Herberge sammeln wir unsere trockene Wäsche ein, verpacken diese und machen uns fertig für die Nacht. Um uns herum ist es schon sehr ruhig geworden, es wird mit Rücksicht auf die bereits Ruhenden nur noch geflüstert. Wir - und ganz besonders ich - sind schon sehr gespannt auf den morgigen Tag. Es sind jetzt nur noch 24 Kilometer, bis ich zum ersten Mal in Santiago sein werde.