Keine Austern - aber gegrillter Fisch bei Sergio

Dienstag, 23. Juni 2015: Von Cesantes nach Portela (27 km)

Gestern Abend haben wir noch Markus aus Eslarn in der Oberpfalz kennengelernt. Er ist Anfang Mai von Sevilla die Via de la Plata nach Astorga gepilgert. Von dort ist er nach Porto gefahren und weiter gelaufen. Es waren spannende Gespräche über seinen Camino, das Leben und überhaupt. Markus hatte sehr viel zu erzählen, auch ziemlich persönliche Angelegenheiten. Bei einem guten Glas Wein haben wir auf der Terrasse von Maries Wohnhaus den Abend zu Dritt ausklingen lassen. Die Nacht habe ich sehr gut geschlafen, das Bett war klasse.

Erst sehr spät wachen Jörg und ich auf, eigentlich wollten wir schon deutlich früher los. So lassen wir uns halt Zeit, nehmen ein kleines Frühstück ein - gemeinsam mit Markus und einem jungen französischen Paar. Um 7.45 Uhr müssen wir uns dann  von Marie verabschieden. Wir wünschen ihr alles Gute für ihre Herberge und Pläne, drücken sie noch einmal ganz herzlich. Das Wetter ist heute fast so wie gestern: dichte Wolken, grau und frisch - aber zum Pilgern noch sehr angenehm. Schon nach wenigen Schritten sind wir wieder auf dem markierten Weg und passieren eine Balkenkonstruktion, an der Querschnüre mit unzähligen Jakobsmuscheln befestigt sind. Die Muschelschalen sind von Pilgern aus der ganzen Welt beschriftet und sollen hin und wieder erneuert werden, damit auch andere Pilger die Möglichkeit haben, sich zu verewigen. Es geht nun im Wechsel auf- und abwärts nach Arcade, wo es die weltbesten Austern geben soll. Leider finden wir zu der frühen Morgenstunde keine Möglichkeit, diese Delikatesse zu kosten. Sämtliche Restaurants sind noch geschlossen, und zum Frühstück sind Austern mit ihrem meerestypischen Geschmack sicherlich nicht die beste Wahl.

An einem Baum hängt der erste Hinweis auf unsere Unterkunft in Portela. Auf einer Anhöhe bietet sich ein toller Blick auf die Enseada de San Simón. Über eine historische Brücke erreichen wir Ponte Sampaio, immer noch auf der Römerstraße XIX. Auf der anderen Seite der Brücke befindet sich ein großer Hórreo, der auf dem Titel unseres Führers abgebildet ist - allerdings spiegelverkehrt und mit neuen Dachpfannen versehen). Wir machen eine kleine Pause und erstellen eine Kopie des Titelbildes mit uns beiden davor. Wir laufen weiter durch schmalste Gässchen und verlassen die Ortschaft schließlich in ein naturbelassenes Gebiet. Es folgt nun ein etwas stärkerer Anstieg über römische Pflastersteine, die so angeordnet sind, dass man bei jedem Schritt aufpassen muss, wo man seinen Fuß hinsetzt. Der unwegsame Abschnitt endet an einer kaum befahrenen Straße, von der wir in ein Waldstück abbiegen. Auf der Höhe treffen wir auf einen jungen Mann, der Getränke verkauft, aber auch mit Tipps zum Wegeverlauf aufwartet. Zunächst geht es weiter durch den Wald - vornehmlich Eukalyptusbäume. Hinter einer Wegbiegung befindet sich eine Sitzbank, auf der sich unsere österreichischen Freunde genüsslich eine Zigarettenpause gönnen. Es ist schön, sie wieder treffen.

Kurz darauf gibt es in einer kleinen Kapelle einen Stempel und damit verbunden einen ersten Pilgerstau. So viele Pilger wie hier haben wir bisher - mit Ausnahme in den Herbergen - noch nicht auf einem Flecken getroffen. Es dauert eine Weile, bis auch Jörg und ich an den Stempel rankommen, sodass wir den Aufenthalt zu einer kurzen Trinkpause nutzen. Im weiteren Verlauf des Camino finden wir am Wegesrand immer häufiger Hinweise und Darstellungen mit Bezug auf den Camino. Das können Jakobusstatuen oder Muscheln sein, einmal sogar der Jakobusschrein. Wir nähern uns Pontevedra und überholen wieder einmal einige Pilger, von denen einige deutlich erkennbar durch ein kleines Fähnchen am Rucksack als Brasilianer erkennbar sind. Die meisten bleiben wohl in der Pilgerherberge von Pontevedra. Wir beide haben unser Tagesziel noch nicht erreicht und laufen weiter durch eine belebte Stadt. Diese macht auf uns zunächst einen unschönen Eindruck - überall hoch aufragende Häuserschluchten. Erst rund um die Capela da Virxe Peregrina de Pontevedra - einer Kirche mit dem Grundriss einer Muschel - erkennt man Züge der Altstadt. Nachdem wir die Kirche besichtigt und uns im Eingangsbereich einen Stempel abgeholt haben, ziehen wir weiter durch die Stadt in der Hoffnung, jetzt zur Mittagszeit eine Portion Meeresfrüchte zu ergattern. Wir gelangen an die imponierende Brücke über den Río Lérez  mit ihren neun Bögen und daran angebrachten Muschelverzierungen. Da wir kein Fischrestaurant finden, entscheiden wir uns praktisch kurz vor Verlassen von Pontevedra in einer Bar eine Portion Tortilla, Calamares und Patatas zu essen.

Vor uns liegen noch rund neun Kilometer bis zur Herberge von Portela, die überwiegend auf Waldwegen absolviert werden müssen. In einer kleinen Ortschaft sind wir sehr erfreut über einen Getränkeautomat, den eine Familie in ihrer Garage zur Verfügung stellt. Etwas später überholen wir an einer Bar auf eine Gruppe älterer Pilger und genau hier öffnet der schon den ganzen Tag graue Himmel ein wenig seine Schleusen. Die Straße führt leicht abwärts bis zu einer Kirche mit Friedhof. Unmittelbar dahinter befindet sich die kleine, mit blauen Fensterläden und Türen versehene Pilgerherberge, wo wir gegen 14.30 Uhr eintreffen. Wir sind bis auf eine in Spanien lebende Schwedin, die auf drei Kanadier und einen Amerikaner wartet, die ersten. Das muss die Gruppe gewesen sein, die wir eben noch überholt haben. Hospitalero Sergio, der im Rollstuhl sitzt, war selbst schon zweimal mit seinem Gefährt auf dem Camino unterwegs. Kurz danach kommen auch die Erwarteten. Der kleine Schlafraum ist mit sechzehn Betten ausgestattet. Noch haben wir die Auswahl und entscheiden uns für zwei Betten in der Nähe des Fensters. In einem Nebengebäude, einer alten Schule, können noch weitere Pilger auf Matratzen untergebracht werden.

Nach dem Duschen und Wäsche waschen helfen Joan aus Kanada, Jörg und ich Sergio in der Küche beim Kochen: Salat waschen, Zwiebeln schneiden, Tomaten würfeln. Wir haben viel Spaß dabei und führen eine nette Unterhaltung. Während er uns liebevoll Anweisungen über die Art und Weise der Bearbeitung der Zutaten oder deren optimale Größe erteilt, bereitet Sergio einige Fische vor, die später auf dem Grill landen sollen. Zur Belohnung gibt es Rotwein für alle, der die Redseligkeit aller in der Küche befindlichen Personen deutlich steigert. Später treffen noch zwei weitere Amerikaner, zwei junge Spanier, ein spanisch-italienisches Pärchen, das uns schon in Portela de Tamel begegnet ist, sowie drei Frauen aus dem Raum München ein. Zur Freude aller reißen vor dem gemeinsamen Mahl auch noch die Wolken auf und die Sonne lacht uns erstmals seit zwei Tagen wieder an.

Unsere Vorbereitungen auf das Abendessen haben sich gelohnt. Was Sergio daraus gezaubert hat, ist schon Klasse. Mit Unterstützung - ich vermute, es ist sein Sohn - wird der Grill angeworfen und mit den Resten von Maiskolben befeuert. Kurz darauf liegen Sardinen und weitere Fische drauf. Dann wird das Signal gegeben, sich draußen an der langen Tafel zu sammeln. Zuvor wird aber noch ein Gebet für alle am Vortag in der Herberge anwesenden Pilger gesprochen, diese werden auch mit ihrem Namen aufgerufen. Dann machen wir uns mit großem Hunger über den Fisch, Spaghetti mit Tomatensauce, russischen Salat, Gemüsepaella und gemischtem Salat her. Es bleiben zwar einige Reste, aber es hatte für alle gereicht. Anschließend wird gemeinsam aufgeräumt und gespült. Besonderes Geschick zeigt dabei einer der Spanier, des sich sofort das Spülbecken in Beschlag genommen und sich nicht davon vertreiben lässt. Als wir fertig sind, sehen seine Hände weiß und aufgeweicht aus.

Während wir aufräumen, befüllt Sergios Sohn eine feuerfeste Schale mit einer hochprozentigen Flüssigkeit und gibt Zitronenschalen, Zucker und Kaffeebohnen dazu. Schließlich ruft er alle Pilger in die Küche, löscht das Licht und entzündet die Schale. Heute ist in Spanien Feiertag, San Juan (Johannistag). Wir werden nun Zeuge eines Rituals, das an diesem Tag Tradition hat. Zu keltischer Musik spricht er eine magische Formel, mit der alles Böse zur Sommersonnenwende vertrieben werden soll. Dabei schöpft er immer wieder mit einer Kelle die brennende Flüssigkeit ab und lässt sie wieder in die Schale fließen. Der Text wird dann noch Pilgern auf Deutsch, Englisch und Italienisch vorgelesen. Zu guter Letzt dürfen wir den guten, inzwischen stark eingedampften, zu uns nehmen. Nach einem Foto der Pilgergruppe verabschieden wir gemeinsam Sergio und seine Familie mit herzlichem Dank und Applaus für diesen schönen Abend. Einige von uns sitzen noch eine Weile im Garten der Herberge bei einem Bier oder Rotwein und lassen den erlebnisreichen Tag ausklingen.