Am Atlantik entlang nach Lavra

Dienstag, 16. Juni 2015: Von Porto nach Lavra (23 km)

Es wurde gestern fast Mitternacht, bis wir unser Hotel erreichten. Daher lassen wir es heute etwas ruhiger angehen und stehen erst gegen 8.00 Uhr auf und machen uns für das Frühstück fertig, das im zweiten Stock serviert wird und für den Preis von vier Euro sehr üppig ausfällt. Anschließend besorgen wir uns im nahe gelegenen Supermarkt Riegel, Wasser und Äpfel, checken im Hotel aus und legen endlich los. Inzwischen ist es schon kurz nach 10.00 Uhr - eigentlich eine unmögliche Zeit für Pilger. Viele haben da schon bei angenehmen Temperaturen etliche Kilometer hinter sich gebracht. Über uns erstrahlt der wolkenlose Himmel in einem klaren Blau und die Sonne sorgt bereits für erhöhte Temperaturen. Auf dem Weg zur Kathedrale schauen  wie uns noch die Azulejos - Bilder aus zumeist quadratischen, bunt bemalten und glasierten Keramikfliesen - am Bahnhof São Bento an. Die Darstellungen aus der Geschichte Portugals faszinieren uns und zahlreiche andere Besuchergruppen. Der Bahnhof selbst wurde erst 1916 fertiggestellt und befindet sich auf dem Gelände eines Klosters aus dem 16. Jahrhundert. Allerdings zeugt davon nur noch der verbliebene Name des Bahnhofes, das Kloster wurde 1894 und die Klosterkirche 1906 abgerissen.

Jörg holt sich in der Kathedrale noch seinen ersten Pilgerstempel und dann marschieren wir durch schmale Gassen zum Douro, wo ein Erinnerungsphoto am Ufer mit der Ponte de Luis I. im Hintergrund gemacht wird. Wir laufen weiter am Ufer entlang und wenden uns dann in Richtung Igreja de São Francisco. Unterhalb der Kirche befindet sich die Station Infante der Linie 1 der Eléctrico. Wir haben beschlossen, die nächsten 4,6 km bis zur Endstation Passeio Alegre in Foz de Douro zu fahren. Die holprige, aber sehenswerte Fahrt kostet nur 2,50 € und hat sich wirklich gelohnt. Nach einer guten halben Stunde steigen wir nahe der Mündung des Douro in den Atlantik aus - allerdings mit kurzer Unterbrechung, weil ein Auto auf den Schienen parkt. Die robuste Tramfahrerin lässt daraufhin die schrille Signalschelle ertönen und sorgt nach einigen Minuten für freie Fahrt.

Wir laufen auf einer Kaimauer zwischen einer Palmenallee und einem einsamen Strand und folgen der sich nach Norden orientierenden Straße. Hier passieren wir das Forte São João Baptista de Foz aus dem 16. Jahrhundert, das zum Schutz der Küstenregion und der Douro-Mündung diente. Nun pilgern wir vornehmlich auf breiten Promenaden parallel zum Ozean und seinen einladenden, breiten aber kaum genutzten Stränden, die öfters mit schroffen Felsen durchzogen sind. Auf der anderen Straßenseite befinden sich große Wohnblocks, in denen in nicht unbedingt leben möchte. Wenig später kommen wir an einem weiteren Fort vorbei - dem Forte de São Francisco Xavier aus dem 16. Jahrhundert. Umgangssprachlich wird es auch Castelo do Queijo - Käseburg - genannt, da sein Aussehen an einen Käseleib erinnern soll. Ich brauche dafür allerdings sehr viel Phantasie. Kurz darauf erreichen wir den Südrand von Matosinhos und erhalten von den ein wenig Deutsch sprechenden Mitarbeitern der Tourist-Info einen Stempel und gute Informationen zum weiteren Wegverlauf. Wir würden jetzt gerne eine Pause machen und finden hinter der nächsten Ecke einen kleinen Park mit Ruhebank, in dessen Mitte sich das Monument Zimbório do Senhor do Padrão befindet. In unseren Pausen ziehen wir Wanderstiefel und Socken aus und lassen sie in der Sonne trocknen. Nachdem wir uns ein wenig erholt haben, geht es weiter - aber nur bis zur nächsten Straße. Dort befinden sich zahlreiche Fischrestaurants, und da wir gerade nichts Besseres zu haben, nehmen wir im erstbesten Platz und bestellen uns eine fangfrische Dorade, die auf einem Holzkohlengrill auf der Straße zubereitet wird. Der Haken an der Sache jedoch ist, dass der Fisch hier nach Gewicht berechnet wird, sodass das gute Mittagsmahl pro Kopf mit rund dreißig Euro zu Buche steht. Wieder haben wir etwas dazu gelernt!

Nach der ausgedehnten Mittagspause laufen wir noch ein wenig quer durch den Ort, an einer Fischmanufaktur vorbei, über eine Klappbrücke am Hafen sowie eine langgezogene Straße, bis wir am Nordrand von Matosinhos wieder am Meer ankommen. Wir gehen wiederum über eine sehr breite Promenade, die rechts von Wohnsilos flankiert wird. Der helle Belag blendet in Verbindung mit der hoch stehenden Sonne, sodass die Sonnenbrille verpflichtend ist. Linker Hand hat man mitten in die Felsen ein großes Freibad gebaut - das hat sicher seinen Reiz, wird aber gerade nur von ganz wenigen Besuchern genutzt. Am Horizont kommt nähert sich der Farol da Boa Nova - ein Leuchtturm - und gegenüber klettern jugendliche Besucher auf dem Areal der Eremita de la Boa Nova - einer kleinen Einsiedelei - umher. Hier endet die Promenade und es beginnt ein schier endlos erscheinender Weg aus Holzbohlen. Darin eingelassen sind zwei farbige Elemente: in Grün wird die Entfernung bis zur nächsten Ortschaft angezeigt, in Gelb wird dem Jakobspilger in sechs verschiedenen Sprachen „ein guter Weg“ ge-wünscht. Wir lassen jetzt die Zivilisation hinter uns und gehen erstaunlicherweise sehr gut auf den Holzplanken. Rund um uns gibt es nur noch Natur pur - bis wir, glück-licherweise in einem großzügigem Abstand, an einer Chemiefabrik vorbeigehen.

An einem Obelisken machen wir unsere nächste Pause und verzehren die gekauften Äpfel und nehmen ein ordentlichen Schluck aus der Wasserflasche. Nun sind es nur noch zwei Kilometer bis zum Campingplatz in Angeiras, wo gegen 16.00 Uhr eintreffen. An der Rezeption werden wir von Hospitalero Rainer auf Deutsch begrüßt, ohne, dass wir ein Wort gesagt haben. Die Abwicklung der Formalitäten erfolgt rasch und unkompliziert. Während dessen gibt uns Rainer einige gute Tipps für die kommenden Tage. Außer uns soll noch ein weiterer Pilger auf dem Platz sein, ein Niederländer. Mit dem uns zugewiesenen Mobilheim mit der Nummer 511 sind wir sehr zufrieden. Es ist spärlich eingerichtet: in Doppelbett in der einen „Kajüte“, ein Einzelbett im Vorraum sowie ein Kühlschrank. Ich richte mich in dem größeren Raum ein, Jörg in dem kleineren. Anschließend kümmern wir uns um unsere Wäsche, die wir auf einen Trockner vor das Mobilheim hängen. Ein großes Vergnügen bereitet uns danach das zum Campingplatz gehörende Schwimmbad, dessen einzige Gäste wir nun sind. Ich brauche jedoch eine Weile, bis ich mich an die kühle Wassertemperatur gewöhnt habe. Unser Abendessen nehmen wir im Restaurant neben dem Schwimmbad in Form eines Pilgermenüs ein, das wir beim Check-In gebucht haben. Dort treffen wir Rainer, der uns anbietet, bei ihm Platz zu nehmen. Rainer ist jedes Jahr für vier Wochen hier und kümmert sich rührend um die Pilger. Es wird ein netter Abend, den wir gemeinsam mit Rainer verbringen und dabei nette Gespräche über den Jakobsweg und über eine weitere Gemeinsamkeit, die Bundeswehr, führen. Im Übrigen, es gab einen schmackhaften portugiesischen Fischtopf. Gegen 22.30 Uhr begeben wir uns in unser Mobilheim und bereiten uns bei einer kühlen Dose Super Bock (= portugiesisches Bier) auf die folgende Etappe vor.