Auf Erkundung im Weltkulturerbe

Montag, 15. Juni 2015: Porto

Lange habe ich mich auf diesen Tag gefreut. Auf den Tag, an dem ich zum ersten Mal nach Santiago starten darf. Und dieser Tag beginnt sehr früh, nämlich um 3.00 Uhr, mitten in der Nacht. Um 4.00 Uhr fährt vom Koblenzer Hauptbahnhof der Bus zum Flughafen Hahn. Meine Frau Susanne ist so lieb und bringt mich zu dieser unmöglichen Zeit mit dem Auto zum Bahnhof - ganz lieben Dank dafür. Der Bus fährt pünktlich ab. Ich habe mich in den hinteren Teil des Busses verdrückt und will meine Ruhe haben. Mit mir sind noch weitere fünf Passagiere an Bord. Die Fahrt zum Flughafen Hahn verläuft unspektakulär. Nachdem an den beiden einzigen weiteren Haltestellen in Emmelshausen und Kastellaun niemand mehr zusteigen möchte, erreichen wir zügig kurz nach 5 Uhr das Flughafengelände. Von der Bushaltestelle am noch leerstehenden Parkhaus sind es nur wenige Schritte bis zum Terminal.

Die Abgabe meines in einer Schutzhülle verpackten Rucksackes am Check-In klappt ohne Probleme, nur bei der Sicherheitskontrolle sorgt der kleine Anspitzer von meinem Bleistift für Aufregung. Er darf nach intensiver Begutachtung aber trotzdem mitfliegen. Die Wartezeit vor dem Gate vertreibe ich mir mit einem belegten Baguette und einer Flasche Wasser. Dann wird mein Flug endlich aufgerufen und eine Mitarbeiterin des Flughafen macht eine Vorabkontrolle der Boarding-Karten. Da ich mir bereits bei der Buchung Platz 16C an den Notausstiegen mit mehr Beinfreiheit reserviert hatte, darf ich mich als einer von nur wenigen Passagieren in die Priority-Schlange einreihen. Daher bin ich beim Boarding ebenfalls schnell abgefertigt und einer der ersten auf seinem Platz in der Ryan Air-Maschine. Die Plätze an den Notausstiegen sind wohl nicht so beliebt, denn nur fünf von zwölf sind belegt. Gut, sie kosten 10 € zusätzlich, aber das war es mir wert. Nach einer kurzen Einweisung durch eine Flugbegleiterin heben wir um 6.52 Uhr ab und steigen der Sonne über der dichten Wolkendecke entgegen. Da ich immer noch sehr hungrig bin, gönne ich mir zwei Croissants mit Schinken und Käse sowie einen schwarzen Tee.

Der Flug verläuft sehr ruhig und unspektakulär und nach ziemlich genau 2:10 Stunden landen wir auf dem Aeroporto Francisco Sá Carneiro in Porto. Zunächst prüfe ich, ob alle Geräte mit Uhrzeit auch die um eine Stunde zurückliegende Zeit anzeigen und stelle sie entsprechend ein. Am Luggage-Claim ist nichts los, unser Landung war wohl eine der ersten an diesem Tag. Für mich läuft es heute sehr gut - mein Rucksack erscheint als eins der ersten Gepäckstücke auf dem Band. Ich entferne die Schutzhülle und verpacke sie sorgfältig im unteren Staufach des Rucksackes und schnalle mir diesen erstmals auf den Rücken.

Bevor ich mit der modernen Metro in die Stadt fahre, benötige ich ein Ticket. Nach meinen Informationen soll der Erwerb am Automaten nicht ganz so einfach sein. Doch auch diese Herausforderung löst sich in Form mittels kompetenter Hilfe eines Englisch sprechenden Mitarbeiters, der mich mit wenigen Handgriffen eine Chipkarte aus Pappe mit der entsprechenden Aufladung für einen ganzen Tag aus dem Gerät zaubern lässt. Auf dem Bahnsteig bin ich besonders erfreut über Hinweise für Gepäckschließfächer an meiner Zielstation Trinidade. Da ich erst um 14.00 Uhr das Zimmer beziehen kann, verstaue ich dort nach rund 25 Minuten Fahrt mit der Metro meinen Rucksack und mache mich auf den Weg in die Stadt. Vornehmlich möchte ich das für heute Nacht gebuchte Hotel Paulista finden und zudem habe ich einen Rundgang durch das historische Zentrum von Porto mit einigen Kirchenbesuchen geplant.

Gemäß dem Stadtplan, den ich beim Verlassen des Flughafens in die Hand gedrückt bekam, bin ich auf dem richtigen Weg. Zunächst stehe ich vor der Igreja de Trinidade die ich mir anschaue. Auffällig ist der Hochaltar mit seinem treppenförmigen Aufbau. Unmittelbar dahinter befinden sich das prächtige Gebäude der Câmara Municipial do Porto und nur einige weitere Schritte weiter unser Hotel. Ich marschiere weiter und gelange auf einer Anhöhe zur wunderschönen Igreja dos Clericos. Dort besteige ich den 70 m hohen Turm und habe nach 196 mehr oder weniger schmalen Treppenstufen einen lohnenswerten Ausblick auf Porto. Anschließend besuche ich die in der Nähe liegende Capela de São Jose dos Taipas, in der ich alleine bin und von sanfter Musik umgarnt werde. Ich setze meine Besichtigungstour der Kirchen von Porto fort streife durch schmale, mit Kopfsteinpflaster versehene Gässchen, bis ich zur Igreja dos Congregados gelange deren Front mit blau-weiß bemalten Kacheln verziert ist. Zu meiner Überraschung beginnt gerade ein Gottesdienst, an dem ich teilnehme. Das ist ein guter Start für die Pilgerreise nach Santiago.

Nach dem Gottesdienst setze ich meinen Rundgang fort und passiere die ebenfalls mit Kacheln geschmückte Igreja do Santo Ildefonso, die leider nicht geöffnet ist. Als Höhepunkt habe ich mir Sé do Porto - die Kathedrale - gelassen und bekomme dort an der Information am Eingang den ersten Pilgerstempel. Zudem kaufe ich mir ein neues rotes Notizbuch mit dem Logo der Kathedrale, das ich ausschließlich für den Caminho Português nutzen werde. Das romanische Langhaus ist sehr dunkel gehalten, es gibt dort keine Fenster. Dafür wird es im weit entfernt wirkenden Chor umso heller - man „spürt“ den hier vorherrschenden barocken Stil. Nach einer intensiven Besichtigung verlasse ich das Gotteshaus und entdecke an einem Mäu-erchen am Vorplatz die ersten bunten Pfeile: gelb nach Santiago, blau nach Fátima. Diese werden in den kommenden Tagen unsere ständigen Begleiter und Wegweiser sein.

Ich schlendere weiter durch Porto und treffe auf die historische Tram, die Eléctrico. Zum Abschluss überquere ich den Douro mittels der berühmten, 1886 erbauten Stahlbrücke Ponte de Luis I. Der Ausblick von der Brücke hinab und auf die Stadt ist er-greifend und wunderschön. Hier dürfen sich nur Fußgänger und die Metro bewegen, Autos fahren tief unten knapp über der Flussoberfläche. Auf der anderen Seite der Brücke unterhält ein älterer Herr die Passanten mit seinem Gesang, wird allerdings nicht sonderlich wahrgenommen, da sich recht wenige Touristen hierher verirrt haben. Einen noch besseren Blick habe ich von der noch höher gelegenen Plattform an der am heutigen Tage geschlossenen Rundkirche des ehemaligen Mosteiro da Serra do Pilar. Die ehemalige Klosteranlage wurde 1832 zu einer Festung ausgebaut und seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Kaserne umfunktioniert.

Inzwischen ist die Zeit schon etwas vorgerückt und ich mache mich auf den Weg zurück zur Station Trinidade, um meinen Rucksack aus dem Schließfach zu befreien. Auf dem Weg dorthin kaufe ich in einem Supermarkt ein paar Flaschen Wasser für den morgigen Tag und eine Kleinigkeit zum Essen. Anschließend beziehe ich das Hotelzimmer und ruhe mich etwas aus. Das Zimmer ist klein, aber für 40 € soweit in Ordnung. Später fahre ich noch einmal zum Flughafen, wo Jörg mit einer Stunde Verspätung um 23:30 Uhr aus Frankfurt ankommt. Wir haben uns auf der Fahrt in die City einiges zu erzählen und freuen uns schon auf morgen, wenn das Abenteuer Caminho Português beginnt.