Geschichten, die nur der Camino schreibt

Freitag, 23. Juni 2017: Von Herbón nach Santiago de Compostela

Ich bereue es in keinerlei Weise, am gestrigen Tage nur so wenig unterwegs gewesen zu sein, nur um in den Genuss zu kommen, im Kloster Herbón zu übernachten. Diese Pilgerherberge ist ein weiteres Rückzugsparadies, in der man von Hospitalero Pedro liebevoll umsorgt wird und sich noch einmal einen Tag vor der Ankunft in Santiago sammeln kann. Bevor ich mich am gestrigen Abend bettfertig gemacht hatte, ereignete sich noch eine schöne Begebenheit. Der damalige Hospitalero der Herberge in Betanzos am Camino Inglés, Fernando, verfolgt aufmerksam meinen Blog und kommentiert hin und wieder auch einmal auf Facebook. Sein letzter Eintrag vor wenigen Minuten lautete: „Hey!! Linny is there too!! Eine große Umarmung für beide. The way is almost done.“ Mit dem Namen konnte ich zunächst nichts anfangen, schaute mir seine Freundesliste an, dann entdeckte ich unsere Mitpilgerin aus Frankfurt. Die Welt ist so klein. 

Nach dem Wecken zeige ich Linny die Nachricht und auch sie ist sehr überrascht. Wir machen spontan ein Foto am Frühstückstisch und antworten damit auf Fernandos Post. Zufall? Nein: nur eine weitere Geschichte vom Camino. Nach dem üppigen Frühstück mache ich mich fertig, verabschiede mich von Pedro - jeder bekommt von ihm eine herzliche Umarmung - und den verbliebenen Pilgern. Dazu gehört auch Ben, der heute nur bis Teo gehen wird und erst morgen in Santiago eintreffen wird. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft wir uns jetzt schon Lebewohl gesagt haben. Nachdem ich meinen Obolus für die Verpflegung im Spendenkästchen hinterlegt habe, verlasse ich um 7:00 Uhr die Herberge.

Zunächst laufe ich alleine nach Padrón und kehre dort in der Kult-Cafeteria Don Pepe 2 ein, um einen Kaffee und ein Stück  Tarta de Santiago zu mir zu nehmen. Hier war ich bereits vor zwei Jahren und mir ist die herzliche Verabschiedung von Pepe beim Verlassen des Cafes in Erinnerung geblieben. Auch heute werde ich mit einem Drücker und einem „Buen Camino“ auf den Weg geschickt. Nur wenige Schritte weiter macht sich gerade in einer anderen Bar eine vierköpfige Pilgergruppe auf den Weg, unter denen ich Oliver entdecke. Die nächsten fünf Kilometer laufen wir nebeneinander her und unterhalten uns sehr nett. Er wird auf meinen Tipp hin heute Abend auch im Seminario Menor übernachten. Schließlich laufen wir auf Peter auf, der gestern auch in Herbón unter den Gästen weilte. Oliver wendet sich wieder seinen Begleitern zu, die etwas schneller vorankommen wollen und ich schließe mich Peter an. Er möchte eigentlich nur noch ein paar Kilometer weiterlaufen und dann mit Bus oder Bahn nach Santiago fahren. Es gelingt uns aber nicht, einen passenden Zug an einem Bahnhof oder alternativ eine Bushaltestelle zu finden.

Nach zwei kürzeren Pausen im Restaurante Gallego und der Bar Descanso do Peregrinos kurz hinter dem Sägewerk fühlt sich Peter noch stark genug, auch die letzten Kilometer zu bewältigen. Peter hat noch keine Unterkunft in Santiago und das Seminario Menor scheint ausgebucht zu sein. Ich versuche zwar, noch telefonisch Kontakt herzustellen, was mir aber nicht gelingt. Erst als wir kurz vor der Altstadt von Santiago sind, wird mir so richtig bewusst, dass der Pilgerweg für dieses Jahr gleich zu Ende sein wird. Und schon werden die Augen feucht und Tränen kullern die Wangen herunter.  Schließlich erreichen wir kurz vor 15:00 Uhr nach fast dreißig Kilometern die Praza do Obradoiro. Obwohl ich heute zum dritten Mal Santiago erreiche, ist es nicht weniger emotional wie in den beiden Vorjahren. Es ist anders, ja. Aber trotzdem wunderschön!

Als wir dann tatsächlich vor der Kathedrale stehen, ziehe ich meinen Rucksack von der Schulter und setze mich stumm auf den Boden. Peter lässt mir diesen und nimmt dann aus der Entfernung wieder Blickkontakt mit mir auf. Ich brauche einige Minuten, um wieder Fassung zu kommen. Dann nehme ich ihn in den Arm und beglückwünsche ihn zu seiner ersten Ankunft in Santiago. Er hat mit der langen Etappe für seine fast siebzig Lebensjahre eine tolle Leistung vollbracht. Kurz darauf laufen mir Jessy und Arndt fast in die Arme, und auch wir beglückwünschen uns gegenseitig zum erfolgreichen Abschluss der Pilgerfahrt. Dann wird es Zeit, für Peter ein Dach über dem Kopf zu besorgen. Ich unterstütze ihn noch bei der Buchung einer Unterkunft in der Hospedería San Martín Pinario und gehe anschließend ins Pilgerzentrum, um meine Compostela in Empfang zu nehmen. Das dauert heute fast neunzig Minuten, in denen ich mit zwei Damen aus Münster ins Gespräch komme. Danach mache ich mich auf ins Seminario Menor, um meine Unterkunft zu beziehen.

Dann passiert erneut etwas Unvorhergesehenes. Ich bin gerade auf dem Weg ins Kellergeschoss meiner Herberge, da begegnet mir ein Pilger. Ich höre nur noch: „Heißt du zufällig Wolfgang?“ Ich drehe mich zu ihm um, und wen sehe ich vor mir? Jürgen aus unserem Koblenzer Pilgerforum. Er ist im Mai auf den Camino Frances aufgebrochen und heute, so wie ich, in Santiago angekommen. Er wohnt ebenfalls hier im Haus, und das nur ein Zimmer neben mir. Morgen fliegen wir mit der gleichen Maschine zurück zum Flughafen Hahn. Zufall? Nein, Camino!

Wir fallen uns in die Arme und drücken uns ganz fest. Mit dieser Begegnung in einem Treppenhaus hätte wohl keiner von uns beiden gerechnet. Es dauert eine Weile, bis wir das realisieren können, und beginnen dann laut zu lachen. Wir setzen und auf die Stufen und erzählen wild drauf los. Als wir uns wieder trennen, höre ich Jürgen im Treppenhaus laut murmeln: „Das gibt´s doch nicht! Das gibt´s doch nicht!“

Für den Abend habe ich mich mit Peter vor seinem Hotel verabredet. Wir besuchen gemeinsam den abendlichen Pilgergottesdienst. Auf dem Weg zur Kathedrale treffe ich zunächst Vanessa und Hanna, danach Linny und Tina und in der Nähe des Eingangs auch noch Ruth und Christian. Und an seinem Stammplatz in der Nähe des Nordportals der Kathedrale spielt gerade mein liebster Straßenmusiker in Santiago, Javier Pavo. Heute kaufe ich ihm eine CD ab. Das wollte ich eigentlich schon vor zwei Jahren gemacht haben.

Zum Abschluss des Gottesdienstes wird natürlich der Botafumero geschwenkt - wie eigentlich jedes Mal, wenn ich anwesend bin. Nach der Messe treffe ich vor der Kathedrale auch noch Shelley und Daniel, mit denen ich mich noch austausche, während Peter mit seiner Familie telefoniert. Wir gehen zum Abschluss des Tages noch eine Kleinigkeit essen (ich bestelle mir die langersehnte Portion Pulpo) und danach begleite ich Peter zu seinem Hotel. Ich drehe noch eine kleine Runde durch das inzwischen dunkle Santiago und finde überfüllte Gassen vor, denn heute wird das Johannisfest gefeiert. Auf allen Plätzen der Stadt pulsiert das Leben, es spielen Musiker auf und es riecht nach gebratener Chorizo und gegrillten Sardinen. Da meine Herberge heute um 0:30 Uhr ihre Pforte schließt, muss ich jetzt zusehen, dass ich in mein Zimmer gelange.