Wasserstraße und dann rote Pfeile

Donnerstag, 22. Juni 2017: Von Vilanova de Arousa nach Herbón

Heute wird es ein richtig bequemer Tag werden. Ich habe bis um 7:30 Uhr geschlafen, dann begannen auch erst die anderen Übernachtungsgäste allmählich mit ihren Vorbereitungen für den heutigen Tag. Da unser Boot erst gegen 11:00 Uhr ablegen wird, verbleibt noch unheimlich viel Zeit, die es zu vertreiben gilt. Eigentlich habe ich nichts Konkretes vor und gammele vor mich hin. Ich kann mich lediglich zu einem weiteren Einkauf im Supermarkt hinreißen, wo ich mir noch ein Baguette und etwas Obst besorge.

Als ich gegen 10:00 Uhr die Herberge verlasse, herrscht gerade Ebbe und der Hafen ist übersät mit kleinen Booten, auf denen Fischer mit langen Stangen den Boden nach Muscheln absuchen. Treffpunkt für die Bootspilger ist ein Anleger am Hafen. Kurz vor der vereinbarten Zeit biegt ein etwas größeres Schlauchboot um die Ecke. Insgesamt steigen 22 Pilger samt Gepäck ein und es geht pünktlich los. Für zehn Personen gibt es Plätze auf Bänken, der Rest muss sich auf dem Bootsrand niederlassen. Der Bootsführer hält manchmal und gibt erklärende Kommentare, jedoch leider nur auf Spanisch. Das, was ich verstehen konnte, waren Hinweise auf die Muschel- und Austernbänke, auf am Rande des Flusses stehende Cruzeiros sowie eine Ruine, die wohl in früheren Zeiten als Wachtturm diente. Nach ziemlich genau einer Stunde Fahrt sind die achtundzwanzig Kilometer absolviert und wir gehen in Pontecesures an Land.

Während die anderen Passagiere sich noch nicht schlüssig sind, ob sie zuerst einen Kaffee trinken oder nach Padrón gehen sollen, begebe ich mich auf die heute sehr anspruchsvolle Wanderstrecke von 3,5 Kilometern. Der Weg zum Kloster Herbón ist mit roten Pfeilen markiert, gegen 13:00 Uhr treffe ich schließlich dort ein. Die Herberge öffnet aber erst um 16:00 Uhr. Die Wartezeit wird mir durch das ständige Eintreffen von weiteren Pilgern verkürzt. Zunächst ist Oliver aus Pforzheim vor Ort, ein Portugiese, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Er holt sich zunächst seinen Pilgerstempel an der Klosterpforte und anschließend noch ein paar Santiago-Tipps bei mir ab. Als nächstes trudeln Yoshika, Tina und Linny (die ich zuletzt in Viano do Castelo gesehen hatte), Hanna aus Leipzig und Vanessa aus Mainz ein. Dazu gesellen sich zwei Österreicher aus Wien, Peter aus der Eifel und die laute Horde Spanier aus Cesantes.

Gegen 15:30 Uhr will Hospitalero Pedro eigentlich nur den an der Tür angehängten Brotbeutel holen, bittet uns dann freundlicherweise schon herein. Bei der Aufnahme teilt uns gleich das Abendprogramm mit: 18:00 Uhr Rundgang durch das Kloster, 20:00 Uhr Gottesdienst, 20:30 Uhr gemeinsames Abendessen. Erst seit kurzem sind die Gäste in kleinen Zellen in einem Gang hinter der Küche untergebracht. Jede Zelle hat gerade einmal Platz für ein Doppelstockbett und zwei Stühle und wird durch einen Vorhang vom Flur getrennt. Ich beziehe meine Kammer und mache mich frisch für den Abend. Dann trete ich gegen 17:00 Uhr durch die Küchentür nach draußen und erlebe eine schöne Überraschung. Vor mir steht Ben! Wir fallen uns voller Freude zur Begrüßung in die Arme. Wir haben uns einiges zu berichten. Er erzählt mir, dass er mit Lija und Monika noch bis Caldas de Reis gelaufen ist und dort auch übernachtet hat. Am nächsten Tag hat er die beiden zum Bus nach Santiago gebracht.

Dann wird es Zeit für den Klosterrundgang. Ein Pater führt uns durch die Kirche, die Sakristei, das ehemalige Refektorium und den Kreuzgang. Er erklärt uns alles auf Spanisch – welch ein Wunder! Doch wir haben großes Glück. Hanna, die einige Zeit in Südamerika gelebt hat, übersetzt für uns. Dann übernimmt eine Amerikanerin, die mit einem Spanier verheiratet ist. So bleibt nicht alles von der Klostergeschichte im Dunkeln verborgen. In dem kleinen Verkaufsraum erstehe ich noch einen Tau-Anhänger und ein Glas Mermelada Picante de Pimientos de Herbón. Nach dem Gottesdienst mit Pilgersegen treffen wir uns in der Küche zum Abendessen - es gibt einen leckeren Linseneintopf. Der Abwasch ist anschließend dank der vielen helfenden Hände innerhalb von einer Viertelstunde erledigt, und das bei Geschirr, Besteck und Gläsern für rund zwanzig Personen. Überrascht haben mich dabei die Spanier, die ein ganze anderes Verhalten an den Tag legten als noch vor wenigen Tagen in Cesantes.

Morgen ist es dann endlich soweit: die letzten 26 Kilometer des Camino Português da Costa stehen an und damit verbunden auch zum dritten Mal mein Einzug in Santiago. Ich freue mich.