Pläne muss man auch ändern können

Mittwoch, 21. Juni 2017: Von A Armenteira nach Vilanova de Arousa

5:00 Uhr aufstehen, 6:00 Uhr Abmarsch. Draußen ist es noch kühl und es herrscht eine gespenstige Stille. Es ist noch so dunkel, dass ich kaum die Hand vor den eigenen Augen sehe. Ich biege hinter einer kleinen Brücke nach rechts auf die Ruta de la Piedra y del Agua (Weg der Steine und des Wassers) ein und knipse meine kleine LED-Lampe an, damit ich vor mir überhaupt etwas erkenne. Der Camino führt entlang des Rio Armenteira und ist im ersten Teilstück mit vielen Felsen und Wurzelwerk auf dem Boden versehen. Ich komme hier nur sehr langsam vorwärts, sonst ist die Gefahr groß, bei den schlechten Sichtverhältnissen zu stürzen.. Entlang des Rio befinden sich unzählige kleine Mühlen, in denen meistens noch die Mahlsteine vorhanden sind. Leider bekomme ich davon nur schemenhaft etwas mit. Nach circa zwanzig Minuten beginnt dann endlich die Dämmerung und ich kann meine Leuchte wieder ausschalten. Schade, dass ich von diesem romantischen Teil nicht alles mitbekommen habe. In einem Flyer wird von dem Abschnitt in höchsten Tönen geschwärmt. Die Ruta endet schließlich nach knapp fünf Kilometern, für die ich knapp neunzig Minuten benötigt habe.

Es lässt sich noch immer recht angenehmen gehen, die Temperaturen sind im Vergleich zu gestern mit gerade einmal 18 Grad deutlich geringer. Um mich herum ist zum Teil dichter Nebel und von einem blauen Himmel bin ich aktuell meilenweit entfernt. Zudem legt sich aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit eine gewisse Schwüle über die Landschaft, die sich durch kleine Wasserbläschen auf meiner Haut und der Kleidung niederlassen. Ich werde weiterhin vom Rio Armenteira begleitet und verlasse diesen erst, als er in den Rio Umia mündet. Hier ist es wieder etwas ruhiger, denn ich konnte ebenfalls die zuletzt parallel verlaufende Straße mit der dazu gehörigen Geräuschkulisse hinter mir lassen. Jetzt bin ich wieder mitten in der Natur, es sind lediglich für mich nicht sichtbare Vögel zu hören und manchmal hüpft vor mir ein kleiner Frosch über den Weg. Erstmals laufe ich an ausgedehnten Weinanbauflächen vorbei. Bisher habe ich nur vereinzelte Reihen gesehen.

Der Rio Umia ist im weiteren Verlauf ein Gewässer, das sich selbst überlassen worden ist. So ist es auch zu verstehen, dass hier eine entsprechende Artenvielfalt vorherrscht. An einer Stelle steht voller Stolz eine Gans am Ufer und lauscht dem Konzert der Tierwelt. Auf meinem Weg entlang des Flusses ist ordentlich Bewegung und ich muss ständig aufpassen, dass ich nicht über Schnecken jeglicher Größe, mal mit Haus, mal ohne Haus, stolpere. Nach dieser Naturidylle am Fluss habe ich danach wieder das Vergnügen, in urbanem Gelände und an einer Straße entlangzulaufen. Ich kann es allerdings nicht verstehen, warum man nach Verlassen des Flusses über eine Brücke durch Ponte Arnelas geschickt wird, dort eine Schleife dreht, und schließlich 300 m von der Flussüberquerung entfernt herauskommt. Es ist wohl die mittelalterliche Brücke, die Aufmerksamkeit erzielen soll.

Während ich auf Dorfstraßen und durch kleinere Ansiedlungen gehe, verdichtet sich der Nebel immer mehr und es fröstelt mich sogar ein wenig. Ich halte mal Ausschau nach einer Einkehrmöglichkeit, um zwischendurch etwas Warmes zu mir zu nehmen. Nach einem kurzen Anstieg laufe ich an einem Weingut vorbei in einen Wald hinein. Eigentlich kann man im Umkreis von 100 Metern überhaupt nichts mehr erkennen,  weil der Nebel die Landschaft einhüllt. Dann erreiche ich einen Vorort von Vilanova de Arousa und bestelle mir in einer Bar ein leckeres Boccadillo mit Schinken und Käse und einen Café con leche. Eine Viertelstunde später mache ich mich auf das letzte Stück Weg und finde, dass es inzwischen doch wärmer geworden ist. Der Nebel verzieht sich auch allmählich nach oben. 

Ich nähere mich wieder dem Meer mit seiner typischen Duftnote. Die letzten Kilometer laufe ich in der Nähe eines Strandes entlang, teilweise auch auf sandigen Passagen und gelange zur Fußgängerbrücke nach Vilanova de Arousa. Um 11:30 Uhr bin ich in der Herberge und überrumpele den Hospitalero Emilio bei seinem Mittagessen. Er weist mich etwas angespannt darauf hin, dass noch nichts sauber gemacht wäre und die Herberge ja auch erst um 13:00 Uhr öffne. Mir würden jetzt allerdings nur ein paar Infos zur Passage nach Pontesecures ausreichen. Und diese Infos erhalte ich auch prompt: das nächste Boot fährt erst morgen um 11:00 Uhr. Das bedeutet für mich, ich muss, entgegen meinem Plan, die Nacht hier verbringen und verliere dadurch einen ganzen Tag. Damit hat sich auch der Abstecher nach Fisterra erledigt, da mein Rückflug schon am Samstag sein wird. Emilio unterbricht seine Mahlzeit für mich, obwohl ich versuche ihm klarzumachen, dass ich zur Öffnungszeit wieder kommen würde. Ich habe keine Chance. Er notiert meine Personalien, verkauft mir ein Ticket für das Boot und zeigt mir die Herberge. Erst dann wendet er sich wieder seinem Essen zu. Danke, Emilio!

Ich bin natürlich der Erste in der Herberge, obwohl dort schon einige Betten mit Schlafsäcken und Rucksäcken belegt und zehn Betten für eine italienische Gruppe reserviert sind (die dann sehr rücksichtsvoll am Spätnachmittag eintrifft). Ich werde zunächst etwas einkaufen gehen und dann einfach mal schauen, was der Tag so mit sich bringt. Vor 13:00 Uhr werde ich in der Herberge jedenfalls nicht mehr erscheinen, damit Emilio in Ruhe seine Arbeit machen kann. Nach und nach trudeln weitere Pilger von gestern ein: Daniel aus Rumänien, Gerda und Josephina aus den Niederlanden, Cheryl aus den USA, Philino aus Italien, Alain aus Frankreich, John und Henry aus Kanada, Yoshika aus Japan, die beiden Portugiesinnen, Andreas aus Hamburg (zuletzt haben wir uns in A Ramallosa gesehen) sowie Ruth und Christian aus Bremen. Zudem treffe ich David aus Barbados, der hier allerdings nur einen Kurzbesuch abstattet.

Es wird ein fauler Tag. Aus dem Supermarkt habe ich mir etwas für das Abendessen besorgt. Ansonsten lege ich mich in mein Bett und ruhe mich etwas aus. Am Abend findet über unserem Schlafsaal noch ein Zumbakurs statt und in der Sporthalle treten zwei Herren-Mannschaft zu einer Partie Fußball an. Zum Glück hält sich der Lärm in Grenzen und ich falle langsam in einen tiefen Schlaf.