Wohlfühltag bei Marie

Montag, 19. Juni 2017: Von Vigo nach Cesantes

Wir haben uns gestern Abend noch mit Lija und Monika in einer Tapas-Bar getroffen. Sie sind in einem anderen Hostel untergekommen, aber auch nur zehn Minuten Fußweg entfernt von unserem. Ben und ich haben auch noch unsere Betten im Refuxio de la Jerezana in Cesantes per Internet gebucht, da wir nicht wussten, ob wir noch freie Betten bekommen hätten, wenn wir „einfach nur vorbeigekommen wären“. Es sind sehr viele Pilger unterwegs. Ben fährt allerdings mit der Bahn nach Redondela und wird nur die letzten drei Kilometer zu Fuß bis zum Refugio zurücklegen.

In unserem Hostel gibt es keine Fenster, aber eine gut funktionierende Klimaanlage. Diese wird allerdings nur für eine kurze Zeit in den Abendstunden angemacht, damit es in den Zimmern wenigstens zur Schlafenszeit angenehm temperiert ist. Die Temperaturunterschiede habe ich trotzdem gespürt und je nach dem die Decke hochgezogen oder auf die Seite gelegt. Nach einer dennoch guten Nacht schleiche ich mich um kurz vor 7:00 Uhr aus dem Vierbettzimmer und mache mich in der Küche für den Tag fertig. Gegen 7:30 Uhr stehe ich auf der Straße und starte in den Tag. Draußen ist es zum wiederholten Male angenehm kühl. Trotzdem bin ich froh, die Straßenschluchten von Vigo bald verlassen zu können. In Sachen Camino hat Vigo meiner Ansicht nach noch einigen Nachholbedarf. Bis auf die gelben Pfeile gibt es hier kaum  oder gar keine Angebote für Pilger. Ich glaube, ohne Privatinitiative wird sich da auch in naher Zukunft nichts großartig verändern. Bestes Beispiel dafür sind die „Pilgerstempel“, die eigentlich ohne Bezug zum Camino „gestaltet“ sind. Ich lasse mich von einem vielversprechenden Hinweisschild einer Bar verleiten, bekomme dann aber „nur“ einen Firmenstempel, zwar mit Logo, aber keine Spur von einer Jakobsmuschel oder Ähnlichem. O.K., die Pilgerstempel sind nicht das Essentielle einer Pilgerreise.

Schon seit einiger Zeit wandele ich auf einer höheren Ebene und habe einen wunderschönen Blick auf die Ria de Vigo, die momentan noch von einer dicken Nebelschicht bedeckt ist. Interessantes Naturschauspiel, denn bei zunehmender Sonneneinwirkung verschwindet allmählich der Nebel und der Blick auf die Wasseroberfläche wird freigegeben. Ich gehe auf schmalen Straßen, die mit einer gelben Schlangenlinie und grünem Untergrund versehen sind, der sogenannten Senda do Auga. Es handelt sich dabei um einen Wanderweg zum Thema Wasser. Zwischendurch sind immer wieder Hinweistafeln zu bestimmten Wissensgebieten aufgestellt. Es ist hier außerdem nicht ganz ungefährlich, denn auf beiden Straßenseiten gibt es eigentlich keine Ausweichmöglichkeiten, wenn sich hier einmal zwei Autos begegnen sollten.

Die heutige Etappe lässt sich relativ bequem laufen, da sie hinter Vigo keine nennenswerten Höhenunterschiede mehr aufweist. Ich umlaufe im Prinzip die Ria de Vigo und befinde mich nun auf asphaltierten oder geschotterten Waldwegen. Durch die schützenden Bäume bin ich nicht der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Auf der Ria de Vigo sieht man unzählige plattformartige Gebilde, die von kleinen Kuttern angefahren werden. Ich vermute mal, dass es sich hierbei um Zuchtanlagen für Austern oder Muscheln handelt. Endlich passiere ich die schon seit einiger Zeit vor mir sichtbare Ponte de Vigo, auf der momentan in schwindelnder Höhe Bauarbeiten durchgeführt werden. Im Vorbeilaufen geht mir das  Instrumental „Wild Theme“ von Mark Knopfler (Dire Straits) nicht mehr aus dem Kopf heraus. Zunächst pfeife ich es fröhlich vor mich hin, doch dann passiert etwas Unglaubliches mit mir. Ich erreiche ein lichtes Waldstück mit Blick auf die Ria, stehe dort auf einem Felsen und kann auf der gegenüberliegenden Seite schon mein Tagesziel Cesantes erkennen. Es überkommt mich das Bedürfnis, mein Handy herauszuholen und das Stück anzuhören. Warum? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist jetzt der Moment da, wo dem Pilger zum zweiten Mal die Tränen kommen.

Ich genieße diesen stillen Moment und schaue einfach nur in die Ferne, in die ich mich in den nächsten Tagen noch begeben werde. Vielleicht passt „Wild Theme“ auch ganz gut zu der Umgebung hier. Ich bin mitten in einer schönen Landschaft, Wasser plätschert, Blätter rauschen, Vögel zwitschern und Hunde bellen. Ich bin in diesem Moment sehr dankbar, dass ich das erleben darf. Vor allem bin ich meiner Familie dankbar, dass sie mich wieder hat ziehen lassen. Hier ist für mich nun auch der Augenblick gekommen, wo ich einen meiner beiden mitgebrachten Steine weit wegwerfe. Er fliegt steil nach oben und folgt dann unumgänglich den Kräften der Erde abwärts. Dann ist er im Abhang vor mir meinem Blick entschwunden. Meine schwermütigen Schritte werden nach diesem emotionalen Feuerwerk nun wieder etwas beschwingter, denn ich freue mich jetzt auf die Ankunft in Maries Herberge in Cesantes. Ich bin gespannt, was sich gegenüber meinem letzten Besuch vor ziemlich genau zwei Jahren alles verändert hat.

Um 11:30 Uhr treffe ich in Redondela ein, wo sich der Camino da Costa mit dem Camino Central vereinigt. Ich lege noch eine letzte Pause in einem Restaurant in der unmittelbaren Nähe der öffentlichen Herberge ein und versuche mir eine Kleinigkeit zu essen zu besorgen. Leider ist das erst in einer Stunde möglich, also bleibt es bei einem Bier und dem dazu gereichten Snack. Eine halbe Stunde später breche ich wieder auf und zähle rund zwanzig Pilger, die auf Einlass in die Herberge warten. Auf meinem Weg aus Redondela heraus blinzelt mir aus einer Seitengasse ein  Kirchturm zu. Neugierig gehe ich zur Kirche und sie steht glücklicherweise offen, es ist zudem zufälligerweise die Igrexa de Santiago de Redondela. Drinnen ertönt meditative Musik, die mich berührt. Ich setze mich eine Weile hin und genieße die sanfte Atmosphäre. Ich lasse mich ein klein wenig fallen und spreche ein Dankgebet. Als ich die Kirche verlassen möchte, spricht mich eine Nonne an, ob ich einen Pilgerstempel haben wolle. Ich folge ihr in die Sakristei und erhalte endlich wieder einmal einen schön gestalteten  Stempel. Wir kommen sogar ins Gespräch, sie auf Spanisch, ich mit Händen, Füßen und meinen paar Brocken Spanisch. Und wir verstehen uns, es ist unglaublich! Ich bedanke mich ganz herzlich für diese Begegnung und verlasse mit einem Lächeln die Kirche.

Die letzten drei Kilometer des Tages bis zur Herberge lege ich gemütlich zurück. Über mir zieht sich allmählich der Himmel zusammen, es ist kaum noch Blaues zu sehen. Um 13:00 Uhr bin ich schließlich da und belege schon einmal ein Bett. Ich lerne Jessy und ihren Vater Arndt aus Köln kennen und wir tauschen uns über den bisherigen Weg aus. Dann trifft auch Ben ein, der in Redondela doch tatsächlich noch einmal Lija und Monika getroffen hat, die dort übernachten werden. Sie wollen nun solange weitergehen und erst zum Schluss mit dem Bus nach Santiago fahren. Etwas später erscheint auch Marie und ist der festen Überzeugung, mich zu kennen. Ich gestehe ihr, dass ich so ziemlich genau vor zwei Jahren, am 23. Juni 2015, schon einmal hier gewesen bin, damals mit Jörg. Inzwischen hat sich hier einiges geändert, die Grünanlagen sind deutlich mehr geworden, Hinweisschilder prangen an der Hauswand und die Bibliothek wurde zum zweiten Speisesaal umfunktioniert. Darüber hinaus gibt es jetzt auch noch ein paar Zusatzbetten und ein paar Matratzen für Notfälle. Das allerschönste verrät uns Marie zum Schluss: sie ist inzwischen stolze Mama eines elf Monate alten Sohnes, den wir beim Abendessen auf der Terrasse noch kennenlernen. Nach dem Essen ziehen sich Ben, Jessy und Arndt zurück und ich unterhalte mich noch mit Erich aus der Pfalz über Wunder auf dem Camino. Bevor die Augen zugemacht werden, heißt es Abschied nehmen von Ben. Wir beide haben uns die vergangene Woche täglich gesehen und auch sehr gut verstanden. Es war mir eine Freude, ihn kennengelernt zu haben. Vielleicht sehen wir uns ja noch einmal in dieser Woche, wer weiß.

Für mich ist das Refuxio de la Jerezana eine Oase der Herzlichkeit, wo du dich in liebevoller Umgebung von den Strapazen der vergangenen Tage erholen kannst. Wer sich auf den Camino Português begibt, sollte unbedingt die drei Kilometer von Redondela zusätzlich auf sich nehmen und hier nächtigen.