Asphalt und Hitze - keine gute Kombination

Samstag, 17. Juni 2017: Von A Guarda nach A Ramasolla

Jetzt sind wir in Spanien, in Galizien. Nach dem ereignisreichen Abend verlief die Nacht einigermaßen gut, obwohl es wieder ein kleines Schnarchkonzert gegeben hat. Wenn in unserem Schlafsaal nicht eine leichte Unruhe aufgekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich heute verschlafen. So stehe ich dann doch letztendlich um 6:45 Uhr auf und mache mich abmarschbereit. Ich suche meine Sachen zusammen und verstaue alles in der Küche in meinem Rucksack. Einige andere Pilger sind mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt, während sich  andere ein Frühstück zubereiten.  

Eine halbe Stunde später habe ich mein Bündel auf den Rücken gepackt und ziehe los. Ben und die Mädels sind bereits vor einer Weile vor mir losgezogen. Von meiner gestrigen Wäsche sind Socken und Unterhemd noch feucht geblieben, sodass ich sie an meinem Rucksack befestige. Dort können sie dann im Laufe des Tages in der Sonne trocknen. Die heutige Etappe wird erneut etwas länger werden, da es zwischendurch keine Unterkunft gibt. Die Route führt mich zunächst über eine Treppe hinunter direkt ans Meer und dann über einen schmalen Pfad mit felsigem Geläuf. Ich glaube, so nahe am Wasser bin ich bisher noch nicht entlanggelaufen. Es ist angenehm kühl, doch die gerade aufgehende Sonne verspricht wieder einiges an Hitze.

Nach zweieinhalb Kilometern zwingt mich ein erster fieser Anstieg zum Verlassen des Küstenstreifens. Zwar kehre ich dorthin noch einmal zu einem kurzen Abstecher zurück, werde aber schon bald an eine zu dieser Uhrzeit noch nicht stark befahrenen Landstraße geführt. Auf dem markierten Fahrradweg verbleibe ich eine gefühlte Ewigkeit. Manchmal verläuft der Radweg auch etwas unterhalb der Straße und bietet dadurch wenigstens etwas Abwechslung. Dann erkenne ich circa einhundert Meter vor mir Ben, der seine erste Pause in einer Bar in Portecelo eingeplant hat. In dem Örtchen laufe ich auf ihn auf, doch wir finden nicht die in seinem Führer angegebene Bar. Daher verbleibt er auf einer Sitzbank, während ich weiterziehe.

Ich bin jetzt gut neunzig Minuten unterwegs und die Temperatur ist immer noch sehr angenehm. Glücklicherweise befindet sich rechter Hand ein langgezogener Bergrücken, der die Sonne bis jetzt abhalten kann. Nur wenige Minuten später ist sie mit voller Kraft da und ich spüre, wie die Natur auf einmal zu leben beginnt. Entlang des Weges wird gerade das Morgenkonzert der Vogelschar aufgeführt, während das Rauschen des Ozeans den passenden Hintergrund dazu bietet. Dann schiebt sich noch einmal der Berg dazwischen und die Sonne ist erneut für eine Weile verschwunden. Als ich mal wieder die Landstraße verlasse und nahe am Meer entlanglaufe, ist es mit dem Schatten für heute endgültig vorbei. Ein freundlicher Fahrradfahrer gibt mir den Hinweis, dass es nicht mehr weit bis zu einer Bar sei. Davor ist der Wirt gerade dabei, mit einem Wasserschlauch den Gehweg zu reinigen. Ich kehre nur zu einer wirklich winzigen Pause ein in den dunklen Raum ein, da es nichts anderes als Getränke gibt und der Wirt nicht den Anschein macht, mir auch etwas zu essen machen zu wollen.

Ich setze meine heutige Route unterhalb des Real Monasterio de Santa María de Oya, einem ehemaligen Zisterzienserkloster aus dem XII. Jahrhundert fort. Hinter Oya geht es weiter auf dem Fahrradweg, der sich nun zwischen Weideland, Ackerflächen und vereinzelt stehenden Häusern, die alle mit Wällen aus großen Steinblöcken eingerahmt sind, befindet. Seit geraumer Zeit trägt mir die warme Luft Musik an die Ohren, ich kann jedoch die Quelle nicht genau orten. Erst in einer der folgenden Ansiedlungen kann ich konkret sagen: von hier kommt die Musik. Im Ortszentrum fand wohl eine Festivität statt, die jedoch schon vorbei ist. Auf dem Festplatz ist man mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Mein Magen meldet sich und verlangt nach Nahrung. Er muss mit einem Apfel Vorlieb nehmen, bis ich in O Porto in einer Bar neben der privaten Albergue Turístico Aguncheiro fast eine Stunde Mittagspause mache. Leider bekommen ich auf meine Anfrage nach fester Nahrung nur ein Kopfschütteln. Also belasse ich es bei einem leckeren Estrella. Als dann aber ein anderer Gast am Nebentisch ein Boccadillo verzehr, frage ich noch einmal nach. Kurz darauf bekomme ich ebenfalls ein Boccadillo mit Schinken und ein zweites Bier serviert. War wohl ein Kommunikationsproblem. Um 12:10 Uhr geht es schließlich weiter.

Kurz vor As Marinas darf ich endlich die Straße verlassen. Dafür geht es jetzt einen steilen Berg hinauf. Ich passiere ein Wildgitter und schließe es gemäß dem angebrachten Hinweisschild sorgfältig hinter mir. Mit dieser Abkürzung umgehe ich den Monte de Baredo, an dem der rot-weiße Leuchtturm Faro Silleiro stolz in die Höhe ragt, in Richtung Baiona. Das Thermometer ist inzwischen auf einunddreißig Grad geklettert und der Schweiß läuft in Strömen. Die nächsten Kilometer variieren ständig in der Höhe. Irgendwie gefällt meinem linken Fuß dieses Auf und Ab nicht besonders, denn ich spüre einen leichten schmerzhaften Druck. Mitten in meinen Gedanken erreicht mich die Nachricht von Ben, dass er mit dem Auto unterwegs zu unserer geplanten Unterkunft El Pazo Pías sei und Zimmer, auch für Lija und Monika sowie Marja und Sam, reserviert hätte.

Vor mir liegen noch ein paar Kilometer und mein Wasservorrat neigt sich dem Ende zu. Wieder einmal verpasse ich es, in einem Ort in einer Bar nachzutanken. Zum Glück habe ich im Rucksack noch eine Notreserve - eine kleine Flasche Cola, die jetzt dran glauben muss. Gegen 16:15 Uhr treffe ich erschöpft und ohne einen Tropfen Flüssigkeit in Ramallosa ein. Nach Erledigung der Formalitäten zeigt mir der Angestellte mein Zimmer, in dem Ben sich bereits breitgemacht hat. Na ja, besonders breit machen kann man sich nicht. Das Zimmer ist so klein, dass man gerade noch zwischen den beiden Betten durchgehen kann. Aber es ist sauber, wir haben ordentliche Bettwäsche und auch die sanitären Anlagen auf dem Flur sind absolut in Ordnung.

Nach Körper- und Kleiderpflege legt sich Ben etwas hin und ruht sich aus. Der heutige Tag hat ihn ganz schön angestrengt und er braucht jetzt dringend Ruhe. Währenddessen plündere ich den Getränkeautomaten und treffe auf der Eingangstreppe Leute aus Kanada und Australien, Andreas aus Hamburg und Andreas aus Freyung. Wir trinken kühles Bier und quatschen über unsere Erlebnisse. Dabei fällt mein Blick auf das linke Sprunggelenk und ich stelle an der Außenseite eine leichte Schwellung fest. Ergebnis: morgen werde ich nur eine kurze Etappe nach Vigo laufen und durch häufigere Pausen den Fuß schonen.

Ben hat sich inzwischen etwas erholt und wir kaufen in einem Supermarkt Brot, Wurst, Käse, Oliven und Obst ein, das wir in der Unterkunft verzehren. Während des Abendessens trudeln gegen 19:45 Uhr endlich auch Lija und Monika völlig fertig ein. Inzwischen sind auch Marja und Sam eingetroffen, die heute viel Zeit an einem Strand verbracht haben. Heute werden wir nichts mehr unternehmen. Etwas mehr Schlaf wird uns nach dem anstrengenden Tag sicherlich gut tun.