20 - 10 - 2017

Der Tag des Abschieds...Rückkehr nicht ausgeschlossen

Samstag, 27. Juni 2015: Santiago de Compostela

Der heutige Tag ist recht kurz beschrieben. Nach einer weiteren unruhigen Nacht machen wir uns ab 8.00 Uhr abreisefertig. Eine gute Stunde später trennen sich die Wege von Jörg und mir. Er geht in Richtung Busbahnhof, von wo er mit dem Bus nach Porto fährt und von dort nach Frankfurt fliegt. Auch ich werde später vom Busbahnhof zum Flughafen Santiago fahren und zum Hahn zurückkehren, wo ich von meiner Familie erwartet werde. Wir hatten wieder einmal eine harmonische Zeit und es wird nicht unser letzter gemeinsamer Camino sein. Im kommenden Jahr planen wir, unseren bereits begonnenen Weg durch Frankreich in Vezélay fortzusetzen. Meinen Rucksack durfte ich in unserer Unterkunft belassen, den Schlüssel solle ich bei meiner endgültigen Abreise einfach in den Briefkasten werfen.

Wiedersehen bring Freu(n)de

Freitag, 26. Juni 2015: Santiago de Compostela

In unserer schmalen Gasse muss in der Nacht die Hölle gebrannt haben. Es hörte sich an, als würde eine Party direkt unter unsere Fenster stattfinden. Dem war wohl doch nicht so - aber circa 50 Meter unterhalb sind zwei Bars, und so schallte es anscheinend bis zu uns hoch. Ergebnis: mitten in der Nacht aufgewacht, spät wieder eingeschlafen, erst um 8.30 Uhr die Augen wieder geöffnet. Die Folge daraus war, dass ich den deutschen Gottesdienst um 8.00 Uhr verpasst habe, an dem ich gerne teilgenommen hätte. Jörg und ich machen uns frisch und suchen uns eine Möglichkeit für ein Frühstück. Gleich um die Ecke, neben unserer „Stamm-Bar“, werden wir fündig. Allerdings haben wir dabei ein teures Haus ausfindig gemacht. Anschließend gehen wir zur Praza da Obradoiro, wo inzwischen wieder einige Pilger ihr Ankommen fröhlich feiern. Es ist noch etwas bedeckt, nur vereinzelt sind blaue Flecken am Himmel erkennbar.

Wir sind dann mal angekommen

Donnerstag, 25. Juni 2015: Von Padrón nach Santiago de Compostela (24 km)

Anscheinend wurden bei unserem San-Juan-Ritual doch nicht alle bösen Geister vertrieben - und die übrigen befanden sich wohl ausnahmslos heute Nacht in unserem Schlafsaal. Gut, bei 46 belegten Betten kommt es schon einmal vor, dass ein paar Schnarcher dabei sind, aber so viele auf einmal, grenzt schon fast an Bestrafung. Und zur Krönung des Ganzen lag der Chef der bösen Geister auch noch unmittelbar hinter uns. Mir hat dieses Sägewerk im Dauerbetrieb eine schlaflose Nacht bereitet. Hin und wieder bin ich mal eingenickt, um jedoch schon bald festzustellen, dass es heute keinen großen Sinn macht, den benötigten und wohlverdienten Schlaf zu bekommen.

Jörg und Wolfgang - an der Zimmerdecke für die Ewigkeit

Mittwoch, 24. Juni 2015: Von Portela nach Padrón (30 km)

Die Nacht verlief wiederum sehr ruhig und Jörg und ich schlafen bis kurz vor sechs. Um uns herum ist schon rege Bewegung zu Gange, jedoch ohne großartige Störung derer, die noch in ihren Schlafsäcken schlummern. Ich packe auch meine am gestrigen Abend zurechtgestellten Bündel und begebe mich in den Garten. Auf einer kleinen Holzbank lege ich mein Gepäck ab und lasse mich nieder. So richtig wach bin ich eigentlich noch nicht, daher sitze ich einfach nur so auf der Bank und schau in den grauen, wolkenverhangenen Himmel. Es ist ruhig hier draußen, nur ein paar Vögel tragen mir ihr Lied zum Beginn eines neuen Pilgertages vor. Gedankenverloren lasse ich meine Sachen auf der Bank liegen und gehe um die Herberge herum zur Straße. Auf der linken Seite befinden sich der Friedhof und die Kirche. Wie gerne würde ich mich jetzt in das schützende Gemäuer begeben und ein wenig die besondere Atmosphäre aufsaugen, die alte Kirchen in sich bergen.

Keine Austern - aber gegrillter Fisch bei Sergio

Dienstag, 23. Juni 2015: Von Cesantes nach Portela (27 km)

Gestern Abend haben wir noch Markus aus Eslarn in der Oberpfalz kennengelernt. Er ist Anfang Mai von Sevilla die Via de la Plata nach Astorga gepilgert. Von dort ist er nach Porto gefahren und weiter gelaufen. Es waren spannende Gespräche über seinen Camino, das Leben und überhaupt. Markus hatte sehr viel zu erzählen, auch ziemlich persönliche Angelegenheiten. Bei einem guten Glas Wein haben wir auf der Terrasse von Maries Wohnhaus den Abend zu Dritt ausklingen lassen. Die Nacht habe ich sehr gut geschlafen, das Bett war klasse.

Galizischer Regen trifft die beste Entscheidung des Tages

Montag, 22. Juni 2015: Von O Porriño nach Cesantes (18 km)

Nach unserer Mammut-Tour von gestern und dem großen, Schlafsaal in der Herberge von O Porriño hatten wir uns schon auf eine unruhige Nacht eingestellt. Wie üblich, werden die öffentlichen Herbergen zu einer bestimmten Uhrzeit geschlossen und bald darauf geht auch das Licht aus. In Ponte de Lima hatten wir schon einmal das Vergnügen mit ein paar Engländern, die um 4.00 Uhr mit entsprechendem Lärmpegel ihren Abmarsch vorbereiteten. Aufgrund der guten Belegung vermuteten wir hier Ähnliches. Dazu kam noch die unangenehme, drückende Raumtemperatur, die auch durch sämtliche geöffneten Fenster und Türen nicht merklich reguliert werden konnte. Draußen war es sogar besser auszuhalten, als in der Herberge.

Adeus Portugal - Hola España: 37 km, 4 Liter Wasser, Cola, Bier und immer noch gut dabei

Sonntag, 21. Juni 2015: Von Rubiães nach O Porriño (37 km)

Nach dem entspannten Samstag steht heute für uns die Königsetappe bezogen auf die Länge an. Wir lassen uns um 5.30 Uhr wecken und sind wie geplant um 6.00 Uhr fertig, das Frühstück hat, wie fast jeden Tag, Zeit. Wir verlassen unsere Unterkunft. Draußen ist es noch angenehm frisch und vor allem ruhig. Um diese Uhrzeit geht man hier noch nicht vor die Türe. Nur die Hunde in der Nachbarschaft werden unruhig, als wir an ihren Revieren vorbei laufen. Zunächst gehen wir auf einem Feldweg in Richtung Rubiães und passieren die örtliche Pilgerherberge. Dort ist es ebenfalls noch still, wir sehen durch die Fenster jedenfalls keine im Aufbruch befindlichen Pilger. Hinter der Herberge queren wir die Durchgangsstraße und biegen links auf die ehemalige Via Romana XIX, deren Pflaster teilweise rekonstruiert mit groben Steinen wurde.

Man gönnt sich ja sonst nichts - heißer Schweiß und kühles Nass

Samstag, 20. Juni 2015: Von Ponte de Lima nach Rubiães (16 km)

Heute Morgen zeigen sich einige Pilger von ihrer besten Seite. Draußen ist es noch dunkel und einige sind der Meinung - jetzt gegen 4 Uhr - ihre Sachen packen zu müssen und äußerst geräuschvoll ihre Vorbereitungen für den Aufbruch zu treffen. Das hat natürlich zur Folge, dass alle anderen im Schlafsaal aus ihrem wohlverdienten Schlaf gerissen werden. Jörg und ich schlummern noch im Halbschlaf vor uns hin - doch dann macht eine ältere Britin einen folgenschweren Fehler: sie betätigt den Lichtschalter und unmittelbar danach ist der Raum grell erleuchtet. Sie hat es damit geschafft, alle anderen, die bis jetzt noch einigermaßen ruhen konnten, endgültig zu wecken. Sogleich erhält sie von Jörg einen ordentlichen verbalen Rüffel verpasst, sodass sie unaufgeregt und umgehend das Licht wieder löscht. Doch Sekunden später betätigt der nächste den Schalter...

Zu wenige Bars am Weg bedeuten halt Durst

Freitag, 19. Juni 2015: Von Portela de Tamel nach Ponte de Lima (25 km)

Auch heute stehen wir erneut früh auf, so wie die meisten in unserem Schlafsaal. Da jedoch noch einige in ihren Schlafsäcken schlummern, nehmen wir möglichst geräuschlos unsere Sachen in die Hand und begeben uns in den Aufenthaltsraum im Erdgeschoß. Hier ist schon rege Betriebsamkeit zugange. Fast alle Stühle und Tische sind mit irgendwelchen Gegenständen belegt, die nach und nach in Rucksäcken verschwinden. Auch Jörg und ich machen uns gemütlich fertig. Dazu gehört das sorgfältige Einschmieren der Füße mit Hirschtalg und das Auftragen von Sonnenschutz auf die unbedeckten Hautflächen. Um 6.30 Uhr sind wir endlich soweit, in den beginnenden Morgen zu pilgern. Das Frühstück verschieben wir auf später, wenn wir an einer Bar ankommen.

Umwege sind manchmal doch lohnend

Donnerstag, 18. Juni 2015: Von Rates nach Portela de Tamel (27 km)

Meine erste Nacht in einer Albergue war sehr unruhig. Jörg und ich haben uns gestern schon um kurz nach neun Uhr in unsere Betten begeben. Das ungarische Pärchen hatte noch lange nichts Besseres zu tun , als sich flüsternd zu unterhalten - aber mitbekommen habe ich das Gespräch und konnte zunächst nicht einschlafen. Als später auch noch die anderen ins Zimmer kamen, war ich noch immer wach. Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein, obwohl ein polnisches Sägewerk in der ganzen Nacht in Betrieb war. Das nächste, das ich wahrnehme, ist eine aufkommende Unruhe - es ist kurz vor sechs Uhr. Jörg und ich hatten vereinbart, dann auch aufzustehen, zu packen und loszugehen. Wir nehmen unsere vorbereiteten Bündel und machen uns im Flur vor den Schlafsälen fertig. Hier sind auch schon die Ungarn und ein paar Spanier bei ähnlichen Tätigkeiten zu sehen. Gute 30 Minuten benötigen wir, um unsere Sachen verpackt zu haben. Nur noch draußen auf der Treppe die Stiefel anziehen, dann können wir die heutige Etappe beginnen. Kurz vor zieht auch schon das polnische Sägewerk mit Begleiterin - beide in Sandalen - an uns vorbei, die wir aber bereits nach der zweiten Kurve mit einem fröhlichen „Bom Caminho“ hinter uns lassen.

Kopfsteinpflaster-Rennbahn nach Rates

Mittwoch, 17. Juni 2015: Von Lavra nach Rates (26 km)

Ich bin schon sehr früh wach heute - deutlich vor der eingestellten Zeit des Weckers - und drehe eine Runde auf dem Campingplatz. Es ist erst 6.30 Uhr, als ich unser Mobilheim verlasse und mir genussvoll den Sonnenaufgang anschaue. Nach einem kleinen Spaziergang auf dem Gelände kehre ich zurück und stelle fest, dass Jörg auch schon wach ist. Also beschließen wir, uns fertig zu machen und loszulaufen. Während wir mit dem Verpacken der Ausrüstung beschäftigt sind, sehen wir einen älteren Herrn mit Rucksack an uns vorbeilaufen, ohne dass er uns bemerkt. Wir vermuten mal, dass er der Niederländer sein muss, von dem Rainer gestern sprach. Wir verstauen zum Schluss noch unsere Schlafsäcke, die wir ein wenig auf dem Wäscheständer gelüftet haben und überprüfen noch einmal unsere Unterkunft auf vergessene Sachen.

Am Atlantik entlang nach Lavra

Dienstag, 16. Juni 2015: Von Porto nach Lavra (23 km)

Es wurde gestern fast Mitternacht, bis wir unser Hotel erreichten. Daher lassen wir es heute etwas ruhiger angehen und stehen erst gegen 8.00 Uhr auf und machen uns für das Frühstück fertig, das im zweiten Stock serviert wird und für den Preis von vier Euro sehr üppig ausfällt. Anschließend besorgen wir uns im nahe gelegenen Supermarkt Riegel, Wasser und Äpfel, checken im Hotel aus und legen endlich los. Inzwischen ist es schon kurz nach 10.00 Uhr - eigentlich eine unmögliche Zeit für Pilger. Viele haben da schon bei angenehmen Temperaturen etliche Kilometer hinter sich gebracht. Über uns erstrahlt der wolkenlose Himmel in einem klaren Blau und die Sonne sorgt bereits für erhöhte Temperaturen. Auf dem Weg zur Kathedrale schauen  wie uns noch die Azulejos - Bilder aus zumeist quadratischen, bunt bemalten und glasierten Keramikfliesen - am Bahnhof São Bento an. Die Darstellungen aus der Geschichte Portugals faszinieren uns und zahlreiche andere Besuchergruppen. Der Bahnhof selbst wurde erst 1916 fertiggestellt und befindet sich auf dem Gelände eines Klosters aus dem 16. Jahrhundert. Allerdings zeugt davon nur noch der verbliebene Name des Bahnhofes, das Kloster wurde 1894 und die Klosterkirche 1906 abgerissen.

Auf Erkundung im Weltkulturerbe

Montag, 15. Juni 2015: Porto

Lange habe ich mich auf diesen Tag gefreut. Auf den Tag, an dem ich zum ersten Mal nach Santiago starten darf. Und dieser Tag beginnt sehr früh, nämlich um 3.00 Uhr, mitten in der Nacht. Um 4.00 Uhr fährt vom Koblenzer Hauptbahnhof der Bus zum Flughafen Hahn. Meine Frau Susanne ist so lieb und bringt mich zu dieser unmöglichen Zeit mit dem Auto zum Bahnhof - ganz lieben Dank dafür. Der Bus fährt pünktlich ab. Ich habe mich in den hinteren Teil des Busses verdrückt und will meine Ruhe haben. Mit mir sind noch weitere fünf Passagiere an Bord. Die Fahrt zum Flughafen Hahn verläuft unspektakulär. Nachdem an den beiden einzigen weiteren Haltestellen in Emmelshausen und Kastellaun niemand mehr zusteigen möchte, erreichen wir zügig kurz nach 5 Uhr das Flughafengelände. Von der Bushaltestelle am noch leerstehenden Parkhaus sind es nur wenige Schritte bis zum Terminal.